Gastbeitrag | Kritik
Schöne neue Fußballwelt
von Ute Vorkoeper
Glanz und Globalisierung.
Fußball, Medien und Kunst
Phoenix Halle, Dortmund
5. Mai bis 19. Juli 2006

Ulf Aminde, "Täter und Opfer",
2-Kanal-Videoinstalllation, 2003-2004, Foto: Inke Arns
Einigkeit und Recht und Fußball für das deutsche Vaterland. Nach zwei Wochen WM bin ich abgefüllt, nicht weil ich so viele Spiele gesehen hätte, das überlasse ich anderen, sondern von der Patriotismusdebatte, der man nirgends entgehen kann. Ja, ja, niemand hatte gedacht, dass "die Deutschen" so nett und lieb sein können. Vor allem die Deutschen nicht. Und die Fahne, schwarz-rot-gold, ist nicht mehr peinlich. "Schwarz, rot, geil" dichtete BILD vor über einer Woche und Jung wie Alt streift sich die Nationalfarben über.
Passend zum Patriotismusgerede hat zudem die überschwängliche Beschwörung der Grundwerte des Fußballs angehoben. Er ist wieder das große Fest, das er mal war. Meint man. In den Medien. Zurückgekehrt zu seinen Wurzeln vermittle er endlich wieder echte, authentische Lebensfreude. Dass kaum noch ein Wort über die ökonomischen Aspekte des Weltsports fällt, entspricht der Gefühlslage der Nation.
Doch in der Kunstwelt gibt es Ausnahmen! Ich stand am Freitag, den 9. Juni, punkt 17:59, als sich die Massen vor Fernsehern und gigantischen Leinwänden versammelten, um den Anpfiff der WM zu verfolgen, mutterseelenallein in einer großen Ausstellungshalle und dachte: Kritik und Bedenken lassen sich nur schwer vermitteln, wenn überall der Bär steppt. Wer es dennoch tut, verdient Lob und Aufmerksamkeit.
Denn anders als viele Kunst-Fußball-Ausstellungen oder Fußballkunstprojekte, die Deutschland überflutet haben, haut man in Dortmund mit "Glanz und Globalisierung. Fußball, Medien und Kunst" nicht in die billige Lebensfreude-Kerbe. Es ist eine komplexe und komplizierte Schau. Zwar lärmt es auch hier, dröhnt und redet, aber es sind nicht die netten Fans von nebenan, sondern es sind die unterschiedlichen Verlierer oder Mitläufer in der glanzvollen Fußballwelt. Sie leben am Rande und kämpfen in ihren Nischen ums Überleben.

Martin Brand, "Match", 3 Kanal Video Installation, 2005
Martin Brand zeigt in zeitlicher wie farblicher Verfremdung ein Triptychon aus gefundenen Videos: Hooligans verschiedener Vereine hatten sich bei einer verabredeten Schlägerei filmen lassen und die Videos für Gleichgesinnte online gestellt. Ulf Aminde begleitete ein Jahr lang eine Gruppe Berliner Alkis, die sich samstags zum Kicken und Trinken treffen. Ursula Biemann und Angela Sanders suchten Menschen auf, die täglich mit den europäischen Grenzen konfrontiert sind.
Außerdem gibt es schräge Marktanalysen, Subversionen wie dramatische Unterwerfungen unter die Anforderungen des globalen Markts in der Ausstellung zu sehen. Beobachten kann man beispielsweise wie der bulgarische Künstler RASSIM® über zwei Jahre mittels Training und Aufbaupräparaten zum Bodybuilder wird. Und die Gruppe 0100101110101101.ORG zeigt, wie sie im letzten Herbst Wien mit der Behauptung schockte, dass der traditionsreiche Karlsplatz in Nikeplatz umbenannt werden solle.

Luther Blissett, "Three Sided Football" (links) und Mieke Gerritzen, "Beautiful World", 2006
Das ist sie also, die schöne neue Fußballwelt im Spiegel der Kunst: lustig und todtraurig zugleich. Dass Witz und Ernst in dieser Ausstellung so eng zusammen liegen, macht sie charmant und unterhaltsam. Sie verschafft selbst rein intellektuellen und fußballfernen Geistern sinnenfrohen Genuss. So reduziert Mieke Gerritzens Video "Beautiful World" große Denkansätze der letzten Jahrzehnte auf Slogans und animiert sie mit billigen digitalen Effekten. Und am Ende zeigt "Luther Blissett 3-sided Football League" einen Ausweg aus allen Spiel-Krisen: Das Kollektiv stellt ein Fußballfeld für drei Mannschaften vor, das die Bipolarität des üblichen Fußballs und Denkens in "Trialektik" überführt. Im Spielverlauf müssen die Mannschaften laufend neue Allianzen bilden und Verteidigungsstrategien entwickeln. Denn als Sieger gilt nicht, wer die meisten Tore schießt, sondern wer die geringste Trefferzahl im eigenen Tor meldet. Bis zum Anpfiff der ersten 3-sided-Football WM allerdings lohnt sich der Ausflug nach Dortmund für alle, die dem Fußballhype entkommen, die Sachlage komplexer, deshalb aber nicht unbedingt verbissen betrachten möchten.
Glanz und Globalisierung. Fußball, Medien und Kunst. PhoenixHalle, Dortmund, noch bis 19. Juli, siehe: www.hmkv.de
(Gekürzte Fassung einer Kolumne für WOZ, Die Wochenzeitung, Zürich, Nr. 25, 22.6.2006)
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Gastbeitrag, 30.06.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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