Gastbeitrag | Essay

Die Unhintergehbarkeit der Buchhaltung - 4. Lektüren

von Manuel Bonik

1. Teil: Fünftausend
2. Teil: Artitüden
3. Teil: Komplexität

Man sollte alles so einfach wie möglich sehen,
aber nicht einfacher.

ALBERT EINSTEIN

Ich lese z.B. ein Mathematikbuch: Definitionen, Sätze, Lemmata, Beweise, Korollare etc. – All diese Momente sind hierarchisch aufeinander bezogen und haben ihren Platz in einem explizit formulierten System, das der Autor konstruiert hat und das ich, lesend, nach-denkend, re-konstruiere. Habe ich eine Definition übersprungen und nicht richtig verstanden, wird sie mir an einer späteren Stelle meiner Lektüre fehlen. Das Buch als - hoffentlich konsistentes - System gibt mir die Möglichkeit, zurückzugehen und mein Verständnis nachzuholen.

Teile des Buchs mögen Exkurse und Abschweifungen sein, die vielleicht motivierend wirken, aber nicht zum eigentlichen Gedankengang gehören. An anderen Stellen mag es Lücken geben: Der Autor hat etwas vergessen oder einfach nur implizit vorausgesetzt, oder vielleicht ist etwas in Lektorat oder Technik schiefgegangen. Vielleicht kann ich die Lücke, z.B. durch ergänzende Lektüren, schließen.

Idealerweise gibt es weder die Redundanzen noch die Lücken, sondern nur den eigentlichen Gedankengang. Und damit die Vermutung, dass es für seine Darstellung eine ideale, knappste Form gibt. Sie wäre ein Maßstab für die Komplexität des Systems (10) - entia non sunt multiplicanda propter necessitate, Occams Messer.

Indes läßt sich aus automatentheoretischen Überlegungen beweisen, dass Occams Messer im speziellen womöglich schneidet, im allgemeinen aber stumpf ist. Es gibt kein allgemeines Verfahren sicherzustellen, dass etwas die "ideale, knappste Form" ist: Es gibt keine Turing-Maschine, die die kleinste Turing-Maschine für eine gegebene Aufgabe liefert. Ideen wie z.B. "Form follows function" im Design oder "Optimierung" in der Informatik bleiben notwendigerweise Arbeitshypothesen – was aber insofern auch gut ist, als damit die fortwährende Notwendigkeit neuer Lösungsansätze gegeben ist. "Wir kommen nie zu dem Punkt, wo wir sagen könnten, wir hätten genug geforscht." (11)

Es zeigt sich aber auch, dass ein konsistentes komplexes System gewissen Mindestanforderungen genügen muss: Auch wenn es die "ideale, knappste Form" nicht gibt, so kann man sich ihr doch prinzipiell annähern. Das betrifft zum einen das Dekor, die Redundanzen, also die Teile eines Systems, die man weglassen kann, ohne dass es dadurch an Komplexität einbüßt. Zum anderen gibt es Teile, bei denen das nicht geht, und es erweist sich genau an diesen, dass Komplexität tatsächlich komplex ist.

Lassen sich solche Überlegungen auf Kunst übertragen? – Ein Kunstwerk wäre die Darstellung eines Gedankengangs des Künstlers und ermöglichte dem Rezipienten prinzipiell, diesen Gedankengang nachzuvollziehen. Wo darin Lücken zu sein schienen, könnte er im Zweifelsfall beim Künstler nachfragen, denn der weiß, was er tut, und hat sich alles explizit überlegt. Notfalls helfen Interpreten und Lektüre des Kunstforums. Der Wert des Kunstwerks läge, wie geschrieben, in seiner Komplexität: Der Künstler hätte die Momente der Bezugssysteme, die in die jeweilige Arbeit eingehen, möglichst enggeführt und präsentierte sie in der ihm höchstmöglichen Dichte. Die jeweilige Arbeit wäre eine komprimierte Manifestation des vom Künstler Gemeinten.

- Das als einfaches, aber verbreitetes Modell, die Beschäftigung mit Kunst zu motivieren. Und natürlich ist es eine Fiktion. Man fragt nach, aber wo sich Künstler nicht pauschal Antworten verweigern, bleiben die Auskünfte mithin unbefriedigend. Die Totschlagargumente des Künstlers heißen hier allzu oft "Intuition" und "Individualität". Letztere habe ich schon oben gegeiselt: Die Auskunft, dass ein Kunstwerk genau deswegen interessant ist, weil es eben genau von Künstler X und nicht etwa von Y hergestellt wurde, und nicht, weil X etwas besonders gut zum Ausdruck gebracht hat, das auch ohne ihn existieren könnte, genügt nicht im geringsten; überindividuelle Aussagen wären von Belang, die Fresse und die Biographie von X sind nur Teile irgendeiner Marketingkampagne: erst gelbe Blumen, später "konsequent" rote Blumen gemalt. "Intuition" könnte ich gelten lassen, nämlich so verstanden, wie man beispielsweise intuitiv Auto fährt: Was dereinst mal explizit gelernt wurde, bedarf keiner aktiven Bewusstseinstätigkeit mehr, eben weil es gelernt wurde, aber falls nötig können die "Intuition" gewordenen Explizitheiten wieder aktualisiert und also bewusst gemacht werden. Das Wort "Intuition" aus Künstlermund drückt oft aus, dass der Befragte selbst nicht weiss, warum und wie er etwas tut, und dass doch bitte der Betrachter seinerseits aus einem irgendwie hingeknallten Artefakt das Kunstwerk machen möge. (12) So gesehen, braucht es den Künstler dann allerdings überhaupt nicht mehr und ich könnte mir den Anblick jeder Wolke oder sonstiger beliebiger Naturphänomene dadurch interessanter gestalten, dass ich dahinter das Wirken eines absichtsvollen Autors imaginiere.

Den Autor eines Mathematikbuchs würde man nicht ernstnehmen, wenn er seine Sätze nicht auf Definitionen und Beweise stützen könnte. Jenseits der Frage, was die Analoga von Definitionen und Beweisen in der Kunst wären, wird einem das Ernstnehmen von Künstlern aber beständig abverlangt. Mir persönlich fällt das immer schwerer, bedingt wohl durch die dargestellten Berliner Stereotypen, und so lege ich die Schwellen meiner Bereitschaft, hinter Werken oder einem Schweigen Absichten zu vermuten, immer noch höher, "weil der professionelle Diskurs über Kunst – so oft historisch-deskriptiv, so oft frustrierend ungenau – zur Willkür zu neigen scheint, und es ist einfach, Hochstapelei zu unterstellen" (13).


(10) In anderer Terminologie könnte man auch von seinem Informationsgehalt oder von seiner Kolmogoroff-Komplexität sprechen.
(11) Alan Turing, passim.
(12) Duchamp nimmt im hier aufgeworfenen Modell in der Tat eine interessante Hybridstellung ein. Erklärungen zu seinen Werken hat er reichlich produziert, sich dabei einerseits selbst mithin aus der Rolle des Künstlers in die eines Interpreten begebend, andererseits sich dandyesk immer wieder Hintertüren der Nichtfestlegung offenlassend.
(13) McCorduck 79.

Fortsetzung ...

Gastbeitrag, 03.10.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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