Max Glauner | Kritik

Palimpsest0603 – 01 Erik Schmidt geht jagen


Erik Schmidt in der Galerie carlier | gebauer an der Holzmarktstraße

Fotos vom Tod im Tannwald: Mit blutverschmiertem blütenweißem Hemd und Smoking liegt der Künstler im Schnee. "Der schönste Jäger von Deutschland" hieß der Fotozyklus, den der in Hamburg ausgebildete und in Berlin lebende Künstler Erik Schmidt zusammen mit pastosen Ölbildern im vergangenen Jahr in der Galerie carlier|gebauer an der Jannowitzbrücke zeigte. In "Hunting Grounds" wird nun mit einem monumentalen Ölgemälde und einem vierzehnminütigem 16mm-Film auf Digi Beta die Fortsetzung, oder auch die Vorgeschichte zu dem zwischen Krimiplotte und Heldenlied changierenden Crossed-Media-Set aus dem vergangenen Jahr erzählt.

Jagdbilder – das Thema scheint nicht nur obsolet. Jeder, der sich künstlerisch damit beschäftigt, gerät in Verdacht sich zahlungskräftiger Klientel anzudienen. Diesem Vorwurf setzt Erik Schmidts neuere Arbeit kalkuliert noch eins oben drauf: Das Ölgemälde, "Eine Frage des Glaubens", zweier aus dem Bild trottender Waidmänner mit Beute wird in dem einen S-Bahnbogen sakral inszeniert. In dem zweiten Ausstellungsraum tritt der westfälische Uradel auf die Bühne beziehungsweise vor Schmidts Kamera. Im Nachspann erfährt man die Namen. Im kommenden Jahr wird der Film im Mittelpunkt einer Werkschau von Erik Schmidt im westfälischen Museum MARTA Herford sein, das neben der Landeskunstförderung der Financier der Arbeit war. Unterliegt Erik Schmidt damit nicht der Faszination neofeudaler Selbstdarstellungsriten und aktiviert damit eine konservative Werteideologie von Blut- und Bodeneliten?

Die ersten Sequenzen von "Hunting Grounds" geben dem Nahrung: Galoppierende Pferdeleiber in Slowmotion. Schnitt: Ein Dinner, Gesellschaft in Abendgarderobe, man tafelt, man plaudert. Erik Schmidt hält unter dem jovialen Grinsen väterlicher Herrn eine Rede. Man bekommt sie nicht zu hören. Doch das Loblied auf seine Gastgeberdarsteller singt Erik Schmidt dort wie mit seiner gesamten Arbeit nicht. Er bedient sich mit den Ritualen feudaler Jagd vielmehr eines Settings und seines Vokabulars, das sein durchgängiges Thema, Trieb und Verlangen und die darin angelegte Dialektik von Jäger und Gejagtem, erneut moduliert. Virituos und doppelbödig erzählt der Film im Ton eines Louis Bunuel oder Claude Chabrol von Gier und unerfülltem Begehren. Erik Schmidts Bilder, Schnitte, Gesten, Blicke erzählen dazu tausend mögliche Geschichten.

So setzt „Hunting Grounds“ auch die ältere Arbeit "Safehood" zum Cruising in einer städtischen Parkanlage mit einer triebenthemmten Begegnung der Männer im Schlamm fort. Der Jagende wird dabei selbst zum Wild. Unter der Oberfläche gepflegter Konvention lauert Krieg. Die Faszination an Erik Schmidts Arbeit besteht gerade darin, dass zuerst das Eindeutige und zu Einfache zur Strecke gebracht wird. Das passt nicht ins neokonservative Gepränge.

Erik Schmidt "Hunting Grounds", Galerie carlier | gebauer Holzmarktstraße 15-18, Bogen 49 und 51, bis 15. Juli.
Abbildungen: Oben: Diana und Actaeon, Antike Vasenmalerei übertragen. Mitte: Metopenrelief aus Selinunt, Diana und Actaeon, Archiv: Autor. Unten: Erik Schmidt, Foto: Max Glauner 2006.

Max Glauner, 10.07.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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