Gastbeitrag | Kritik

Besuch bei der französischen Häsin

von Gerhard Powolny

Valérie Favre
DER DRITTE BRUDER GRIMM
Haus am Waldsee, Berlin
28.09. bis 26.11.2006

Man hat den Eindruck, dass die von der Künstlerin Valerie Favre selbst gewählte Metapher, sich mit Hasenohren putzig darzustellen, zu unfreiwilligen Konsequenzen geführt hat: Die Ohren stellen den Pinsel dar und die Bilder wirken verquast verhast. Ohrenmalerei. Als wäre das Hasenservice von Meret Oppenheim ausgelaufen und ölverschliertes Bild geworden.

Pferdchen und anderes vierbeiniges durchziehen das Oeuvre der
Künstlerin seit langem. Nur dass diese seltsamen Bildwerke, entgegen den eilfertigen Bekundungen der Pressemitteilung, nicht zum Gegenstand von Malereidiskussionen avancierten. Stattdessen standen sie im Zusammenhang mit anderen damals bei Favre anzutreffenden Kunstmitteln. Ephemere Installationen, Soundbasteleien und trashige Skulpturen schienen die Unbilden des Kinderzimmers zu thematisieren. Dann erfolgte aufgrund zunehmend erfolgreichen Bilderhandels die Wertschätzung als Malerin. Zeitgleich mit einer Ortsveränderung. Man war nach Deutschland gezogen, wo ja die Maler wohnen. In Anbetracht von Verschnitten nach Daniel Richter und Tröpfeleien à la Peter Doig und Kollegen, meinen nun schon Besucher, wie im Gästebuch notiert, Besseres als die Originale zu erkennen. Arme Verirrte. Trennkanten eines dreiteiliges Bildes (warum gibt's die überhaupt, Atelier zu klein, Rahmen zu teuer?) werden durch den Kopf eines Pferdes gejagt. Man fragt sich, behauptete Kinosemantik und Bildtheorie hin- und her, ist hier stilistisch noch zu helfen? Genauso gut hätte van Gogh sein abgeschnittenes Ohr als zweiflügliges Klappbild anlegen können. Hat er aber nicht.

Da bricht eher der Pinsel des Malers, als dass man sich, den erklärenden Texten folgend, in den Tryptichen Favres in Bühnenbildern wiederfindet. In diese triefigen Bildräume aus Unfarben, so es denn überhaupt welche sind, möchte man keinen Fuß setzen und noch weniger darin verweilen, wie im Faltblatt suggeriert wird.

Wenn man das Erdgeschoß betritt meint man noch "hoppla, sieht ja besser aus als gedacht". Man erblickt eine deformierte ”Häsin" auf Papier. Mit dem allseits bekannt gespachtelten Pinselschlag aufgetragen, schön die Figur auf Weiß gestellt, baselitzsche Größe, gut gerahmt. Nach dem Rundgang durch Erd- und Obergeschoss ist man ernüchtert. Diese "Häsin" muss ein unfreiwilliger Zufallstreffer des Ungelenken sein. Na, das ist gegönnt. Dafür der erste Stock nicht.

Der graue, durchlaufende Streifen hält die Ölstudien aus graugrünem Farbpüree gerade noch an der Wand. Ohne diese Paspartouisierung würden sie ganz wegfliegen oder aus dem Auge fallen. Und besser wäre es.
Das ist nur noch schlieriges Gefasel. Das wird auch nicht besser, wenn man noch David Lynch bemüht und die Filmsekunde zu 24 Bildern. Das provoziert an Sehen gar nichts sondern ermüdet unter 24 Sekunden pro Bild.

Wer diesem Talent zu einer Professur an der UdK verholfen hat, sollte eine Zwangsjahreskarte der Gemäldegalerie zugewiesen bekommen. Wöchentlicher Besuch ist Pflicht und auf den dritten Bruder Grimm kann man dann getrost verzichten. Kannte man 'eh bisher nicht.

Gastbeitrag, 01.11.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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