Max Glauner | Kritik
Palimpsest0602 - 06 General Idea – Seesterne und Schwämme
general idea. editions 1967-1995
KW Kunstwerke, Berlin
24. Juni bis 20. August 2006
General Idea. Magi© Bullet/Early Works
Galerie Esther Schipper, Berlin
25. Juni bis 29. Juli 2006

Die Frage, was oder wer General Idea sei, ist nun leichter zu beantworten. General Idea, das humorvoll-anarchische Konzeptkunsttrio aus Toronto ist bis Mitte August in den Kunstwerken mit der Ausstellung general idea. editions 1967-1995 wiederzuentdecken. Die Galerie Esther Schipper zeigt parallel dazu die Installation Magi© Bullet und mit Early Works frühe Arbeiten des Künstlerkollektivs aus den frühen siebziger Jahren.

Viele werden die heraldischen Pudel von General Idea kennen oder ihr AIDS-Logo, das Ende der 1980er-Jahre Robert Indianas rot-grün-blaues Quadrat LOVE in Dienst des AIDS-Aktivismus stellte. General Idea war bis zum Tod der beiden Lebens- und Arbeitspartner AA Bronsen, Jorge Zontal und Felix Partz, beide starben 1994 an den Folgen von AIDS, seit 1973 immer wieder in Berlin zu sehen, zuletzt 1993 in den Kunstwerken, wo man mit Prints and Issues einen Ausschnitt der Editionen der Künstlergruppe zeigte. Dann wurde es still. Ihre ironische Übernahme der Codes der bunten Warenwelt hatten andere – meist humorloser –weiterbetrieben. Ihr kollaboratives Arbeitsprinzip schien nicht mehr in den Zeitgeist zu passen.

"Das markttaugliche Bild vom Malergenie hat es auch in den frühen 1980er gegeben," konstatiert AA, "aber der Gegensatz zwischen Malerei und politischer Kunst halte ist konstruiert." Auch General Ideas variantenreich mutierter Pudel hatte seinen Ursprung in der Malerei. Als das P.S.1 in New York Anfang der 1980er-Jahre eine Malereiausstellung zum Thema "Bestien" plante, malte General Idea kurzerhand einen Königspudel. Das P.S.1 lehnte den Beitrag ab, ebenso wie die Genter Stadtoberen 1984 das Einholen von 50 im Stadtraum gehisster Pudelfahnen anordnete, da sie das Genter Wappentier – einen Löwen – verunglimpfe.

Es gehe nicht darum, gegen etwas anzukämpfen, beschreibt AA die Strategie sondern es wie durch einen "Virus zu infizieren. – Das geht auch mit der Malerei." "Eine Mode kommt nach der anderen, aber General Idea bleibt," sekundiert Markus Müller. Er hat sich kurzfristig darum bemüht, die 2003 von Barbara Fischer an der Blackwood Gallery der University of Toronto ausgerichtete Ausstellung der Drucke, Plakate, Magazine und Multiples nach verschiedenen Stationen in Kanada, den USA und München an die Kunstwerke zu holen. Müllers Mühe dürfte sich gelohnt haben: Während die Galerie Esther Schipper in einem Raum frühe Arbeiten und Multipes mit der späten Magi© Bullets konfrontiert, einer Installation mit hunderten unter der Decke schwebenden Luftballons in Pillenform, werden in der großen Halle und im Erdgeschoß der Kunstwerke rund um die Installation ¥en-Boutique ein repräsentativer Querschnitt der Editionen gezeigt.

Auch wenn man damit auf großformatige Inszenierungen wie Fin du siècle oder Pla©ebo verzichtet, wird darin die radikale Ästhetik von General Idea deutlich. So kann man in Berlin zum ersten Mal alle 29 Nummern des von General Idea konzipierten und von 1972 bis 1989 herausgegebenen Künstlermagazins FILE einsehen. Nach ihrem Prinzip der Infektion hatten sie Logo und Layout des Time-Live-Magazins aufgenommen.

Nebenan im Kellergewölbe lässt es sich an Fruits de mer laben, einer bisher nie realisierten Rauminszenierung aus vergoldeten Fischernetzen, in denen Multiples, yves-klein-blaue Seesterne und rote Schwämme, hängen – allerdings bestünde ein grobes Missverständnis seitens des Besuchers darin, durch Zugriff ausgerechnet an dieser Stelle einem zentralen Credo von General Idea nachzugehen: "cut up or shut up"

Max Glauner, 24.07.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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