Gastbeitrag | Kritik
The Miniature Worlds Show
von Tina Schmücker
Jerwood Space, London
11. August - 9. September 2006
Curated by Andrea Gregson and Laura Youngson Coll
Artists: Adam Humphries - Andrea Gregson - Liz Dawson - Laura Youngson Coll - Michael Whittle - Paul Collinson - Tessa Farmer

Der Ausstellungsort ist der ziemlich noble Jerwood Space in London Bridge, gegründet von der Jerwood Foundation, die eine lange Reihe von künstlerischen Projekten in England unterstützt. Unter anderem unterhält die Foundation eine Reihe von großen Proberäumen für Theater und Tanzgruppen in dem Gebäude hinter und über dem eigentlichen Ausstellungsraum. Der Ausstellungsort selbst erhält gerade ein größeres Makeover: Um mehr Platz für die Kunst zu schaffen, wird über dem alten Gebäude ein weiteres Stockwerk oben aufgesetzt.
Die Jerwood Foundation vergibt alljährlich einen Drawing prize sowie einen Sculpture prize und unterhält außerdem den Jerwood Scupture Park außerhalb von London.

Die Ausstellung wurde von zwei Künstlerinnen kuratiert, die sich in ihrer künstlerischen Arbeit zwar sehr ähnlich ausdrücken aber doch Welten von einander entfernt sind. Andrea Gregson bietet in ihren auf Stelzen gestellten Räumen Einsicht in eine Miniatur-Gedankenwelt, die wie kleine, in die Länge gezogene viktorianische Theater aussehen.
Laura Youngson Coll´s Arbeiten beschwören ein magische Pflanzenwelt, die erst entstehen konnte, nachdem der Mensch seine Gentechnik-Experimente wieder aufgegeben hatte. Ihre Arbeit wirkt leider ein wenig verlassen in der Ausstellung. Vielleicht ist kuratieren und gleichzeitiges Ausstellen doch ein bisschen viel.
Insgesamt herausgekommen ist aber eine interessante Show. Die Künstler, die von den Künstler-Kuratorinnen für diese Ausstellung ausgesucht wurden, arbeiten alle auch – wie der Name der Ausstellung vermuten lässt – auf dem gleichen Feld: handwerklich sehr exquisite Miniatur-Welten in jedem Medium.

Die Ausnahme macht hier Adam Humphries, bei dem sich das Label Miniatur-Welt eher auf den Betrachter bezieht: Man steht neben riesenhaft vergrößerten Objekten, die man als Ansammlung wohl eher sehr klein am Rand einer Baustelle finden würde: Nägel, Schraubenteile, Kieselsteine, abgebrochene Zweige, Drahtrollen. Nur sind diese Objekte alle wie versteinert: weiß – aus Styropor – und füllen den ganzen Raum. Hm ... obwohl ich das schon ein paar Mal in anderen Ausstellungen gesehen habe werden diese Installationen immer besser je öfter ich sie sehe.
Im ersten Galerieraum hat Michael Whittle eine seiner sehr guten kleinen Zeichnungen vergrößert (leider) und wie auf einer Art Wandtapete an die Stirnwand des Raumes gemalt. Warum die Wiederholung? (Dumme Frage!) In immer gleichen Abständen schräg über die Wand verteilt? - Langweilig. Als Zeichnung an sich sehr schön, nur eben nicht in Tapetenform.
Die zweite große Zeichnung von Michael Whittle, ein großes Blatt mit dem Titel Thirty Abreast in Good Order ist wunderbar detailliert und lässt einen mit Staunen lange den zarten Linien folgen.

Sehr gut auch Tessa Farmers Arbeit, die leicht gruselige kleine Geschichten aus der geheimen Welt der Tiere oder Geister(?) erzählt und kleine Elfen mit Wespenflügeln, auf zu Flugmaschinen umfunktionierten Vogelskeletten reitend, einen Igel im Triumph abführen lässt. Aber warum muss das ganze schüchtern in der Ecke eingequetscht in Adam Humphries große Styroporschlacht stehen? Den eigentlichen räumlichen Zusammenhang der Arbeit würde man besser kapieren, stünde sie frei im Raum.
Laura Youngson Coll´s Pflanzenwelten sind da nicht so überzeugend. Ihre Tiere aus früheren Ausstellungen sind bei weitem besser als ihre Pflanzenwelt. Next Time...
Im Weiteren ist die Show etwas beliebig in ihrer Verteilung im Raum, etwas von jeder Sorte: Skulptur, Video, Zeichnung ... und Malerei. Die ist langweilig – obwohl die Carcrash-Bilder von Paul Collinson sehr gut gemalt sind. Nur zu präsent als Huh! Here it comes: P a i n t i n g ... Vielleicht passt das auch hier nicht, dass man die Leinwand zu sehr durchsieht.
Die Guckkästen auf Stelzen von Andrea Gregson – Es stört mich hier leider die in der ganzen Show etwas überdeutliche Präsenz von Hier! Handwerk! Sehr gut! Viel Zeit und Mühe in der Arbeit! – zu sehr. Der Stolz, all das selbst und dann auch gut zu machen, ist sehr präsent.
Insgesamt ist es aber doch eine schöne kleine Ausstellung. Vor allem Tessa Farmers und Adam Humphries Arbeiten wachsen über das reine Handwerk hinaus und die Geschichten, die sich hier zusammenspinnen, ergeben eine eigene Qualität, die es lohnt anzusehen.
Es ist etwas überraschend diese Ansammlung von Kunst im Jerwood Space zu sehen, aber es ist August. Da kann auch so ein eher formkonservativer Ausstellungsraum schon mal ein Experiment zulassen – oder? Hab´ jetzt bestimmt was Falsches gesagt ...
All the best from London, Tina
Jerwood Space
171 Unionstreet
London SE1 0LN
Tina Schmücker ist Künstlerin und lebt seit einigen Jahren in London.
Im Web nach Laura Youngson Coll, Paul Collinson, Liz Dawson, Tessa Farmer, Andrea Gregson, Adam Humphries oder Michael Whittle mit Google.de suchen.
Gastbeitrag, 18.08.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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