Gastbeitrag | Kritik

Paranoia

von Christina Zück

Lutz Dammbeck
PARANOIA
Akademie der Künste Berlin, Pariser Platz
27.8.-22.10.2006

Ich steige aus dem S-Bahn Schacht "Unter den Linden" hervor, stehe
vor dem Adlon. In der Straße daneben haben sie hydraulisch
versenkbare Poller angebracht, damit man nicht durchfahren kann. Sie
arbeiten ständig an der Verbesserung dieser Pollersysteme, manchmal
sind es riesige Betonklötze, manchmal fest in die Straße eingelassene
Stäbe, und jetzt sind sie versenkbar mit kleinen roten Leuchten dran.
Einen super Kommandozentralenkasten aus Glas haben sie auch noch dazu
gebaut, was soll denn das? denke ich, bauen die da Dan Graham Mimikry
oder Jean-Claude Decaux Mimikry? Ich stelle mir einen großen
Lastwagen mit bärtigen, glutäugigen Männen am Steuer vor, der langsam
und unauffällig aufs Adlon und die daneben liegende playmobilfarbene
Botschaft zufährt. Ja genau daneben.

Muss Geld ziehen. In der Straße ist, zum Adlon zugehörig, ein
Porzellanladen mit pompösem, altmodischem Luxusporzellan, darin steht
eine Gruppe graumelierter Damen mit fein gemusterten Seidenblusen,
ähnlich der Teetassendeko. Ob ich auch als so eine normale Dame
durchgehen könnte in den Augen der Polizisten? Ich zücke schonmal
mein Portefeuille und nehme gut sichtbar die blaue EC-Karte heraus,
signalisierend: ich geh bloß auf die Bank. Die BBBank ist neben dem
Porzellanladen und gehört auch zum Adlon. Sonst ist in der Straße
nichts - eine Hauptverkehrsader, gespertt mit High-Tech zum
symbolischen Schutz der Engländer, verbucht unter
Repräsentationskosten zum Beispiel, oder Potlatsch.

Bis Julia kommt, sind es noch zehn Minuten, es ist warm und ich habe
gute Laune, könnte ja mal einen Capuccino auf der Terrasse des Adlon
trinken, mehr als fünf Euro kann das nicht kosten, ist schon ok. Ich
bin heute auch einigermaßen mimikryfähig gekleidet. Die Leute, die da
auf Baumarkt-Edelholzgartenstühlen sitzen sehen normal aus,
Geschäftsmänner in eher billigen dunklen Anzügen, jugendliche
Touristen aus EU-Ländern. Der Kellner bringt mir die Karte, ich
schlage sie auf und mein Herz klopft los: "Mit 5 Euro hätte ich
gerechnet", sage ich zu ihm, "aber 7 Euro für'n Espresso, da steig
ich aus." Er lächelt sehr freundlich und vielleicht auch komplizenhaft.

Ich setze mich auf den Bordstein vor der Akademie der Künste, um auf
Julia zu warten. Rechts sind Bauzäune, die innere Allee mit den
Lindenbäumen ist abgesperrt, das Brandenburger Tor schaut grau aus so
ganz ohne Werbeplakat. Neben der Akademie der Künste ist die DZ Bank,
die mal DG Bank hieß, und ihr Geheimnis ist eine darmähnliche
Stahlgeschwulst, eine Art gekrümmtes Wurmloch, das ein
Superstararchitekt wohl wegen der Bauauflagen als Ausdruck seiner
Schöpferkraft nach Innen gelegt hat. Ob's schon Metatstasen gebildet
hat? In der Bank hängen Bilder von mir, Fotos, die sie mal gekauft
haben, als sie noch eine Kunststiftung hatten; Gerüchte besagen, sie
haben damals die Fotokunst richtig groß gemacht in Deutschland durch
ihr Gesammele. Ich war mal mit einer Praktikantin der Großkuratorin
in dem Gebäude, um mir die Hängung anzuschauen. Es gab im obersten
Stockwerk einen engen, dunklen Gang mit Glastüren zu den Büros, deren
Fenster zum Innenhof auf die Wurst hin gingen, und so sahen alle
Gänge aus, in denen die Angestellten arbeiteten. Es wirkte wie eine
Orthopädenpraxis in Freudenstadt, vereinzelt hingen an - ich hab sie
bräunlich in Erinnerung - Wänden die Bilder rum. Die Jungkuratorin
kannte eine der Angestellten aus den Glaskastenbüros, und wir saßen
kurz zusammen in der völlig unbenutzten Teeküche und redeten über den
Laden, in dem die Bankerin ihren Rock gekauft hatte. Wenn ich jetzt
mal kurz bei den Fotos vorbeischauen wollen würde, käme ich mit
Sicherheit nicht hinein in die Bank.

Inzwischen ist Julia da und schließt ihr Fahrrad ans Metallgitter des
Bauzauns. Ich habe sie lange nicht gesehen. "Hey, du hast total
abgenommen, gut siehst du aus!", ruft sie. "Ich hatte acht Monate
lang Darmparasiten.", sage ich, das ist tatsächlich so gewesen, aber
das Witzige daran verpufft.

Die Ausstellung Paranoia von Lutz Dammbeck führt mit großen Lettern
betitelt über dem Eingang in einen White Cube. Im Raum an der Wand
steht mit Letraset eine Ansammlung von einzelnen Wörten, die nichts
miteinander zu tun haben, wie Doors Of Perception, Skinner, Erikson,
Laws of Form, Mead, Bateson, Wiener, von Foerster, LSD. Sie scheinen
sich auf die Entwicklungen in der amerikanischen Wissenschaft in den
sechziger Jahren zu beziehen. Im nächsten Raum hängen hunderte von
kleinen schwarzweißen Fotocollagen, jedenfalls viel zu viele, und sie
bestehen aus verschiedenen Fotofragmenten aus diesem Themenfeld, wild
zusammengeklebt. "So funktioniert Kunst", kotzt Julia neben mir ab,
"man nimmt sich ein Thema, klaubt alles Erhältliche dazu zusammen,
macht Schnipsel draus und pappt es auf ein DIN-A-4-Blatt, fühlt sich
dabei wie Nietzsche himself, und schreibt daneben, daß es eigentlich
in der Bundeskunstsammlung hängen muss und hier nur ausgeliehen ist -
oder funktioniert so 'ne Psychose?" Ich gebe auf, mir den Quatsch
anzuschauen und gehe in den nächsten Raum, in dem auf einem zentralen
Tisch eine Nachbildung einer Säulenkuppel aus Gips steht und gerollte
Fotokopien herumliegen, es soll ein Nazi-Überwachungs-Ministerium
darstellen, ich denke an den War Room in Dr. Strangelove, ich will
mich nicht damit beschäftigen, und gehe auf einen der Monitore zu,
die auf Tischen drumherum stehen und auf denen Köpfe sprechen. Ich
sehe auf einem Monitor einen alten Mann mit einer schwarzen
Sonnenbrille und einem blauen Hemd vor einer Backsteinhauswand neben
blauem Himmel. Näher herankommend, erkenne ich, daß seine Haut ganz
schuppig und entzündet ist, er ist krank. Ich setze mich hin und
ziehe einen Kopfhörer auf, ein Block zum Mitschreiben liegt
gelungenerweise daneben. Ich höre zu. Es ist Heinz von Foerster. Nie
gehört. Um Gottes Willen: hier spricht einer der
allerinteressantesten Köpfe unseres engen Universums, und ich habe
wieder mal nichts mitgekriegt in meiner Deppenexistenz. Er erzählt,
daß er sich als Kind mit Logik beschäftigte und sich so sehr in die
Theorie von Ludwig Wittgenstein vertiefte, daß er anfing mit seiner
Familie nur noch in Zitaten aus dem Tractatus Logico-Philosophicus zu
sprechen, so daß sie ihn fast in die Psychiatrie gebracht hätten,
weil sie ihn nicht mehr verstanden. Er wurde ein bahnbrechender
Physiker. Er umreißt kurz, was man später als Kybernetik bezeichnet
hat: Die alteuropäische Tradition des wissenschaftlichen Denkens
stammt aus der Idee der scientia, das im Wortstamm "Trennung"
beinhaltet. In den sechziger Jahren gingen die Wissenschaften dazu
über, dieses getrennte Wissen zu integrieren, Beziehungen zu sehen,
Bereiche zu verbinden: das syn der Synthese steckt in Systemix. Es
handelt sich um zwei komplementäre Haltungen, die Welt zu betrachten.
Er unterscheidet bei der Wissensverarbeitung eine triviale Maschine
mit einem begrenzten Funktionsbereich, und eine nicht-triviale
Maschine wie die menschliche Intelligenz, die sich ständig ändert,
aus der Vergangenheit lernt und in jedem Moment zu einer neuen
Maschine wird. Das Gedächtnis, das eben nicht ein recording system
ist, arbeitet kreativ, erschafft immer neue Relationen, neue
Ausdrücke. In ihm arbeitet ein kleiner, bisher noch nicht
erforschbarer Gott. Die Kybernetik hat untersucht, wie der Operator
einer Logik funktioniert: daß auf ihn operiert werden kann, daß auch
er einer rückwirkenden Veränderung ausgesetzt ist. Für die Zukunft
sieht von Foerster die Grenze der Naturgesetze als nicht länger
relevant an, sondern wesentlich wird die Grenze der Sozialgesetze,
die sich ständig ändern und die immer wieder neu formuliert werden
müssen; verarbeitende Netzwerke müssen noch mehr Millionen neuer
Systeme integrieren. Bin begeistert. Heinz von Foerster ist kurze
Zeit nach dem Interview mit Dammbeck 91 jährig gestorben.

Es gibt noch einen Raum mit der Projektion eines Schwarzweissfilms,
in dem laut Befehle geschrien werden, durch den ich schnell
durchhusche. Im letzten Raum ist auf dem Boden ein großer
Bücherstapel mit einem darüberhängenden Strick zum Sichaufhängen
installiert. Ja, Wissen kann schon überforden. Julia fällt eins ihrer
Lieblingszitate von Big B aus Ursprung des deutschen Trauerspiels
ein: "Als Wissen führt der Trieb in den leeren Abgrund des Bösen
hinab, um dort der Unendlichkeit sich zu versichern. Es ist aber auch
der Abgrund des bodenlosen Tiefsinns. Dessen Daten sind unvermögend,
in philosophische Konstellationen zu treten." Weiter spricht der
große Meister kryptisch: "Wie Stürzende im Fallen sich überschlagen,
so fiele von Sinnbild zu Sinnbild die allegorische Intention dem
Schwindel ihrer grundlosen Tiefe anheim, müßte nicht gerade im
äußersten unter ihnen so sie umspringen, daß all ihre Finsternis,
Hoffart und Gottferne nichts als Selbsttäuschung scheint." Benjamin
hat eine komplexe Theorie der Bild- und Sinn-Ausdrucksformen
entworfen und zwischen gechlossenem Symbol und bruchstückhafter
Allegorie unterschieden. In der Allegorie braust ein dialektischer
Sturm, und jetzt können wir den Sturm auch zum Beispiel kybernetisch
nennen.

Es reicht. Mir brummt der Kopf. Ich schau mir die restlichen
Interviews wann anders an, die sind womöglich auch großartig. Wir
checken noch die Buchhandlung, ob da nicht ein Buch von Aldous
Huxley, Albert Hoffmann, Heinz von Foerster, Margaret Mead zum
schnell mitnehmen herumliegt. Vielleicht gibt's da Spencer-Browns
Laws of Form als deutsche Taschenbuchausgabe. Nein. Hannah Arendt
scheint aber gerade hip zu sein. Und dann ist da noch eine große Ecke
mit "Sinn und Form", allen Ausgaben, die es je gegeben hat. Julia
kauft gleich die neue "Sinn und Form".

"Soll das nun heißen, die Paranoia der Amis, die wir hier immer eh
schon hatten, hängt damit zusammen, dass in den sechziger jahren eine
Gruppe höchst innovativer Wissenschaftler das Zusammenwirken von
Systemen erforscht hat oder versucht hat, herauszufinden, wie Denken
und Bewußtsein funktioniert?" frage ich Julia. Wir sitzen auf den
Drahtstühlen der Starbucksfiliale mit Medium Vanilla Lattes und White
Chocolate Chunk Raspberry Cookies und blicken auf den Pariser Platz.
Diskret fügt sich die französiche Botschaft in die Leere neben dem
Starbuck's ein. "Und das alles wurde aufgefressen und aufgesogen vom
fiesen CIA?" "Das heißt wegen Gregory Bateson knallt mir jetzt
amazon.de, wenn ich mich einlogge, jedesmal Bücher von Gregory
Bateson als Empfehlung vor die Nase, weil sie mein User-Profil
gespeichert haben?" kichert Julia. "Und was hat der CIA aus Jacques
Lacan rausgesaugt?"

Ich geh dann mal zu Fuß nach Hause. An der Wilhelmstrasse sperren sie
gerade wieder mit blinkenden Motorrädern den Verkehr ab, weil eine
Limousinenkolonne vorbeirauscht. Weiter nördlich gehe ich an einem
Gebäude vorbei, das zur Hälfte schon aus einer Baugerüstverdeckung
herausschaut. Es hat feine Stuckverzierungen und aufwändige
Skulpturen über dem Torbogen, die vielleicht allegorische Figuren
darstellen. Ein frisch restauriertes Juwel von repräsentativem
Gebäude. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite an der Spree eins
der Regierungsgebäude, ein Obi.

Gastbeitrag, 25.09.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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