Markus Wirthmann | Kritik
Hartz und Kunst
Über den Artikel Kunst und Geld (Teil 1): Wie sich Berliner Künstler in Zeiten von Hartz IV über Wasser halten von Nicola Kuhn im Tagesspiegel vom 13.07.2006

... "Künstlerpaar Twin Gabriel mit seinen beiden Kindern, inszeniert als drop-outs der Gesellschaft: Else Gabriel im Woolworth-Chic mit pinkfarbenen Plateauschuhen und knallenger Streifenjeans, ihr Mann Ulf Wrede glotzt mit Fetthaaren vor sich hin, die Dose Bier in der Hand. "Prosoche" hat das Duo die bizarre Serie genannt, nach einer der Grundtugenden des Neostoizismus. "Dem Schrecken ins Auge blicken" bedeutet es übersetzt, und Twin Gabriel meinen es ernst damit."
Künstler müssen´s schwer haben, das wissen wir doch. Allerspätestens seit "Der arme Poet" von Carl Spitzweg oder dem alten Ohrenabschneider van Gogh ist das doch in die Ammenmärchen der Kulturgeschichte eingegangen. Na klar sind die Künstler erstes Opfer von Hartz IV! Und jetzt kann man´s auch mal laut sagen, oder schreiben.
Einige Monate vor Einführung des neuen Euphemismus Arbeitslosengeld II, also Hartz IV, wurde mir noch hintertragen, dass eine einigermaßen bekannte Galeristin beim Sozialamt mit einer Künstlerin zusammentraf. Nach kurzer und salopper Begrüßung trennte man sich wieder. Die Galeristin besann sich und schnappte sich die Künstlerin noch mal: "Aber sag bloß keinem, dass Du mich hier getroffen hast".
Das würde jetzt höchstwahrscheinlich nicht mehr passieren. Denn nachdem die Bundesregierung mit der Umbenennung des Sozialamtes in JobCenter ein unglaubliches Eigentor geschossen hat, ist der Gang zu JobCenter und Arbeitsagentur unter den weniger privilegierten des Kultur- und sonstigen Betriebs zum Kaffeeklatsch geworden.
Einiges, so berichtete mir eine Leidtragende, ist dadurch für den nicht im Kunst-Markt-Karussell platzierten Künstler ja auch besser geworden: jetzt kann man der Leistungsabteilung des JobCenters einfach mal seine Einnahmen mitteilen und die dadurch entstandenen Ausgaben dagegen rechnen. Das ist neu und auf jeden Fall für den darbenden Kleinunternehmer, der der Künstler ja meistens ist, ein irrsinniger Vorteil. Nichtsdestotrotz soll hier mal konstatiert sein, dass es einfach einfacher geworden ist, die staatlichen Leistungen einzufordern, weil die Hemmschwelle niedriger gesetzt wurde.
Nun ist Frau Kuhn irgendwie der Kunst auf den Leim gegangen. Sie verkauft Kunsterkenntnis als Realität. Und das ist Käse! Es fängt schon bei den ominösen Zahlen ihres Artikels an: 5000 Künstler soll es in Berlin geben. Das ist wahrscheinlich nur die Zahl der eingetragenen Mitglieder des BBK oder die der Beitragszahler der Künstlersozialkasse in Berlin. Ähnliche Zahlen habe ich auf jeden Fall schon mal vor Jahren aus irgend einem pädagogischen Grund am Telefon recherchiert (damals war ich noch an der Kunsthochschule in Lohn und Brot und wollte ein Stück Realität exemplifizieren). Und wenn man ihren Rechenexempeln folgt, gibt es schließlich nur rund 250 Künstler, die in Berlin ihr Auskommen mit der Kunst finden. Man muss ja nicht wie Olafur Eliasson kurz vorm Börsengang stehen, um seine sechzig Quadratmeter Wohnfläche regelmäßig zu zahlen und die Hauskatze standesgemäß zu ernähren - es gibt auch Normalverdiener und alles dazwischen.
In Berlin gibt es auf jeden Fall weitaus mehr Künstler als in dem Artikel des Tagesspiegels dargestellt. Die beiden Kunsthochschulen spucken jedes Jahr gut hundert davon aus, sämtliche anderen Kunst-Bildungsstätten entsorgen mittlerweile ihre Jungkünstlerlast auch nach Berlin, das Künstlerhaus Bethanien importiert jährlich einige, der Rest kommt einfach nur mal so und bleibt dann freiwillig. Schätzungen unter Kundigen gehen von irgendeiner Zahl zwischen 10 und 40 Tausend aus - auf jeden Fall Kleinstadtstärke.
Jetzt hat sich Nicola Kuhn als Arme-Leute-Parade-Künstler ausgerechnet (e.) Twin Gabriel ausgesucht und wie diese selbst sagen, lehrt Else Gabriel in Kassel. Was denkt die Journalistin, lehrt sie denn da? Hartz IV abgreifen? JobCenter-Bestuhlung platt sitzen? Oder was?
Natürlich haben (e.) Twin Gabriel mit ihrer Arbeit Prosoche eine wunderbare Ikone der späten Schröder- und frühen Merkel-Regierung geschaffen. Ein Fotografie gewordenes Monument der schwelenden Unzufriedenheit im Nachwendedeutschland, eine universelle Befindlichkeitsallegorie zwischen Dittsche, Geiz-ist-geil und den Assis, die sich im Nachmittagsfernsehen ihr Privatleben um die Ohren hauen. Aber, um das mal in aller Deutlichkeit zu sagen: hierbei handelt es sich um Kunst; sie ist gehöht mit der Absicht Wirkung auszulösen, das Sentiment und vielleicht auch ein bisschen den Hohn in die richtige Richtung zu lenken. Die spielen das nur, sind zwar in sympathischer Weise nahe dran - aber nicht wirklich betroffen - Keuchhusten hin oder her.
Ich will hier garantiert nicht den Nestbeschmutzer spielen und auch nur im entferntesten behaupten, dem Künstler, so im Großen und Ganzen, ginge es dufte. Mit vielem und in der Tendenz liegt der Artikel sicher richtig, aber die Beispiele sind falsch gewählt. Die Gabriels kommen zu Wort weil Sie einfach prima Künstler sind, eine mehr als passende Illustration produziert haben und als Profi-Performer auch die Message authentisch rüberbringen. Und genau dieser Professionalität ist Nicola Kuhn auf den Leim gegangen.
Als Künstler zu arbeiten kann auch heißen, an einer Hochschule zu lehren oder wie der ebenfalls in dem Artikel vorgeführte Tilman Wendland den Produktkatalog des Uhrenfabrikanten Nomos zu gestalten. Es gibt einfach kein verbrieftes und moralisches Recht auf Einkommen durch selbst gewählte Betätigung. Bei einigen Politikern hat man zwar diesen Eindruck, bei Modelleisenbahn-Enthusiasten hat das auch schon mal geklappt und wohl auch bei einer ganzen Anzahl von Künstlern - und nicht nur bildenden.
Für alle anderen gilt: Dran bleiben, über die Runden kommen und zur Not Hartz IV.
Übrigens im Ballhaus Mitte (ehemals Clärchens) gibt´s noch historische Werbe-Postkarten - und die hat Otto Dix gestaltet!
Markus Wirthmann, 17.07.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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