Markus Wirthmann | Interview

Und jetzt alle: Sammeln!

Herbststaffel
Corinne Wasmuht, Thomas Scheibitz, Tatjana Doll und Thomas Helbig
Berliner Poster Verlag
Ab 10. September 2006

Neueröffnungen von Galerien und diversen anderen Kunsträumen locken in Berlin derzeit angesichts der schieren Menge ja nicht jeden Straßenköter hinterm Ofen hervor. Und schon gar nicht den Teilzeit-Berichterstatter und Blogger. So entging mir auch die schon die im Juni erfolgte Eröffnung der "Berliner Poster Galerie" in einem kleinen Ladengeschäft in der Auguststraße in Berlin-Mitte. Die vollmundige Pressemitteilung anlässlich der aktuellen Edition weckte allerdings mein Interesse und führte schließlich zum dem folgenden E-Mail-Interview und einem Ortstermin:

Tine & Mo Whiteman, Berliner Poster Verlag: Unter dem Motto "Kunst für Alle!" haben wir im Juni 2006 den Berliner Poster Verlag in der Auguststrasse in Berlin-Mitte eröffnet. Erstmals wird hier zeitgenössische Kunst für den kleinen Geldbeutel angeboten. Für nur 10 Euro kann sich nun jeder Kunst an die Wände hängen.

Bisher haben wir Poster im DIN A1-Format von Markus Selg, Joep van Liefland, Sophie von Hellermann, Olivia Berckemeyer, Björn Dahlem, Hans-Jörg Mayer, André Butzer und Katja Strunz im Sortiment. Alle drei Monate wird es vier Neuerscheinungen geben.

Für unsere Herbststaffel konnten wir weitere hervorragende Künstler gewinnen: Corinne Wasmuht, Thomas Scheibitz, Tatjana Doll und Thomas Helbig haben exklusiv für uns Poster gestaltet. Das heißt, dass die Kunstwerke tatsächlich AUSSCHLIESSLICH bei uns erhältlich sind!

MW: Im Augenblick kann der, der die Augen offen hält, zwei absolut gegenläufige Trends im Kunstmarkt beobachten: Auf der einen Seite werden im obersten Preissegment irre Summen für die Werke lebender oder toter Künstler umgesetzt. Alter und Herkunft sowohl der Werke als auch der Künstler scheinen keinerlei Rolle zu spielen. Der Rubel rollt in Auktionen und auf schicken Event-Messen wie in Miami, Basel oder London, begleitet von den Selbstinszenierungen einer Schickeria-Sammlerclique.
Andererseits scheint eine bunt zusammengewürfelte Interessengruppe, die unter anderem aus Aldi, Ikea, Lumas und schließlich, als absolutem Dumping-Anbieter, dem Berliner Poster Verlag besteht, die Geiz-ist-geil-Parole auf die bildende Kunst anwenden zu wollen.
Euer Ansatz ist so gesehen also nicht unbedingt ein neuer. Ihr folgt anscheinend einem ziemlich breit angelegten Trend und seid im Augenblick nur die billigsten ..., oder?

BPV: Wir fühlen uns zwar geehrt, von Dir in einem Atemzug mit großen Unternehmen wie Ikea oder inzwischen auch Lumas genannt zu werden, müssen aber folgendes klarstellen: Wir sind ein winziges "Familienunternehmen", das aus reinem Idealismus heraus entstanden ist. Deshalb sehen wir uns keinesfalls als Teil einer "Interessengruppe".
Unser Motto ist nicht Geiz-ist-geil sondern Kunst-für-alle.
Da wir den Kunstbetrieb ziemlich gut kennen, wollten wir ein Gegenmodell zur klassischen Galerie entwickeln, wo ja zwischen wenigen Leuten riesige Geschäfte abgewickelt werden, denen man dann zusehen und applaudieren darf. Dieses elitäre und inzestuöse System versuchen wir zu durchbrechen, indem wir unlimitierte Kunstposter herstellen. Völlig unabhängig vom Bekanntheitsgrad des Künstlers kostet jedes Poster zehn Euro. Diesen "Dumping"-Preis haben wir bewusst gewählt, damit das Ziel Kunst-für-alle tatsächlich realisiert werden kann. Wir möchten keine Sonderangebots-Galerie wie Lumas sein.
Außerdem haben wir im Gegensatz zu anderen Billiganbietern kein Interesse daran, möglichst dekorative und damit gut verkäufliche Werke zu veröffentlichen. Sobald wir einen Künstler ausgewählt und angefragt haben, lassen wir ihm völlig freie Hand in der Umsetzung. Allerdings ist jedes Poster wirklich speziell für den Berliner Poster Verlag entworfen worden und keine bloße Abbildung eines bereits existierenden Kunstwerks, das dann im Original wieder seinen Weg in das Lager eines Kunstsammlers findet.
Wir sind überzeugt, dass wir uns doch sehr von den Unternehmen unterscheiden, mit denen wir hier verglichen wurden..., oder?

MW: Interessanterweise läuft die Argumentation bei den "großen" Kunst-Discountern ungefähr genauso wie bei den "kleinen" immer auf altruistische Motive hinaus: Demokratisierung der Kunst durch radikale Preissenkung. Befreiung des edlen (mithin armen) Kunst-Connaisseurs vom Preisdiktat der Galeristen-Haie. Strickt ihr da nicht mit an einer arg schwarz/weiß gemalten Legende vom ewigen Kampf David gegen Goliath, vom Guten und Armen gegen das böse Reiche? Klingt das nicht alles ein bisschen nach Klassenkampf-Rhetorik oder nach einer überkommenen romantischen Idee von Kunst überhaupt?

Die Frage, ob die auf Leinwand aufgezogene Reproduktion einer Rodin-Zeichnung (so gesehen bei IKEA) dekorativer ist als ein Offset-Druck von Thomas Scheibitz wird wahrscheinlich je nach Zielgruppe sehr unterschiedlich beantwortet werden. Die Auswahl Eurer Künstler spricht hier, glaube ich, für sich: Scheibitz, Butzer, Wasmuth, Dahlem ...

BPV: Ehrlich gesagt finden wir das Schwarz-Weiß-Denken manchmal spannender als die Grautöne dazwischen.
Wir verstehen uns aber nicht als Klassenkämpfer ...
uns hat die (Galerien-)Kunstszene begonnen zu langweilen und wir haben nach einem Weg gesucht, wieder Spaß an der Kunst zu haben. Dabei herausgekommen ist ein Posterladen.

Aber ganz abgesehen von unseren eigenen Motiven fragt sich doch auch der ein oder andere Künstler, ob eine größere Verbreitung seiner Kunstwerke bei einem breiten Publikum nicht viel erstrebenswerter ist als ein einzelner Sammler, der die Kunst als Investment sieht und kauft und hortet.

What we are doing is an experiment. We are asking what happens when you take the 'scarcity' aspect out of the art market. By publishing unlimited editions we guarantee that the value of the piece will not go up. The only value that remains is that of the work itself. Whether it is Rodin, Butzer or a tennis player scratching her bum, the 'value' of a poster will always lie with the observer. By choosing the poster as a medium we are consciously throwing the idea of Contemporary art into the swimming pool of popular context. We'll see if it sinks or swims. The artists we choose will never make everyone happy. Our choice is determined by personal taste and those people that trust us in what we are doing. We will see how other artists will respond. Remember we're only just getting started.

MW: Na, ob Ihr wirklich schafft, den Wert Eurer Produkte niedrig zu halten - und ob das überhaupt wünschenswert ist - wage ich schon mal zu bezweifeln. Für Euch ist das, zumindest auf einer symbolischen Ebene, ein Pokerspiel gegen Markt und Künstler. Mit Eurem Erfolg bleiben die Preise gering und Ihr profitiert nur bei hoher Auflage - die Künstler ziehen ihren Nutzen aus der prima Promotion. Im Falle Eures Misserfolges (also dem eventuellen Ende der Produktion) werden die Poster Sammlergut - die Preise steigen und man sieht sich im Auktionshaus wieder. Eine klassische Win-Win-Situation für Markt und Künstler und in sich eine Parabel auf den Kunstmarkt und dessen Mechanismen. - Ist der Poster Verlag selbst Kunst?

BPV: At last artists are in a win-win situation. That is not always the case in the art world! And the best thing is that, at only €10 for a poster, nearly everyone can take part and be on the winning side.

Tine is herself an artist (Tine Furler) and although Mo works in advertising, we are both privately very involved in the art world. Until now our only experience with publishing has been that of the catalogue for our collection (Sammlung Furler - Verlag H+K Berlin). So of course one could call what we are doing 'art', or at least more art-related than business-related. But to be honest, the debate about what is art is one so large and undefined and distracting, that we don't really want to get too involved in it. We try to stick to calling ourselves what we really are: A poster shop.

Berliner Poster Verlag
Auguststraße 52
10119 Berlin
Freitag und Samstag 14 - 17 Uhr

Markus Wirthmann, 11.09.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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