Markus Wirthmann | Bücher
A ghostly profession ...
... catering for ghosts, but in grand style
What Happened to Art Criticism?
James Elkins
100 Seiten, Paperback
Prickly Paradigm Press, Chicago 2003
ISBN: 0-9728196-3-0
Neulich, Anfang des Sommers, fiel mir ein kleines, schmales und etwas unschön gelblich gebundenes Büchlein in die Hand: "What Happened to Art Criticism?" des amerikanischen Kunstwissenschaftlers James Elkins. Auf 87 groß bedruckten Seiten, also vom Umfang her eher ein gewichtiger Leitartikel, geht er hier eben jener Frage nach: Was zum Teufel ist eigentlich mit der Kunstkritik passiert? Und warum?


Die Anamnese seines Patienten erbringt zunächst Erstaunliches: Er lebt und scheint fidel, die Branche floriert: überall und allgegenwärtig wird geschrieben und veröffentlicht – trotzdem lautet die Diagnose: "Art criticism is in worldwide crisis. It´s voice has become very weak ..." Die Kritik ist seiner Meinung nach zum Hintergrundrauschen der Hochglanzpublikationen verkommen; selten wirklich gelesen und jenseits des Horizontes von Lehre und intellektuellen Debatten. Bleibender Wert wird den Elaboraten zudem eher selten zugemessen: Kunstmagazine und Kataloge "are considered ephemeral by libraries and databases, and therefore not collected or indexed."
Zunächst untersucht Elkins die Erscheinungsformen von Kunstkritik und bedient sich zur Beschreibung des Status Quo des Bildes von der sagenhaften siebenköpfigen Hydra – was schon nichts Gutes ahnen lässt. Die Kategorisierung der "Köpfe" scheint ein bisschen der hübschen Metapher geschuldet und lässt sich sowieso nicht eins zu eins auf deutsche Verhältnisse übertragen. Beim Katalogtext (The Catalog Essay) und der akademischen Abhandlung (The Academic Treatise) funktioniert das noch ganz gut, aber Cultural Criticism ist nicht mit Kulturkritik zu verwechseln sondern bezeichnet in etwa das, was uns hippe Lockerschreiber von Monopol, Neon und SZ-Magazin um die Ohren watschen: "... the avalanche of magazine and newspaper criticism that includes art, but does not present itself as art criticism."
Bei konservativer Tirade (The Conservative Harangue) und philosophischem Aufsatz (The Philosopher´s Essay) macht´s schon gleich wieder Klick, das passt: Beaucamp vs. Sloterdijk, Frankfurter Allgemeine vs. Lettre.
Bis zuletzt hat sich der Autor die beiden Wasserköpfe der Kunstschreiberei aufgespart: die beschreibende (Descriptive Art Criticism) und die poetische Kunstkritik (Poetic Art Criticism). Letztere scheint mir, zumindest unter den deutschen Autoren nicht sonderlich verbreitet, immerhin setzt James Elkins die Qualitätsansprüche an Stil und Sprache ziemlich hoch: "...creating a piece of writing with literary value". Ob diese Disziplin in den USA wirklich eine so große Bedeutung hat und derart viele Autoren poetische Ambitionen entwickeln oder diese Kategorie den dichterischen Ambitionen des Autors (und seiner altgriechischen Metapher) geschuldet ist, entzieht sich meiner Kenntnis; Elkins muss jedenfalls in seiner Bibliothek ziemlich weit nach hinten zu Wilde und Baudelaire greifen, um dieses Hydra-Haupt wasserdicht zu kriegen.
Mit der beschreibenden Kritik sieht es da schon anders aus, die kennt man hierzulande zur Genüge, und man kann sich immer wieder mit dem Autor wundern: "Art writing that attempts not to judge, and yet presents itself as criticism, is one of the fascinating paradoxes of the second half of the twentieth century." Gestützt auf eine Umfrage der Columbia University unter den 230 einflussreichsten Kunstkritikern der Vereinigten Staaten zeichnet James Elkins das Anforderungsprofil für den Schreiber in dieser Disziplin nach: "providing an accurate, descriptive account", "motivating to see and buy art", "... inform the reader of what´s in town". Letztlich scheint ihm diese Schreiberei wie ein großer gutartiger Tumor; harmlos aber "passively destructive" denn er schneidet die Verbindung zu Urteilsfähigkeit und kunstgeschichtlicher Basis ab; dies führt zu diplomatischer Harmlosigkeit.
Der umfangreichen Untersuchung folgt die scheinbare Therapie: "Seven Unworkable Cures"; für jeden Hydrakopf eine, ist eher der nicht ohne Ironie vorgetragene Versuch, reflexhafte Therapieversuche als sehnsüchtig nostalgisch, unrealistisch und damit untauglich abzuqualifizieren.
Das heißt allerdings nicht, dass sich James Elkins mit dem Zustand zufrieden gibt: "The very idea of finding something wrong with the current state of criticism is itself historically determined." Als Belege führt er hier eine Podiumsdiskussion der Zeitschrift October im Herbst 2001 zum Thema und nicht zuletzt das Erscheinen seines Buches im Jahr 2003 an. Aus deutscher Sicht kann man hier noch um den Zeit-Artikel vom Januar 2004 "Die Feigheit der Kritiker ruiniert die Kunst" von Hanno Rauterberg ergänzen; und siehe: die crisis ist worldwide!
Sein schmales Bändchen ist "work in progress", und soll, hoffentlich in naher Zukunft, Teil einer umfassenderen Publikation zum Thema werden. Dies erklärt den etwas unfertigen und skizzenhaften Gesamteindruck, den das Werk hinterlässt. Der Erkenntnisgewinn und das Lesevergnügen wird dadurch allerdings nicht geschmälert, und es bleibt einem selbst überlassen ob man sich mit dieser kurzen, gern auch polemischen Einlassung zufrieden gibt oder auf die umfänglichere Publikation wartet. Ich möchte hiermit nach längerer Beschreibung ohne allzu viel Poesie mit einer als Urteil getarnten Kaufempfehlung schließen: What Happened to Art Criticism?
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Markus Wirthmann, 28.08.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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