Markus Wirthmann | Kritik
Mitreisende gesucht
Trans Time
Andreas Hofer
Galerie Guido W. Baudach, Berlin
8. September bis 21. Oktober 2006

Ein blaugrün graues Pappgebirge füllt scheinbar den sehr großen Saal der Galerie Guido W. Baudach, vormals Maschenmode und damals viel kleiner. Aber das ist schon lange her - mindestens genauso lange wie die besten Zeiten der Filme und Comics, deren zu Trash-Pop-Ikonen geronnene Nachbilder Andreas Hofer in seinen Ausstellungen verwurstet.
Dominiert wird die Papp-Geisterbahn von einer Vierergruppe von übergroßen betongrauen Superheldinnen. Mount Rushmore wie von Eva Herman - denn Ami-Superheldinnen sehen besonders in der Kopf-Detailansicht immer ein bisschen so aus als ob sie gerade das Mutterkreuz gekriegt hätten. Mount Rushmore ist übrigens auch die aufwändige Kulisse für Hitchcocks "Der unsichtbare Dritte".

Auf der Suche nach den Wägelchen des Fahrgeschäfts oder wenigstens einer Kassenbude oder einem Pappschild, das zum Mitreisen einlädt, stößt man auf eine Grotte, die außer einigem gravitätischen Gebirgs-Gezackele ein Panorama-Fenster für den Blick ins Gedärm der Wellpapp-Rocky-Mountains bereithält, sozusagen für den Blick ins Gedärm von Superheldinnen: Dr. Mabuse on Acid meets Jekyll und Hyde. Beide haben sich´s zu Hause bei Caligaris gemütlich gemacht und auch noch ein paar Bilder an die Wand gehängt. Aha: Phantom Abstraction, wie der Name des Gebirges. Wie Phantomschmerzen oder Phantombild beim Fernsehen oder Fantomas und alles in grünlich mit viel Schatten.
Und wie beim richtigen Rummel von früher gewöhnen sich die Augen erst nach kurzer Zeit an die schattigen Lichtverhältnisse, und das Elend des Fahrgeschäfts wird plötzlich gewärtig: hässlich eindimensional und kruckelig das alles – und klein, ganz klein.
Es scheint als ob Andreas Hofer, wie auch Jonatahn Meese, immer unterwegs ist im Jugendzimmer der Nach-Nachkriegszeit, das sich in seinem Kopf breit gemacht hat, und unterm Bett nach ollen Comics vom großen Bruder sucht oder Schwarzweißfernsehen guckt. Er gehört zu einer Gruppe von Gewohnheitsexpressiven, die ihr ästhetisches Vokabular anscheinend bis zur Spätpubertät komplettiert haben, und dieses jetzt zur Freude von Kuratoren und Sammlern abspulen. Na gut, so´n bisschen White-Trash-Ami-Input ist auch noch dabei, aber erstens ist diese Klientel sowieso immer retro und zweitens könnte das auch von den GI-Kumpels des großen Bruders stammen.

Alles zusammen wird irgendwie zu Irgendwas verarbeitet und mit irgendwelchen Sachen in Beziehung gesetzt, auf das die Künstlerintuition es schon richten und in die Zeit-Geister-Bahn leiten wird. Das alles scheint durch die künstlerischen Techniken der Nachpubertät von Vierzigjährigen legitimiert, also von Punk, Wilden, Welle und vor allem Kippi, immer wieder Kippi. Schließlich noch verschnitten mit solidem Kunstmarketing hat man prima Eröffnungsmobiliar und richtig viel B- und C-Movie-Kulisse, die die Sammlungen und Schaulager der Museen zurümpeln. Und das ist dann wirklich Punk!
Markus Wirthmann, 07.09.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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