Gastbeitrag | Essay
Die Unhintergehbarkeit der Buchhaltung - 2. Artitüden
von Manuel Bonik
Wäre es möglich eine photographische Darstellungder in meinem Kopfe sich abspielenden Vorgänge,
des bald äußerst langsam, bald – bei übermäßiger Entfernung –
mit rasender Geschwindigkeit erfolgenden
Züngelns der vom Horizont herkommenden Strahlen zu geben,
so würde sicher für den Beschauer jeder Zweifel
an meinem Verkehr mit Gott verschwinden müssen. DANIEL PAUL SCHREBER
Die anderen sind hiergeblieben und beschäftigen sich weiterhin mit Kunst. Die Situation ist dabei eine merkwürdige Mischung aus Konsolidierung und neuartiger Krise, die nur entstanden ist, weil man nach einem Jahrzehnt der Aufbruchsstimmung schließlich etwas zu verlieren hatte und nun feststellt, dass man es auch tatsächlich verlieren könnte. Verwertungszyklen können manisch und auch depressiv sein.
Geblieben ist allerdings auch eine Attitüde des (nicht nur dringend Berliner) Künstlers, entstanden in den vergangenen (und nun erst im Rückblick als solchen erkennbaren) Boomjahren. Sie gründet auf zwei Missverständnissen: auf einer Überschätzung und einer Unterschätzung. Überschätzt wird die Bedeutung von Individualität, unterschätzt die Unhintergehbarkeit der Buchhaltung. Komplexität ist auch und gerade in der Kunst nicht gratis zu erwerben, und dazu gleich.
Wie schon angedeutet, stehe ich dem Konzept der Individualität in der Kunst eher skeptisch gegenüber. Vielfach läßt es sich m.E. nur durch Unwissenheit, Ignoranz oder auch gezielte Abschottung aufrechterhalten. Historisch betrachtet, ist Individualität in der Kunst eine Erscheinung der Neuzeit, bis ans Ende des Mittelalters war alles so furchtbar dunkel, dass man Individuen in den Kollektiven, die beispielsweise Kathedralen bauten, gar nicht erkennen konnte. Wie Ernst H. Gombrich in seiner populären "Geschichte der Kunst" schreibt:
"Natürlich lebten auch früher Meister, die allgemein geschätzt und von Kloster zu Kloster oder von Bischof zu Bischof weiterempfohlen wurden, aber im großen ganzen fand man es nicht notwendig, die Namen der Meister der Nachwelt zu überliefern. Man betrachtete sie wie wir einen guten Tischler oder Schneider. Auch den Künstlern selbst lag wenig daran, bekannt oder berühmt zu werden. Oft signierten sie nicht einmal ihre Arbeiten. Wir kennen die Namen der Meister von Chartres, von Straßburg oder von Naumburg nicht. Sie waren gewiß zu ihrer Zeit geschätzt, aber sie überließen den Ruhm und die Ehre der Kathedrale, an der sie arbeiteten." (4)
Erst Anfang des 14. Jahrhunderts änderte sich die Lage. Mit Giotto di Bondone (ca. 1267-1337) und seinen Fresken von Padua tauchte erstmals ein NAME auf, ein "Maler-Star", dem individueller Ruhm zugemessen wurde und für dessen Privatleben sich das Publikum interessierte. In Prag zu Ende des 14. Jahrhunderts war der Dombau-Meister Peter Parler der Jüngere (1330-1399) vielleicht der erste Künstler, der ein Selbstporträt hinterließ. Im Licht und Laufe der Renaissance tauchten dann immer mehr Individuen auf. - Die Maler waren es irgendwann leid, wie Tischler oder Schneider als Handwerker betrachtet zu werden. Sie versuchten, den engen Zwängen der Gilden zu entkommen, wo sie mal den Waffenschmieden, mal den Ärzten und Apothekern, mal den Geschirrmachern und Kesselflickern zugeordnet waren. Dabei spielte ein handfestes Streben nach gesellschaftlichem Aufstieg und wirtschaftlichen Vorteilen eine wesentliche Rolle.
Handwerker generell standen allenfalls die artes mechanicae offen, die Lehre von praktischen Fähigkeiten, die die Griechen techné genannt hatten. Das Streben der Maler, als Artisten – Künstler zu gelten, bezog sich aber stets auf den Versuch, die höheren Studiengänge der artes liberales zu belegen oder einen vergleichbaren Status zu erringen. Der heutige Individual-Künstler ging also aus einer Bewegung hervor, in der es die Maler offensichtlich für notwendig hielten, sich gezielt von der techné bzw. den artes mechanicae der Zunft-Handwerker abzugrenzen und sie zu verachten. Die Individualisierung zum neuzeitlichen Bildenden Künstler wurde bezahlt mit einem Ressentiment gegen Technik und Naturwissenschaften, das sich in vielerlei Hinsicht bis heute erhalten hat und zu einem immanenten Verzögerungsmoment geworden ist. (5)
Wir finden die ersten Künstler im modernen Sinne wieder als Angestellten bei Hofe, der sich und seinem Tun neue Legitimation verschaffen muss. Zuvor waren Bilder als handwerkliche Produkte standardisiert, die – zumeist der kirchlichen Folklore entstammenden Motive – wurden von den Auftraggebern vorgegeben, der Wert der Bilder wurde im wesentlichen im Wert ihrer Materialien bemessen. Von solcher Bewertung ihres Tuns wollten sich die Maler lösen, nicht der Goldpreis und von den Zünften festgelegte Standards sollten den Wert ihrer Bilder bestimmen, sondern die Erfindungsgabe und Originalität und nicht zuletzt der Ruhm des jeweiligen Malers. Die Maler lernten, sich zu inszenieren, sich von Aura und Geheimnis zu umgeben. Das Starsystem und die PR des Selbst traten als neue wichtige Faktoren in die Kunstgeschichte ein.
Mit Ende des 15. Jahrhunderts hatte sich der Künstler endlich aus dem Dunkel der mittelalterlichen Dombau-Kollektive befreit und sich einen "Namen" gemacht. Als Michelangelo zum Beispiel einmal einen Brief erhielt, der an den "Bildhauer Michelangelo" adressiert war, schrieb er: "Sagt ihm, dass er seine Briefe nicht an den Bildhauer Michelangelo adressieren soll, denn hier kennt man mich nur als Michelangelo Buonarroti." (6)
Es folgt eine, mehrere Jahrhunderte lange, Geschichte des Individualkünstlertums inklusive Geniekult, Malerfürsten und Künstlerkriegen, und mit so hübschen Höhepunkten wie der Verwandlung eines Flaschentrockners in ein Kunstwerk per Signatur Marcel Duchamp. Wobei die meisten Namen wohl auch deswegen auf uns gekommen sind, weil es sich bei den Unterschriften in Wirklichkeit um Firmenlogos handelte, Brands, für die oft genug eine ganze Werkstatt schuften musste, oder auch gleich eine Factory, wie der Körper zu einem dieser Brands das später mal genannt hat.
Die Fabriken allerdings, von ihnen wurden im Berlin der 90er nur wenige gegründet. Die Fabrik, die ihre Wirkung entfaltete, war eine von HdK (Hochschule der Künste) umfirmierende UdK (Universität der Künste), und ihr Produkt sind ins 21. Jahrhundert entlassene Diplom-Künstler. Entlassen mit einer Überschätzung der Wichtigkeit und Individualität des eigenen Tuns, wie sie so wohl kein anderer Beruf kennt. Ein zentrales Moment dieser Hybris ist die Vorstellung, es könnte einen Königsweg der Kunst geben, es könnte einen Ad-hoc-Zugang geben, der ein komplexes Kunstwerk hervorbringt, ohne dass zu seiner Herstellung implizit oder explizit komplexe Wege beschritten werden.
(4) Gombrich 205. Vgl. Heidenreich.
(5) Man denke nur an die Lawinen trostloser Low-tech-Videos, wie sie seit ca. zwei Jahren in der Bildenden Kunst "erlaubt" sind. Die Machart ist erstens eine Folge der Unfähigkeit, das Prinzip des Individual-Künstlers zugunsten von Produktionsteams zu modifizieren, mit all den Konsequenzen diskursiver, nämlich monologischer Armut. Zweitens gilt Low-tech dem konservativen Betrieb der Bildenden Kunst anscheinend immer noch als Ausdruck von "Authentizität" – was für ein schlimmer Kitsch! Drittens scheint die Kunstrezeption als Bildwissenschaften inzwischen die Kunst selbst an technischer Progressivität überholt zu haben (vgl. Ernst u.a.). Anders ist die Lage in der sogenannten Medienkunst, die aber, trotz transmediale, für die Berliner Kunst der 90er keinesfalls prägend war. Vgl. zur technischen Rückständigkeit der Kunst und deren Folgen auch Bonik 2002.
(6) Gombrich 315. Fortsetzung ...
Gastbeitrag, 18.09.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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Kommentare
Lieber Manuel Bonik, könnte dieser alles in allem berechtigte Unmut über die lächerliche Praxis des Kunstbegriffes nicht auch mal dazu führen, Konsequenzen zu ziehen und den Kunstbegriff einfach in Frage zu stellen?
Das wünscht sich nämlich und hilft dabei sehr gerne, Johannes Albers
einzelkind
| 27.09.06
Lieber Johannes Albers,
den Kunstbegriff zu hinterfragen ist ja eine eigene Industrie, und da sehe ich gar nicht so viel Handelsbedarf, auch wenn das zu sagen lustig ist, wenn man solche Texte wie diesen dann doch immer mal verfasst. Und meinst Du den "Kunstbegriff" (= Kunsttheorie) oder die "Praxis des Kunstbegriffs" (= Kunstpraxis)? - Man wuerde ja lieber noch und maechtiger was auch immer hinterfragen, wenn man (aka ich) das Gefuehl haette, dass Ktheorie und Kpraxis ueberhaupt noch etwas miteinander zu tun haetten. Aber jenseits von PR-Texten scheint mir das Theorie-Interesse der (Galerie-)Kuenstler doch eher gering. Oder siehst Du das optimistischer?
Manuel Bonik
Manuel Bonik
| 27.09.06
Lieber Manuel Bonik, vielleicht hätte ich nicht "hinterfragen", sondern "gestalten" schreiben sollen. Und da sehe ich schon Bestrebungen, aber natürlich nicht von den Leuten, die von dem jetzigen (von dir sehr schön beschriebenen) status quo profitieren oder auch nur hoffen irgendwann davon zu profitieren;
Demgegenüber gibt es z.B. neue Ideen von Seiten der Politik, die sich so allmählich fragt, warum man eigentlich hochkommerzialisiertes, schwachsinniges, popkulturelles Kunstgewerbe samt Feudal-Struktur fördern soll. Kultur wird hier zunehmend nicht mehr als unschuldig schützenswerte Größe betrachtet, sondern ganz richtig als umkämpfter politischer Aushandlungsort verstanden. Und wenn man im Bereich bildende Kunst eingreifen will, wird man um eine Umformung oder Aufspaltung des theoretischen Kunstbegriffes nicht herumkommen. Das "Was-ist-Kunst-Fass" ist damit wieder offen.
Diese Debatte, die ja schon im Gange ist, könnte ein Ausweg sein. Aber es gibt natürlich viele Leute die meist aus Eigeninteresse dagegen sind. Egal, oder?
Johannes Albers
einzelkind
| 29.09.06
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