Gastbeitrag | Kritik

Kunst und Gestaltung (Teil 1)

von Andreas Koch

ars viva 05/06 – Identität/Identity
Ausstellung der FörderpreisträgerInnen des
Kulturkreis der deutschen Wirtschaft im BDI e.V.
Jason Dodge, Takehito Koganezawa, Michaela Meise, Robin Rhode
KUNST-WERKE BERLIN
25. Juni – 20. August 2006

Nur drei Wochen nach Ende der 4. Berlin-Biennale kann man an fast gleichem Ort Arbeiten einer Künstlerin sehen, die exemplarisch für eine Kunstrichtung steht – eine Richtung, die eben auf dieser Biennale erstmalig in größerem institutionellen Rahmen eine Bühne fand. Dort zeigte Michaela Meise merkwürdig konstruktivistisch verschränkte, in verschiedenen lila-Tönen lackierte Holzplatten mit einer aufgesteckten sw-Fotografie eines nackten Jünglings. Schon hier fabrizierte die Künstlerin eine Skulptur als Sample verschiedener Sprachen der jüngeren Kunstgeschichte – etwas Konstruktivismus, gemischt mit Minimalismus, angemalt in Farben, die eher für die Frauenbewegung stehen und obendrauf ein geheimnisvolles, historisches Element.

Jetzt im KW zeigt die BDI-Preisträgerin ein ähnliches Konglomerat aus Formen und Sprachen. Lila ist wieder die präsente Farbe ihrer Ausstellungsecke. Der direkte historische Bezug landet diesmal in den späten vierziger Jahren bei einer Malerin namens Kate Diehn-Bitt, die 1948 einen Katalog veröffentlichte. Genau diesen Katalog zeigt Meise als sw-fotokopierten Wandfries und damit die Bilder der 1978 verstorbenen Malerin – karge, naive Nachkriegsportraits von Frauen. Hier könnte der Ansatz darin bestehen, das Werk einer nahezu unbekannt gebliebenen Malerin sichtbar zu machen und das wäre vielleicht lobenswert. Der Verdacht, dass die Künstlerin die Bilder jedoch nur benutzt, weil sie gut zu einem speziellen Meise-Klang passen, bestätigt sich, wenn man die Pressemitteilung liest: »Tatsächlich geht es Michaela Meise in erster Linie darum, mit ihren collagenartigen Raumstrukturen eine bestimmte geschlossene Stimmung zu erzeugen ...«. Zu dieser Stimmung gehören noch drei Meter hohe lila Tischchen mit dem Titel »Spinne/Pforte« die Louise Bourgois genauso gebaut und betitelt, nur nicht so angemalt hätte, und eine Arbeit namens »Mosaik«, die ein Farbfoto ihres Bruders im »Parka« aus den Achtzigern in polygone Formen einrahmt. Die Stimmung ist ein bisschen wie im evangelischen Gemeindezentrum – man wartet auf die Gitarrengruppe und schaut sich währendessen Käthe-Kollwitz-Holzschnitte an. Dazu würde auch ihr rudimentärer Nico-Nachgesang im Stile einer mittelalterlichen Minnesängerin passen, den sie kürzlich zusammen mit dem Künstler Sergej Jenssen aufnahm, der aber nicht zu hören ist.
Was Michaela Meise betreibt, könnte man mit »Befindlichkeits-Appropriation« bezeichnen – ein Sich-Aneignen von Bildmaterial um ein Gefühl zu vermitteln. Ob dieses Gefühl etwas mit der Künstlerin zu tun hat, bleibt genauso unklar, wie ihr Anliegen.

Tatsächlich geht es immer mehr Künstlern darum, lediglich Stimmungen zu erzeugen. Anstatt etwas zu vermitteln und zu sagen, wird ein Teppich an Verweisen gelegt, hinter dessen polyphonem Gewaber sich die Autoren gut verbergen können. Sie arbeiten wie Gestalter von Modemagazinen oder Werbeagenturen und benutzen wie diese ein in der Moderne definiertes Vokabular, um es lediglich neu zu mischen. Eine Jeanswerbung die Punker in Sergej-Eisenstein-Perspektiven fotografiert und mit einer Bauhausschrift kombiniert, macht nichts anderes.
Schon auf der Biennale kam man sich vor wie auf einem Recyclinghof der Moderne. Zitate über Zitate waren dort in verfallenem Ambiente auf klassische Weise arrangiert. Ganze Galerieprogramme richten sich mittlerweile mit dieser in den »Nuller«-Jahren gehypten Kunst ein. Zu gut passen die Arbeiten untereinander und später zu den Möbelklassikern der Sammler. Der eigene Klang unserer Zeit ist demnach nur ein Sample der letzten hundert Jahre. Irgendwie ist das aber zu wenig.
Wer wissen will, wie Kunst aussehen könnte, die tatsächlich mehr zu sagen hat und dennoch poetisch ist, sollte sich den zweiten Stock der KW anschauen mit Arbeiten der Mitpreisträger Jason Dodge und Robin Rhode.


Kamera: motorola razor v3i.

Gastbeitrag, 15.07.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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