Christoph Bannat | Interview

Interview mit Hans Haacke

Hans Haacke wirklich. Werke 1959-2006
Akademie der Künste, Pariser Platz
18. November 2006 bis 14. Januar 2007

Auffällig: hier waren mehr Leute als bei Neo Rauch eine Woche zuvor im Kunstmuseum Wolfsburg. Soviel zur Wahrnehmung von "Neuer deutscher Malerei". Dazu kommt, dass die Retrospektive in Berlin und Hamburg zeitgleich stattfindet. In Hamburg auf 3000 qm in den Deichtorhallen mit den Themenschwerpunkten: Ökonomie, Handel, Politik. Am Pariser Platz, auf 300 qm, mit den Schwerpunkten Geschichte und Politik. Hans Haacke, bekannt als Standpunktprofi, Meinungsspezialist, Gerechtigkeitsapostel, liberaler Gesinnungswächter, der F. J. Degenhaacke der Bildenden Kunst, Gesinnungskitschler, angestellter 3D-Feuilletonist, das gute Gewissen der Nation ...

Man nehme das bekannteste Kapuzen-Folterszenenfoto aus dem Abu-Ghraib-Gefängnis und setze einem Menschen eine Kapuze mit Sternen der amerikanischen Fahne auf. Oder die Umrisse der Twin Towers, ausgeschnitten aus Magazin-Hochglanzanzeigen, plakatiert damit die Stadt und dokumentiert dies. Haacke Arbeiten von 2002 und 2004. Das symbolträchtige Collage- und Montageprinzip lässt sich beliebig fortsetzen. In Berlin sind aber auch seine systematischen Recherchearbeiten wie das Shapolsky-, Manet-, Guggenheim- und Saatchi-Projekt neben frühen, poetischen Zero-Arbeiten aus den 60er Jahren zu sehen.
Seine Nach-Zero-Arbeiten bergen formal das Versprechen, dass es möglich ist die Verhältnisse einfach beim Namen zu nennen- bzw. zu zeigen. Für mich lag in der Arbeitsweise des systematischen Aufdeckens der Verhältnisse auch immer das Versprechen von Herrn Haacke, auch etwas zum Verhältnis des Künstlers zu seinem Werk zu erfahren. So projizierte ich, erwartungsvoll, ein systemkritisches Denken der eigenen Person als Künstler, auf ihn. 1994 führte ich ein Interview für die Zeitschrift DANK, vor 2 Jahren erlebte ich ihn bei einer Podiumsdiskussion im Künstlerhaus Bethanien zu seiner Rosa Luxemburg-Platz Installation und auch jetzt gab es wieder ein Interview. Und jedes Mal ging ich mit einem schalen Nachgeschmack, dem vermutlich ein grundsätzliches Missverständnis zu Grunde liegt, aus dem Gespräch.

In der Pressekonferenz betonte er einmal mehr das Motto der französischen Revolution von Gleichheit, Brüderlichkeit, Freiheit im Zusammenhang mit seiner Arbeit im Reichstag. Brachte diese Arbeit in Zusammenhang mit den über 40 aus rassistischen Gründen in Deutschland Ermordeten, deren Namen vergrößert an der Fensterfront der Akademie zum Pariser Platz hängen. Er erzählte vom Einfluss der Arbeiten von Marcel Duchamp und Marcel Broodthaers ohne konkret zu werden und sah keine Nähe seiner Arbeit zu Joseph Beuys. Hans Haacke begründete, warum er seine Arbeit "Der Bevölkerung" nicht auf der Website einer SPD-Ortsvereinsvorsitzenden haben wollte. Christine Fischer-Defoy dankte Herrn Haacke, dass er ihren Fall, das Berufs- bzw. Ausbildungsverbot von 1976, publik gemacht hat und verwies auf die Stasi-Aufarbeitung. Später stand sie vor "ihrer" Arbeit dem geladenen (Presse-)Publikum zum Gespräch zur Verfügung. Hans Haacke hatte sie zuvor gefragt, ob er "ihre" Arbeit zeigen dürfe.

Kurz-Interview, im Anschluss an die Pressekonferenz am 17.11.06 in der Akademie der Künste:

Christoph Bannat: Interessiert sie die Wirkung ihrer Arbeit?

Hans Haacke: Ich verfolge, soweit das möglich ist, schon die Wirkung meiner Arbeiten und wie sie aufgenommen werden.

C.B.: Gibt es einen Rückschluss von einer Arbeit und deren Wirkung auf die folgende Arbeit? Und denken sie in Kategorien von "gelungener Arbeit" ?

H.H.: Das kommt auf den Fall an, das kann man so global nicht beantworten.

C.B.: Gibt es Arbeiten von denen Sie sagen, die hatten keine öffentliche Wirkung, waren aber gute Arbeiten? Oder gibt es diese Kategorien von gelungener oder guter Arbeit für sie nicht?

H.H.: Wenn ich nach gelungenen Arbeiten gefragt werde, bin ich immer in Verlegenheit, weil ich manche Arbeiten wohl lieber habe als andere. Das aber verändert sich auch im Laufe der Zeit. Wenn ich Arbeiten, die ich vor vielen Jahren gemacht habe und kein Echo hatte, sehe, dann bin ich sehr froh. Während andere Arbeiten, die einen großen Rummel gemacht haben, mir nach einiger Zeit manchmal über sind, wie uns das allen wohl geht.

C.B.: Können sie da zwei Beispiele nennen?

H.H.: Könnte ich nicht auf Anhieb beantworten.

C.B.: Wie ist ihr Werk an sie gebunden. Gibt es so etwas wie eine Handschrift. Einen Duktus. Eine Art Wiedererkennungswert?

H.H.: Wahrscheinlich nur indirekt. Ich arbeite ja in verschiedenen Medien auf verschiedene Weise, da kann man im klassischen Sinne nicht von Handschrift sprechen.

C.B.: Kann man von Denkstrukturen sprechen?

H.H.: Möglicher Weise ja, das können andere vielleicht besser analysieren als ich selber.

C.B.: Wie wichtig ist ihnen, in diesem Zusammenhang die Autorenschaft?

H.H.: Es ist mir etwas unangenehm, wenn mich Fotografen verfolgen. Ich möchte eigentlich meine eigene Person in den Hintergrund stellen. Das geht bei dem heutigen Medienrummel nicht so einfach, oder gar nicht.

C.B.: Oder es erfordert mehr Kraft sich zu entziehen, als aufzutreten?

H.H.: Das vielleicht auch und dann wird das Entziehen wieder zum Mythos und dann ist man sowieso gefangen.

C.B.: Wie überprüfen sie ihre Arbeiten? Gibt es die Idee, etwas besser zu machen, vielleicht in einer 2ten oder 3ten Auflage?

H.H.: Im Moment fällt mir nichts ein, vielleicht gibt es das.

C.B.: Haben sie schon einmal eine Arbeit korrigiert?

H.H.: Das kann sein, da fällt mir momentan kein Beispiel ein.

C.B.: Wie würden sie ihre Grundhaltung beschreiben?

H.H.: Ich bin nicht geübt, wie die Amerikaner sagen, Soundbytes zu liefern. In Interviews werden bestimmte Fragen gestellt, auf die sehr präzise Antworten, möglichst in einem Satz, erwartet werden und das kann ich nicht.

C.B.: Ist Ambivalenz oder gar Schüchternheit ein Zug von ihnen?

H.H.: Es ist doch so, dass man persönlich, aber auch die Dinge, über die man sich unterhält, so vielschichtig und komplex sind, dass man sie nicht auf einen Nenner bringen kann und das verlangt der Soundbyte, der Klang der am Radio, oder Fernsehen verlangt wird.

C.B.: Ist eine Arbeit je vielschichtiger sie ist desto besser ?

H.H.: Manchmal ja. (lacht)

C.B.: Ist es dann nicht eine Frage der Formfindung, wie diese Schichten sich gegenseitig aufladen?

H.H.: Das kommt ja auf den Betrachter an, worauf er sich einlässt. Es ist ja so, dass geht mir selber ebenso, das man eine Arbeit, gleichgültig aus welcher Zeit, wie eine Zwiebel entblättert. Was nicht bedeutet, dass das, was man daran sieht, gleichzeitig vom Künstler so angelegt war. Wenn sie sich heute ein Altarbild ansehen, sehen sie heute darin etwas ganz anderes, als der Künstler der es damals gemacht hat.

C.B.: Das heißt die sozialen Konditionen bedingen auch die Wahrnehmung.

H.H.: Ja, natürlich.

C.B.: Ich denke wir sind unter 10 Minuten geblieben. Vielen Dank für das Gespräch.

Nach dem Gespräch erinnere ich mich an mein Interview mit Jochen Gerz. Damals spürte ich den Generationsunterschied. Beide kommen aus einer Generation, die im schlimmsten Fall (s. RAF) noch für ihre Ideologien gestorben wären. Sie haben sich bis zum Verschwinden zurückgenommen, um eine Ideologie zu erfüllen. Für sie stellte sich die Frage von Lust oder Reiz am (künstlerischen) Machen gar nicht, sie hatten ein Programm, welches erfüllt werden musste. Der Vorteil: Sie hatten Mitstreiter.

Christoph Bannat ist Künstler und Autor in Berlin.

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Christoph Bannat, 19.11.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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