Christoph Bannat | Kritik

Hans Henny Jahnn-Basementtapes entdeckt!

Das letzte große Hamburger Geschichtsereignis der Neuzeit war 1842 der große Brand. Manche zählen noch die Flut von 1962 dazu, aber wohl nur weil daraus der Kanzler Helmut Schmidt hervorging. Andere rechnen noch die Bombennacht vom 6.Juni 1944 mit, was aber nicht als ein Hamburg spezifisches Ereignis gewertet werden kann. Ganz anders Berlin, das mit großen Geschichtsdaten verwöhnt wurde. Hamburg lebt also nicht von seiner Geschichte, sondern von Geschichten. Das sollte man bedenken, wenn man die in Hamburg verlegte "Kultur & Gespenster", ein neues, vierteljährlich erscheinendes Heft in die Hand nimmt. Jetzt ist die zweite Ausgabe erschienen, schlappe 400 Seiten stark, für 12 Euro, mit viel Text und Zitatangaben, in übersichtlichem, lesefreundlichem Layout. Das Thema der Neuen Ausgabe lautet "Unter vier Augen" und behandelt das Interview als Medium. Die erste Ausgabe hieß schlicht "Fichte" und hatte den Hamburger Schriftsteller Hubert Fichte zum Thema.

Liest man die Namen beider Heft quer, geht es um Hubert Fichte, Bernd Vesper, Stockhausen, Jacques Lacan, Thomas Bernhard, William Gaddis, Phillip Roth, Arno Schmidt und den begnadeten Dampfplauderer Jörg Schröder über Jan Philipp Reemtsma. Zusätzlich gibt es Belletristik -und Sachbuchbesprechungen und etwas bildende Kunst, dazu später mehr. In Hamburg sind Fichte, Vesper, Schmidt, Schröder, Reemtsma Namen, welche die literarische Szene der Stadt prägte und dienen oft als Koordinaten für modernere Autodidakten, die mit Leidenschaft einem akademischen Duktus huldigen. Die Leidenschaft ist das Gute, der akademische Duktus das Bittere und das das Hefte oft wie eine verhinderten Seminaraufsatz- Kompilationen erscheinen lässt. Eine Zeitschrift ist immer auch ein Totem, ein Fetisch der durch eine Sprach bzw. Schreibform einiger, meist der Herausgeber selbst, gehuldigt wird. Eine Form, auf die sich die Beteiligten geeinigt haben und der sie Macht zusprechen. Das die Herausgeber, und hier zerfällt das Heft in zwei Hälften, noch bei der Kunst andocken wollen, ist der Kundenbindung wegen verständlich, geht aber voll daneben. Da versagt das Heft auf der ganzen (Bild-) Strecke. Das müssen die Herausgeber gespürt haben, indem sie im ersten Heft den Schwerpunkt auf die kultivierte Langeweile der neuen Hamburger Comic-Schule setzten und sich damit der Kunstkritik entzogen und dieser im zweiten Heft, mit den Hamburger Insidern Gerot Faber und Oliver Ross, wiederholt entgingen. Von der gespiegelten Modestrecke, Sabine Feichtner und Justin Winz, oder den bestenfalls harmlos zu nennenden Zeichnungen von Andreas Hoepfner ganz zu schweigen.
Martin Kippenberger, Werner Büttner und Albert Oehlen wurden in Hamburg erfolgreich bepolkt. Isotrop (mit Andre Butzer), Daniel Richter, Jonathan Meese, John Bock, Franz Ackermann, Peter Piller oder Andreas Slominski wurden in Hamburg sozialisiert. Bei allen Genannten besteht ein besonderes Verhältnis zum Wort. Und wenn es etwas älteres sein soll: Vlado Kristl, Hilka Nordhausen, Claus Böhmler, Heinz Emigholz oder Dieter Roth mit seiner Live-Dub-Trink-Performance in der "Buch-Handlung-Welt". Es kann doch nicht sein, dass ein zeitgenössisches Heft sich nicht um Verdachtsmomente bemüht, mit denen Wirklichkeit heute fest zu stellen wäre. Da muss der kunstinteressierte Leser mit der schlappen Transskription einer HfbK-Hamburg-Podiumsdiskussion um die Zukunft der Hamburger Kunsthochschule zufrieden geben. In der sich Olaf Nicolai als gewohnt eloquenter Standpunktprofi zu erkennen gibt, aber auch klar wird, dass die Dummheit des Bachelor/Master-Studiengangs kommen wird, aber keiner sagt warum das, wenigstens in der Lehre der bildenden Kunst, nicht verhindert werden kann oder konnte.

Jetzt warte ich nur noch auf die Überschrift: Hans Henny Jahnn- Basementtapes entdeckt! Dann hat Hamburg ein Geschichtsdatum mehr, nach 1842. Aber das dauert wohl noch etwas. Januar 2007 erscheint Kultur & Gespenster Nr.3, mit dem Schwerpunkt: Dokumentarismus in Film, Literatur und Kunst.

Christoph Bannat ist Künstler und Autor in Berlin.

Bestellen Sie Kultur & Gespenster. 1. Hubert Fichte und Kultur & Gespenster. 2. Unter vier Augen bei amazon.de.

Kataloge/Bücher von Christoph Bannat bei Amazon.de suchen.

Christoph Bannat, 14.11.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

Kunst-Blog.com, Copyright 2005-2012. Alle Rechte vorbehalten.

Soweit nicht anders angegeben liegen die Rechte bei den jeweiligen Autoren und Künstlern, die die Urheber der Beiträge sind, und bei Kunst-Blog.com. Für Webseiten, auf die von dieser Site aus verlinkt wird, sind ausschließlich die Betreiber der jeweiligen Angebote verantwortlich.

 

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar zu »Hans Henny Jahnn-Basementtapes entdeckt!«




Automatisch anmelden?