Gastbeitrag | Essay
Die Unhintergehbarkeit der Buchhaltung - 3. Komplexität
von Manuel Bonik
1. Teil: Fünftausend
2. Teil: Artitüden
wir backen noch mit Herz und Hand.
Ich nehme positiv an, dass der Wert eines Kunstwerks in seiner Komplexität liegt. Alternativen wären etwa Affirmation (es bestätigt, was ich ohnehin schon weiss oder meine, und diese Bestätigung freut mich) oder Dekoration (ästhetische Affirmation; Design; Folklore) oder Statussymbol (völlig egal, was das für ein Dingsbums ist; Hauptsache es macht gegenüber anderen was her) etc. Komplexität wäre die Komplexität eines Gedankens des Künstlers, die im Kunstwerk codiert zum Ausdruck kommt, und der Betrachter hätte das zu entschlüsseln – die Decodierungsversuche (oder auch ihre Fehlschläge) machen mir Lust. Hintergrund dafür ist ein Fundus von Kunst- und anderen Geschichten, und der entscheidet dann, ob ich den / die kodierten Gedanken als originell empfinde; weitere Lustmomente.
Meine Vermutung zu den hier angegriffenen Weisen der Kunstproduktion ist allerdings, dass das Duchampsche Diktum vom Betrachter, der die Kunst macht, zu einem nur allzu gern begrüßten Selbstläufer geworden ist; dass der Gestus des Renaissancekünstlers beim historisch und technisch wenig beleckten Berliner Jungkünstler zu einer Massenproduktion von unüberlegtem Krempel geführt hat; dass oft genug Codierungen ohne Klartext vorliegen, und also überhaupt keine Codierungen, und also kein Kunstwerk im hier dargestellten Sinne.
Bekannt sind ja z.B. die immer wieder gemachten Aktionen, wo Tiere malen und das Ergebnis dann ausgestellt wird, indem ein menschlicher Künstler erfunden wird oder jedenfalls ohne auf die Urheberschaft hinzuweisen, und wo es dann immer wieder als origineller Witz empfunden wird, wenn sich das Publikum dann ans Enträtseln des vom Künstler Gemeinten macht und womöglich noch was findet. (7) Aber wenn da kein Künstler was wollte, kann man eben im hier dargestellten Sinne nicht von einem Kunstwerk sprechen. Das Kriterium "Mensch" reicht auch nicht, sonst hätten all die ergriffenen Eltern recht und jede Kinderzeichnung wäre Kunst. (8) "Wir Profis" lassen weiterhin nur zu, was das westliche Profi-System als Profi-Kunst akzeptiert, und da fällt trotz aller Bemühungen um Erweiterung des Spektrums um z.B. die "Dritte Welt" oder Art brut nochmal ziemlich viel raus. Jeder Mensch ein Künstler? Sehr witzig.
Kunst-Komplexität ist also gedacht innerhalb eines westlichen Kunstsystems, in dem die Autoren plaziert und repräsentiert sein müssen und auf dessen Geschichte(n) und Moden sie sich beziehen müssen. Erst auf diesem Hintergrund wird ihre Arbeit eventuell (Dekorativität, Verkäuflichkeit, Connections etc. dann doch wieder teilweise vorausgesetzt) überhaupt als Kunst – und das heißt überhaupt vom Profi-System - rezipiert. Einerseits.
Andererseits kommt da noch die Frage nach dem Neuen oder nach der Originalität. Ist man als Künstler in die Lage gekommen, sich auf das Profisystem beziehen zu dürfen, kann man dann z.B. versuchen, dort nicht verwendete Thematiken oder Materialien in dieses System einzubringen, und damit erfüllt man dann oft schon hinreichend – für das Profisystem – das Kriterium des Neuen. Zu neu darf man dann aber auch nicht sein, wenn man sich in diesem System profilieren will, denn wenn man z.B. mit allzu avancierter Technologie arbeitet, blickt die Generation der Sammler mitunter nicht durch und kauft nicht, und das mögen dann die Galeristen nicht und dann heißt es auch schnell mal, dass irgendwas "keine Kunst" ist.
Anderererseits ist man dann Berlin-befeuerter Jungkünstler und glaubt tatsächlich, dass man was völlig Neues macht, wenn man z.B. zwei Porträtzeichnungen übereinanderlegt oder Comics als Kunstmedium entdeckt oder Flohmarkt-Fotografien verarbeitet oder eine Galerie unter Wasser setzt. (9) – Macht man aber nicht, haben tausend Hoffnungsfrohe schon tausendmal gemacht. Und dann wird’s schon ziemlich schnell ziemlich eng, und es tritt – in dieser imaginären Diskussion - das akademische ICH auf: ICH habe MEINE Oma fotografiert! ICH habe MICH nackt in MEINER Wohnung videogefilmt! ICH zeige euch MEINE Welt, und das ist Kunst!
– Nein, keinesfalls, ist eine seit Ewigkeiten abgenudelte Nummer, und dass es jemand als originell empfindet, liegt nur daran, dass nicht alle alles kennen, und DU schon mal gar nicht und darum noch den Esprit aufbringst, deine ollen Kamellen als den neuen Oberhammer anzupreisen. Etwelche Giganten der Nach-2.Weltkriegs-Generation wurden, was sie geworden sind, weil der Krieg die Informationsflüsse aus der Vorkriegszeit abgeschnitten hatte und, als diese wieder zu fließen begannen, sich schon so viel ICH (inklusive Opus und gleichermaßen vom Informationsfluss abgeschnittenen Abnehmern) gebildet hatte, dass sich niemand mehr von den Nachteilen der Historie ins Leben pfuschen ließ.
Eine ähnliche Abgeschnittenheit entstand offensichtlich im Berlin der 90er Jahre. Die Euphorie ließ keinen Platz für ein Nachdenken über Epigonentum, die Halbwertzeiten des Gedächtnisses galoppierten. Im Speziellen bräuchte es aber Zeit, um ein komplexes künstlerisches System auszubilden, das den Namen verdiente. Woher sie nehmen in einem Artotop, dessen Verheizungszyklen sich beständig beschleunigen und das zudem in Aufmerksamkeits-Konkurrenz mit (auch nicht notwendigerweise nichtkomplexen) audiovisuellen Angeboten von Werbung, Mode, Film etc. steht?
(7) Hier müßte man auch noch die Sinne mit ihren von Gestaltgesetzen bestimmten Wahrnehmungsweisen diskutieren, denn es "führt das Interface namens Menschenauge mit seiner Fähigkeit, Gestalten noch dort zu erkennen, wo der gesehene Weltausschnitt von Zufall und Rauschen durchsetzt ist, immer auch Imaginäres in die Bilder ein". Kittler 156.
(8) Das Kriterium "Mensch" reicht noch in einer anderen Hinsicht nicht: Einem hinreichend komplexen Computerprogramm würde ich unter Umständen durchaus zugestehen, dass es Kunst macht.
(9) Hat eigentlich jemals jemand überprüft, ob Malewitsch Lawrence Sterne gelesen hat? Die schwarze Seite? Fortsetzung ...
Gastbeitrag, 29.09.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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