Gastbeitrag | Sonstiges
The Flurry Flur of Flurriness
von Christina Zück
Performance von Georges Didi-Huberman
am 19.10.2006 in der Staatsoper Unter den Linden, Berlin,
anläßlich des Kolloqiums
NOW - Das Jetzt der Erkennbarkeit
Orte Walter Benjamins in Kultur, Kunst und Wissenschaft

Kosovo, 29 Janvier 90, Autor: Georges Merillon
Ich steuere auf die Staatsoper Unter den Linden zu. Ein paar Meter davor macht ein Künstler Straßenmusik mit Weingläsern, die auf einem kleinen Tisch stehen. Ich höre es nicht, in meinen Ohren säuselt Amp Fiddler "you empower ... inspire". "Afro Strut" heißt das großartige Opus auf meinem mp3-Player. War gerade mit Stefan Mittagessen. Er hat mir von Georges Didi-Huberman erzählt, der ihn auf dem Walter-Benjamin-Kolloquium angesprochen hat und ihm vorgeschlagen hat, ihn das nächste Mal, wenn Stefan in Paris sei, zum Essen zu treffen. Stefan fand ihn sehr nett. Ich habe ihm kurz erzählt, was ich zu Didi-Huberman weiß: Ist einer der wichtigsten Intellektuellen Frankreichs, ich habe ein Buch von ihm zuhause im Billyregal stehen, L'invention de l'hystérie, auf Deutsch: Die Erfindung der Hysterie. Darin untersucht er Fotografien, die der Psychiater Charcot in 19. Jahrhundert in Paris an der Salpêtrière von seinen Patientinnen gemacht hat. Der Charcot war so der Parallelfreud in Frankreich, Lacan und Foucault beziehen sich manchmal auf ihn. Er hat immer Fotos von den Insassen gemacht, die so theatralische Posen einnehmen und eine hysterische Krise nachstellen. Charcot hat alles inszeniert. Keine Ahnung ob das stimmt, hab das Buch nie richtig gelesen. Stefan kann leider nicht mitkommen auf den Vortrag, er muss zum Flughafen.

Georges Didi-Huberman
Ich schlängele mich durch die Eingangstür, vorbei an unbeweglichen Anzugmännerkörpern, die fast den Weg versperren. Im Eingangsbereich ist ein Tisch aufgebaut mit Papierkram - Programmheften und Festivalpässen, dahinter sehe ich schon Florian stehen, der mit einer Praktikantin redet. Florian weiß bereits, daß Giorgio Agamben nicht kommen wird. "Ist nicht fett genug", meint Florian. "Was?" sage ich, "Das ist doch ein ultrafettes Kolloquium hier! Didi-Huberman ist einer der wichtigsten lebenden Intellektuellen Frankreichs!" Wir sind dabei, uns so ein Simultanübersetzungskopfhörergerät auszuleihen, doch die Praktikantin hinter der Gerätestation sagt uns, dass der Franzose Englisch sprechen wird. "Was? Echt?" - wir können's kaum glauben. Florian schlägt vor, uns in die dritte Reihe auf die reservierten Plätze zu setzen. Der Saal wird voller und voller, Leute stehen in Gruppen an den Rändern. Florian erklärt mir kurz den Godard-Bezug in seinem Experimentalfilm "Eine kleine Geschichte der Fotografie", der am Abend davor im Arsenal Premiere hatte. Ein Masterpiece, wie ich finde, in dem er die Fotobücher, die Walter Benjamin beim Schreiben seines gleichnamigen Textes vorliegen hatte, in je einer Minute durchzappt. Florian zückt sein kleines Notizbuch, es ist aus Bombay. Meins ist in derselben Größe, "96 pages - force 8 - Papier Clairefontaine" steht drauf, französisch of course. Die Frau links neben mir hat eins mit koreanischen Schriftzeichen in der Größe A5.
Es geht los. Eine Dame ganz in Rot gekleidet erscheint hinter dem Sprechpult. Sie ist wahnsinnig schön. Das ist die Leiterin dieses Literaturforschungsinstituts, das diese 189 Vorträge mit 567 Teilnehmern in fünf Tagen organisiert hat. Sie sieht aus wie Catherine Deneuve, nur dass ihr Gesicht etwas verspannt wirkt, ist sicher auch anstrengend, sich jeden Tag 18 Stunden lang Ergüsse und Aufgüsse über den großen Mindmaster anzuhören. Sie spricht sehr klar, ich schreibe alles mit, und es fühlt sich an wie Stenographie - bevor sie ein Wort ausgesprochen hat, steht es schon mit dem italienischen Osama-Ball-Pen auf dem Karopapier: Nuus, sprich Nuuuhhuuus, Vergangenes, Gewesenes, Jetztzeit, die leere homogene Zeit, l'image malgré tout. Bilder lesen und Sterne deuten, ich starre auf den riesigen Luster über dem ganzen Szenario, alles glänzt. Wow.

Georges Merillon
Didi-Huberman tritt auf - sweet ist er. Er widmet seinen Vortrag der ätherischen roten Dame. Und gleich gibt es ein projiziertes Bild. Es ist eine Pietà. Eine Gruppe Frauen betrauert mit verzerrten Gesichtern heftig gestikulierend einen Leichnahm. Didi spricht Englisch und es hört sich irgendwie komisch an, mit so typischem französischem Akzent. Verstehe ich das richtig: Es handelt sich um eine Reportagefotografie aus dem Kosovo-Krieg Anfang der neunziger Jahre, der Autor ist ein Fotograf namens Georges Mérillon? Marillion, so hieß doch diese Pathosrockgruppe, die ich mit dreizehn hörte. Seltsam, das sieht doch aus wie eine Salon-Malerei aus dem 19. Jahrhundert, nicht wie ein Foto. Was ist denn da los? Die Hände der Frauen sind partiell verwischt, irgendwie wie mit dem Blurring-Tool von Photoshop. "Das ist alles Quatsch", flüstere ich Florian zu. Wenn jemand erkennen kann, wie eine scheiß Reportagefotografie aus den Neunzigern aussieht, dann eine echte Fotografin - moi Detective. "A single image", blubbert Didi vor sich hin. Didi, wißt Ihr eigentlich, was das auf Hindi heißt? Schwester. Hey sista go sista so sista go sista, groovt es in mir. Dihdih Übährrrmaaahn, Schwester Übermensch, was für eine lustige Idee. Oder Didi Hallervorden, das ist ein schlechter deutscher Komiker. Didi stellt jetzt das Werk eines Künstlers vor, Pascal Convert, er buchstabiert auf Englisch c-o-n-v-a-t.

Empreinte negative, Autor: Pascal Convert
Es sieht aus wie dasselbe Foto mit Photoshop invertiert. Ein Low Relief, sagt Didi, ich übersetze tiefliegende Erleichterung, doch scheint er ein Bas Relief zu meinen. Die verwischten Hände sind als schwarze Löcher ausgeschnitten: the negative hands, les mains négatives auf Französisch - ein Wahnsinnsfilm von Marguerite Duras - ab jetzt ist klar, daß ich in einer Dada-Performance sitze. Sowas kann sich kein Künstler ausdenken, die sind viel zu stulle. Oder umgekehrt, der interpretierende Diskurs zu dem drittklassigen Provinzkünstler ist viel zu sophisticated. Faces appear as strange white masks, tragic masks, masks of white wax, an assembly of faces, open faces, vivid faces. Wie in eine Klagemauer kann der Betrachter sein Gesicht in die Wand hineindrücken, the mould, the negative of the face. From the inside we could place our own faces to cry into the wall. Didi hubert durch Deleuze-Guattaris année zéro visageité, und das Gesicht ist white wall black hole, eine weiße Fläche mit schwarzen Löchern drin, wie die Hände der Frauen auf dem Bild. Das Thema ist ernst. I met marmalade down in old new orleans, flutscht es mir durch den Kopf. Die Assoziationen sitzen nun besonders locker. Ich möchte laut kichern, aber ich merke, niemand möchte mitkichern. Erratic heretic matrices, groovt Didi weiter. Erratic heretic erotic, ich schaue quer durch den Saal auf das immer noch verspannte Profil der Dame in Rot, was muss man denn noch alles tun, um die zum Lächeln zu bewegen? Place of pathos, place of ethos, images construct ambivalences, image passage, tree stamp, complex root, read a track, read a gesture, to read what was never written, daas lehesähn voor allöös schpräschän. Ich sehe seine Assistentin sich als einzige im Saal die deutsche Simultanübersetzung auf dem Kopfhörer anhören - wie schafft sie das ohne laut loszuprousten? Es geht um Formen des Trauerns, und vielleicht muss uns Deutschen das jetzt mal mit Drive reingedrückt werden. The origin, the hallmark of origin, the source of fluid traces, flurry wie ein McFlurry, oder blurry, oder fleuri - flurry in the flur of time, in der weiten Flur, in der wir hier herumchasen. Rhythmic arithmetic - und da wären wir wieder bei Freestyle Hip Hop, french style. The art of wooing. Arrhe, dialektisch, denke ich, und erinnere mich an noch ein Buch zuhause im Billyregal, Düschdüß.
Merkt hier einer was? Merkt hier keiner was? Was ist mit den geisteswissenschaftlichen Leichen hier im Saal denn los? "Du willst sagen, du hast einen Verdacht", flüstert Florian, "Zum Glück gibt es ja das doofe Internet, das fragen wir gleich mal." Er muss jetzt gehen.

Pascal Convert
Ich habe also einen Verdacht. Ich erspare mir später zuhause ein längeres Herumgegoogele. Es gibt einen Haufen seltsamer Websites zum Thema Georges Mérillon und Pascal Convert, zum Beispiel www.1photosapiens.com, und alle stehen irgendwie im Zusammenhang mit deutschen Kriegsverbrechen in Frankreich und mit Verbrechen an der Menschlichkeit im Allgemeinen - und mit einem Buch, das Georges Didi-Huberman sehr bald über diese wichtigen Künstler veröffentlichen wird. Ja, die leibhaftige Dreifaltigkeit Didi-Mérillon-Convert wird wohl ein Buch über ein lustiges Gesamtkunstwerk veröffentlichen. Es gibt im Netz auch Fotos der drei Künstler, mit Haaren, mit Bart, mit Brille, mit ohne Haare, mit mehr Haaren, sie sehen sich alle ähnlich.
Der Minnesänger Didi ist jetzt am Ende des Vortrags angelangt und projiziert die beiden Bilder, das Ausgangsfoto und das sich darauf beziehende Kunstwerk und Basrelief, nebeneinander auf die große Leinwand. Es sind zwei identische, mit Photoshop bearbeitete Bilder. Er verarscht einfach das große Publikum, und ich fasse es kaum, daß es so etwas Hochgeniales überhaupt geben kann. C'est archigénial, quoi.
Nach dem Vortrag möchte ich gerne ein Foto von Didi machen, ich nehme die Yashica T5 in die Hand - ich mag den surrenden Klang, wenn das kleine Objektiv herausfährt - und wandere durch den sich leerenden Saal. Didi, sehe ich, wird gerade belagert von einem jungen glattgesichtigem Geisteswissenschaftler, die beiden stehen hinter dem Rednerpult, der Junge leicht geduckt vor Ehrfurcht. Na, die kann ich jetzt nicht unterbrechen. Hätte gerne dem Stefan einen 9x13 Abzug vom Didi geschickt, mit einem mit Filzstift aufgemalten Schnurrbart, auf der Rückseite beschriftet: l.h.o.o.q.
Auf dem Nachhauseweg kaufe ich dem Straßenmusiker eine CD namens "Glasmusik" ab. Er ist Russe und spielt Mozartmenuette auf den Weingläsern nach, er nennt sie Glasharfe. Ich höre jetzt "Baby Be Mine", einen Quincy-Jones-Track von höchster Eleganz aus dem großen Opus "Thriller".
Gastbeitrag, 21.10.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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