Gastbeitrag | Essay

Die Unhintergehbarkeit der Buchhaltung - 1. Fünftausend

von Manuel Bonik

An english version of this text is available at zg Berlin

Es gibt ein Loch in Brandenburg.
Es heißt Berlin.
Wir leben mit und drin. (1)

IRA SCHNEIDER

Verbunden mit dem Kunst-Boom der (Londoner und) Berliner 90er Jahre wurde Künstler zum Traumberuf, zeitweise war Künstler Berufswunsch Nr.1 unter deutschen Abiturienten (2). Die Akademie-Professoren des deutschen (jetzt in Abwicklung sich befindenden) Meisterklassen-Systems hatten nichts dagegen: die erhöhte Nachfrage war gut für ihr Geschäft. Und offensichtlich war die Situation von Studenten an einer Akademie introvertiert und isoliert genug, um ihnen das Gefühl zu geben und die Attitüde auszubilden, etwas je Einmaliges zu sein, etwas, auf das die Welt nur gewartet haben wird, wenn er/sie dereinst die Hallen der Akademie verläßt. Nicht aber nahmen sie wahr, wie sehr der Beruf des Künstlers eben die Exklusivität, die er durchaus einmal besessen haben mag, verloren hatte und, Berlin-katalysiert, zu einem Stereotyp geworden war. Das wird einem vielleicht erst mit dreißig ff. klar: dass man sich so individuell dünken kann, wie man will, und doch machen ein paar tausend Menschen der aktuellen 8.000.000.000 etwas, das dem eigenen Schaffen verflixt ähnlich ist. In Berlin leben nach offiziellen Schätzungen zur Stunde fünftausend professionelle (3) Künstler, hinzu kommen die, die’s noch werden wollen, und eine Dunkelziffer, und die nicht-professionellen, und dort draußen gibt’s noch viele viele weitere Tausende, und alle alle wollen sie Aufmerksamkeit, denn sie sind ja sowas von einmalig... – Will sagen: Die Galerien und Museen warten nicht ausgerechnet auf dich, und die Worte, die dein Tun, im Rahmen der vagen Sprache der Kunst, ziemlich genau beschreiben, sind schon so oft bemüht worden. Und die Galerien selbst sind ein Klischee geworden im Berlin dieser Tage, nächste Woche eröffnen wieder drei.

Einstweilen ist die Stimmung in Berlin wenn nicht gekippt, so doch nüchterner geworden. Das hängt weitestgehend damit zusammen, dass es hier nicht möglich ist, seinen Lebensunterhalt mit Kunst zu verdienen, nachdem Berlin ob des Landesbank-Skandals finanziell sagen wir mal implodiert ist und trotz aller Hoffnungen und Euphorien das hiesige Bruttosozialprodukt beim Stand der frühen 90er Jahre geblieben ist. Positive Kunst-Standortfaktoren sind weiterhin günstige Mieten und eine Liberalität im alltäglichen Leben, wie sie z.B. ein durchparanoisiertes New York (zur Zeit) nicht (mehr) zu bieten hat. Aber irgendwas ist schal geworden, das Eröffnen von Galerien oder das Eröffnen von Ausstellungen ein alltäglicher Stereotyp.
Krisen bestärken das obere Kunstmarktsegment, weil, wer was in Kunst zu investieren hat, auf sichere Werte setzt, zu Ungunsten des mittleren Segments, einem, wie es besonders in Berlin in der vergangenen Dekade aufgebaut wurde. Das Geld müssen die Berliner Galerien in jedem Fall auswärts verdienen; und da sich die rosa Nebel der 90er verziehen, sieht der Berliner Galerist seine kleinunternehmerische Situation nun schärfer, und auch die seines Ex-Nachbarn aus der Auguststraße: Man nennt es Konkurrenz, und die gibt es auch unter Döner-Verkäufern.

Weiterhin denke ich in diesem Bocksgesang, unter Verzicht auf Namensnennung, an etliche Freunde, Künstler, Kritiker, Kuratoren, die tatsächlich lange mitspielen durften, aber sich rar gemacht haben. Vielleicht "natürlich" für Thirty-Fortysomethings, die von Einladungs-Lawinen und vom eher noch überreichlicher werdenden Berliner Angebot überfordert sind. Aber vielleicht fühlen auch die aktuelleren Jungkünstler und Junggaleristen Euphorien, die den früheren der leicht angegrauten 90er "Generation Berlin" durchaus entsprechen, und vielleicht muss man sich nur ein paar Häuserblocks weiterbewegen und schon gibt es all die Probleme nicht mehr, die dieser Text andeutet. Andernfalls würde Kunst in Berlin allmählich wieder zu dem Minderheitenprogramm, das sie vor den 90ern, seit den 30ern war. Und das wäre vielleicht auch gut so.

Fashion comes, fashion goes. Nicht vom Tisch sind damit gewisse ästhetische Fragen, wie ich sie vor einer Weile in der FAZ behandelt fand und die danach fragten, was denn im "neuen Berlin" außer Ruinenhype und Retroperspektive noch passiert ist. Das wäre an Einzelnen, an ihren Werken zu untersuchen. Generell ist der Eindruck nicht von der Hand zu weisen, dass die Attraktivität der 90er-Berlin-Kunst oft tatsächlich die Attraktivität der Clubszene war und dass sich beide reichlich auf das Pittoreske von Unmengen vergammelter Architektur verlassen haben. Ist ja auch nicht so häufig, dass mitten in Mitteleuropa ungenutzte und jahrzehntelang unbeachtete Großstädte auftauchen.

Mancher ehedem hoffnungsfrohe Berliner Jungkünstler zieht wieder zurück nach München oder Stuttgart - für Köln bislang keine Nennungen in dieser nichtrepräsentativen Umfrage - und macht endlich "was Ordentliches", vielleicht auch mit der späteren Erkenntnis, dass die 90er-Berlin-Kunst nebst ihren Berufsbildern eine weitere Fata Morgana der New Economy war, die je mehr verschwand, je mehr man sich ihr näherte.


(1) Autorisierte Variante.
(2) Seit ein paar Jahren ist es, glaube ich, Journalismus.
(3) Wo immer man die Grenze zwischen professionell und nicht-professionell ziehen möchte ... - nach den Kriterien des Finanzamts?

Fortsetzung ...

Gastbeitrag, 14.09.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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