Adib Fricke | Netz

Guck mal, ich steh’ vorm Bild

Es ist wohl ein beliebtes Knipserspiel: Wer es als Besucher ins MoMA in NY oder in ein anderes Museum mit international bekannten Meisterwerken schafft, scheint sich selbst auch gerne vor dem einen oder anderen Bild verewigen zu wollen. So wird der Beweis der eigenen Anwesenheit vor dem Meisterwerk erbracht. Das Einzigartige eines Gemäldes oder einer Skulptur wird im Zeitalter der beliebig häufigen Reproduktion erst einzigartig durch die persönlich nachgewiesene Rezeptionsgeste, die sich – gebannt in solchen Fotos – demonstrativ auf die Anwesenheit vor dem tatsächlich besuchten Werk beschränkt.

Mit dem geschwätzigen Nachweis der eigenen Präsenz im Kasten geht es weiter zum nächsten Fotospot, egal ob Kunstwerk oder eine andere Sehenswürdigkeit in der Stadt. Davor stellen und »Spaßpositionen« einnehmen lässt es sich überall. Doch wird sich interessanterweise zumeist nur vor das gestellt, von dem es auch schon eine Postkarte oder eine Broschüre gibt. Wer tatsächlich noch ein haptisches Album pflegt, stellt den materialisierten Fotoprints vermutlich auch eine Postkarte zur Seite, um das (subjektiv) Authentische im Rauschen zwischen privaten Beweisbild und professioneller Anschauung zu verstärken. Wer sich des eigenen Albums entledigt (oder ein solches nie geführt) hat, schüttet seine Kamera heute bei Flickr & Co. aus und fügt sich selbst dem kollektiven Rauschen in globalen Bildersammlungen hinzu. Während es vor 20 Jahren noch fast unmöglich war, zeitgenössische Knipserfotos zu welchem Thema auch immer zu finden, ist es heute nur etwas mühsam, die Mengen der freiwillig indizierten (mit Schlüsselbegriffen katalogisierten) und dann veröffentlichten Bilder zu sichten. Unter dem Tag »MoMA« finden sich derzeit 25.186 Fotos bei Flickr.com, ca. jedes 25. zeigt Museumsbesucher vor einem Werk stehend. Unter einem Bild war der Kommentar zu lesen »I think it's funny when people take pictures of art in museums (I do it too). But I thought it would be really funny to take a picture of myself in FRONT of the art.«

These: Alle Kunstwerke, die von Museumsbesuchern für wert befunden werden, sich davor stehend zu fotografieren, sind nicht mehr zeitgenössisch. Erst wenn künstlerische Arbeiten durch Techniken der Massenreproduktion verbreitet wurden, erleben sie auch eine Rezeption in großer Breite.

 

Pierre Granoux entdeckte das folgende Foto und schickte es uns als »Leserbrief«:


Adib Fricke, 19.10.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

Kunst-Blog.com, Copyright 2005-2010. Alle Rechte vorbehalten.

Soweit nicht anders angegeben liegen die Rechte bei den jeweiligen Autoren und Künstlern, die die Urheber der Beiträge sind, und bei Kunst-Blog.com. Für Webseiten, auf die von dieser Site aus verlinkt wird, sind ausschließlich die Betreiber der jeweiligen Angebote verantwortlich.

 

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar zu »Guck mal, ich steh’ vorm Bild«




Automatisch anmelden?