Markus Wirthmann | Kritik
Line Aquavit
David Zink Yi
Geschlossene Kurve, bei der für jeden Punkt die Summe der Entfernungen konstant ist. Auslassung insbesondere inmitten von etwas.
21. Oktober - 25. November 2006
Galerie Johann König, Berlin

Die Eigenart des Line Aquavits ist die Tatsache, dass er, um sein typisches Aroma und die ölig gelbliche Farbe zu erhalten, in Sherryfässer abgefüllt und auf eine Seereise geschickt wird. Der Legende nach überquert jeder Liter Schnaps seit 1850 zwei Mal den Äquator auf dem Weg nach Übersee und zurück und wird währenddessen vom Seegang und wechselndem Klima zur Reife geschaukelt.

David Zink-Yis Arbeit hat eine ähnliche Reise hinter sich. Der in Berlin lebende Künstler überquerte mit Idee und Selbstauftrag den Atlantik Richtung Peru, um angeleitet von einem ehemaligen Mitarbeiter und Auszubildenden seines Großvaters, einem aus Bayern eingewanderten Böttcher, in überlieferter Technik eine Art Fass herzustellen, das jetzt in der Galerie Johann König zu sehen ist.

Die Herstellungsweise ist den Fassdauben noch anzusehen: im oberen und unteren Drittel der Holzplanken sind noch einigermaßen deutlich die Spuren von zerrenden Stahlseilen zu sehen, die die einzelnen Segmente über eine Form in ihre Position gezwungen haben müssen. Für diejenigen Besucher, die sich noch nie Gedanken über die Herstellung von Holzfässern gemacht haben, hängt nicht allzu weit entfernt eine Schwarz-Weiß-Fotografie aus der Firma des Großvaters an der Wand. Sie zeigt den offensichtlich arbeitsintensiven Herstellungsprozess ähnlicher Behältnisse.

Das Fass schweigt und wird beim Nähertreten zur Bretterwand - zur Palisade. Drumrum schreitend verifiziert man den Ausstellungstitel, der Grundriss elliptisch. Die Dauben sind dicht, keine Spundlöcher oder Ritzen erlauben einen Blick ins Innere. „Auslassung insbesondere inmitten von etwas“. Aha, also leer; nix drin, die Geschichte entwickelt sich drumherum, zwischen Fasspalisade und Fotografie (ach, der Rahmen aus dem gleichen Holz geschnitzt ...) – und natürlich der erklärenden Pressemitteilung, die schnell zur Hand jede Rätselraterei völlig unnötig macht.

Die Geschichte vom innerfamiliären und interkulturellen „mehrstufigen Wissenstransfer“ formt sich im Kopf zur Ellipse, die das Fass förmlich auf und in ihre Bahn zwingt. Der Künstler als Medium und Mittler zwischen Generationen und Kulturen – Nord und Süd, Ost/West, arm/reich, inter-, multi- undsoweiter – elliptisch eben.
Ich verlasse den Schauplatz und muss daran denken, dass der Aquavit nach seiner elliptischen Reise um die Welt immerhin ordentlich brennt bevor er verdaut wird.
Markus Wirthmann, 29.10.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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