Max Glauner | Kritik
Palimpsest0603 – 03 Landpartie ins Oderland
von Max Glauner
Zarathustra – Die Gestalten sind unterwegs
Eine Exkursion nach Friedrich Nietzsche
von und mit Jonathan Meese und Martin Wuttke
in Begleitung von Jan Czajkowski
Schloss Neuhardenberg wieder am 18., 19. und 20. August 2006

Donnerstag, 10. August, Ostbahnhof, nachmittags kurz vor vier. Es regnet in Strömen. Zwischen „Kamps“, „DB-Info-Center“ und „Spezialitäten aus Thüringen“ warten auf den Shuttlebus ins Märkisch Oderland. Zwischen orientierungslosen Ankömmlingen und sich unauffällig gebenden Reviertreuen mit Alkoholproblemen unter Observanz der B.O.S.S.-GmbH-Mitarbeiter sind die ebenfalls sich unauffällig gebenden Mitreisenden unter dem Vordach schnell auszumachen. Spätestens beim Aufruf des freundlichen Herrn von der Stiftung Schloss Neuhardenberg lässt sich die vorherige Identifikation durch den betont lässigen Gang zum mittlerweile eingetroffenen Bus bestätigen. Knapp fünfzig machen sich so auf die Fahrt nach Osten aufs Land über die B 1 durch Lichtenberg, am Zementwerk Rüdersdorf vorbei und durch Müncheberg hindurch nach dem Kaff, das ehedem Marxwalde hieß und nun als Neuhardenberg in der Wüste – „weh Dem, der Wüsten birgt!“ – Schlosshotel und Tagungsstätte auf luxuriösem Westniveau in klassizistischem Rahmen bietet. Und Kunstgenuss.
„Die Wüste wächst:“ Der Bus rumpelt unter der geschlossenen Wolkendecke durch entvölkerte Ortschaften. Für jedes zweite verlassene Haus im Dorf – so scheint es – steht ein geschmackloser Neubau am Ortsausgang. „Arme Schweine. Eine Kulturgeschichte“ lese ich im Programmheft der Stiftung Schloss Neuhardenberg für die zweite Jahreshälfte annonciert, merke jedoch schnell, dass es hier nicht unmittelbar um die Geschmacksbildung der Brandenburger Neusiedler geht, sondern literal um das offenbar bisher verkannte Borstenvieh.
Doch mit Geschmacksbildung muss Neuhardenberg dann doch etwas zu tun haben, so gediegen hebt sich die Anlage bei der Einfahrt zur Schinkelkirche, mit Herrenhaus und Ehrenhof gegen ihre ärmliche Umgebung ab – als müsse davon wie zu Urväterzeiten ein ethischer Spiritus in die postsozialistische Ödnis ausstrahlen, der bei Fleiß und Ordnung des Landvolks schon von selbst die Lebensbedingungen verbessern würde. Oder um es mit Meesemythen zu erklären: Neuhardenberg ist auch ein „Vortex“, aus dem die „Brutalen“ von den „Ewigen“ mittels „Zardoz“ in Schach gehalten werden. Es hat aufgehört zu regnen.
Die Hardenbergs hatten Glück. Sie wurden nicht von den Sowjets enteignet, sondern schon vorher: Carl-Hans von Hardenberg verlor nach der Beteiligung am Attentat vom 20. Juli 1944 das Gut, erfahre ich aus der ausgelegten Broschüre. Bis 1996 setzte die Familie ihre Restitutionsansprüche erfolgreich gegen die Bundesrepublik durch, worauf die Schlossanlage ein Jahr später an den Deutschen Sparkassen und Giroverband veräußert werden konnte, der sie nun von einer Stiftungs-GmbH bespielen lässt. Vor den „Armen Schweinen“ ist hier nun „Zarathustra. Die Gestalten sind unterwegs. Nietzsche. Meese. Wuttke“ angesagt, vor der Ausstellung das jährliche Sommertheater. Im letzten Jahr war dafür Christoph Schlingensief zuständig. Er hatte im Vorfeld seiner Bayreuther Parsifal-Inszenierung in Neuhardenberg „Odins Parsipark“ gegeben, einen chaosreichen Synkretismus, den wir auch jetzt irgendwie zu erwarten haben. Doch Schlingensiefs Veranstaltung war nicht wie bei Wuttke, Meese in dem idyllischen Schlossareal angesetzt, sondern auch auf dem heruntergekommenen ehemaligen NVA-Flugplatz in der Nähe. In der räumlichen Distanz kam er nicht so leicht in den Verdacht zum Hofkasper Besser- und Bestverdienender zu werden.

Das zahlende Publikum und das Feld der angeschlossenen Kulturpräkaristen begab sich nun am Schloss vorbei auf den Pleasureground des englischen Landschaftsgarten, wo vor dem entengrützenvollen Teich weiße Plastikstühle warteten. Geradeaus auf dem Hügel ein marmornes Denkmal, links hatte Meese eine Burg auf ein Brücklein gebaut und rechts am Tempelportikus gab es noch mal eine Gruppe Stühle, die später zu benutzen war. Und das Spiel begann: Meese und Wuttke hatten altmodische Frauenkleider angezogen, hüpften und tanzten und trugen ab und an von der Praktikantencrew unterstützt handgemalte Schilder über Weg und Wiese. Das war lustig.
„Ich bin ein Wanderer und ein Bergsteiger, sagte er zu seinem Herzen, ich liebe die Ebenen nicht und es scheint, ich kann nicht lange still sitzen.“
Ist es nötig zu sagen, dass man sich nicht nur während der Anfahrt, sondern auch bei der Veranstaltung, zu der man sich hin und nach dem fulminanten Premieren-Buffet wieder zurück kutschieren ließ, ausschließlich in der Ebene aufhielt? Die beiden Jungs, der Jonathan und der Martin hatten dabei sicher einen Mordsspaß. Zur Recherche durften sie im Vorfeld auch nach Sils-Maria fahren und kucken, wie es auf der Höhe so aussieht, um in den Ebenen besser zurechtzukommen. Und ich muss gestehen, dass sich der Spaß im Laufe der Darbietung auf mich irgendwie übertragen hat, auch wenn ich weiterhin gestehen muss, dass es mir mehr Spaß gemacht hätte, auch so einen 19.-Jahrhundertfummel wie die beiden Jungs anzuziehen und delirant im Park rumzuhüpfen. Aber da kann ja nicht jeder daherkommen, was mir während der Aufführung spätestens da wieder ins Bewusstsein drang, als die verzogenen Gören hinter mir anfingen, das ganze durch lautstarke Tanzspielchen als Mitmachtheater zu begreifen, bis sie von der Mama, die sicher eine sozialpädagogische Ausbildung genossen hatte und nun ihrem Gatten den Haushalt schmiss, demonstrativ zur Raison gerufen wurden. Die Bälger ließen sich davon freilich wenig beeindrucken und wirbelten unter den Bäumen hinter der Szene weiter.

Und Nietzsche? Wuttke sagte ab und an Texte auf, Meese malte Konterfeis, die physiognomisch zwischen Sean Connerys „Zardoz“ und dem Denker aus Röcken changierten. Das trug zwar weder zum Verständnis der Veranstaltung, geschweige denn zur Einsicht in Nietzsches Werk bei. Aber das war auch irgendwie O.K. Wie sich ab den 1970er Jahren, sagen wir Anselm Kiefer, oder Hans-Jürgen Syberberg bierernst Ikonen und Mythen eines deutschnationalen Feldes annahmen, ist nun der generationsbedingte Zyklus neuerlicher Zuwendung mit Christoph Schlingensief, Lutz Dammbeck oder eben mit Jonathan Meese mehr oder weniger ironisch und kolportagemäßig im vollen Lauf. Da ist die infantile Travestie von Wuttke, Meese nicht die unsympathischste: Sie eignen sich die Geisteslandschaft des 19.-Jahrhunderts mehr von Hugo Ball, Johannes Baader, Johanna Spyri und Malwida von Meysenbug her an.
Höhepunkt und Abschluss ihrer Darbietung ist nun die Hochzeit am Tempelportikus. Wuttke, süss in Weiß, die Braut, Meese mit Dackelblick im schwarzen Cut, der Bräutigam. Das Publikum wird am opulenten Mahl beteiligt. Ich schau mir derweil das Denkmal auf dem Hügel an, das vom ersten Besitzer des Gutes, einem Rittmeister von Prittwitz, 1792 seinem verstorbenen Herrn und Gönner errichtet wurde. Meese hat seine Schilder davor aufgebaut und auf dem Sockel kauert ein bärtiger Krieger an einer urnenbekrönten Stele, die das Profil Friedrich des Großen zeigt: Sentimentales Zeugnis feudaler Männerbündelei, der sich die Existenz von Schloss und Gut verdankt. Hatten die Jungs mit ihrer Travestie und Hochzeit auch das travestiert? Ich fürchte, das wurde an diesem Abend nicht ganz reflektiert. Und auf der Rückfahrt schwant mir kurz vor Lichtenberg, dass mir mit der Veranstaltung der beiden Jungs auch eine kleinbürgerliche Variante der im Denkmal verewigten Feudalkumpanei begegnet sein könnte.
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Max Glauner, 14.08.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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