Christoph Bannat | Bücher
komisch – lyrisch – dramatisch
Drehbuch
Sekundenfilme
Der Film in Worten
Minutentexte
Der Film schlägt ein wie ein Blitz und elektrisiert seinen Betrachter, bis heute. Ein Blitzschlag ins Familiengestrüpp, das den Film über nicht aufhört zu brennen. Ein Märchenfilm, Gut gegen Böse, das Verlogene gegen das Unschuldige: The Night of the Hunter (»Die Nacht des Jägers«)

Jetzt ist der Film als Buch erschienen. Und es ist ein großartiges Buch, dem eine bestechende Idee zugrunde liegt: Die 93 Filmminuten wurden per Losverfahren minutenweise Künstlern, Schauspielern, Regiesseuren oder Theoretikern mit der Bitte zugewiesen, er oder sie möge ohne weitere Vorgaben über die zugefallene Filmminute schreiben. Minutentexte – The Night of the Hunter ist im Oktober bei Brinkmann + Bose erschienen und kostet 30 Euro.

Geschrieben haben u.a. Hartmut Bitomsky, Klaus Theweleit, Harun Farocki, Heinz Emigholz, Stefan Geene, Ursula Döbereiner, Diedrich Diederichsen, Ariane Müller, Julia Hummer. Es sind also auch Namen dabei, die durchaus mit Bildenden Künstlern in Verbindung gebracht werden können. Durchaus passend, da es hier um Einzelbildbetrachtungen (und Beschreibungen) geht, was bildende Künstler ja grundsätzlich interessieren sollte. Ich nutzte den Anlass einer Besprechung, mich an den Westflügel meines Bücherregals zu begeben und dort unter den Stichworten »Kunst«, »Literatur« und »Film und Worte« zu recherchieren. Gefunden wurden Der Film in Worten von Rolf Dieter Brinkmann, Sekundenfilme des begnadeten Selbstverhinderers Vlado Kristl und Drehbuch von Claus Böhmler. Der folgende Text zitiert aus diesen Büchern und bespricht die »Minutentexte«.
Nur die Filme sind richtig, die Ordnungen zerstören.
Rembert Hüser hat die erste Minute, das »United Artist Signet«. Er beschreibt Stars als verfügbare Masse und den Himmel als Archiv. Auf 287 Seiten, in einem absatzlosen Fließtext, wird auf charmant und intelligenter Weise vorgeführt, wie Film mit Worten beizukommen ist. Und man fragt sich, ob so etwas auch in der Bildenden Kunst möglich wäre.

aus: Sekundenfilme von Vlado Kristl
... sein Drehbuch enthält Druckfehler. Da aber die Prüfer wissen, dass es sich um das Buch eines Ausländers handelt, bewilligen sie die Prämie. Nun kann der Regisseur seine Druckfehler verfilmen.
Natürlich unterliegt jeder der »Minutentexte« einem Jargon. Aber gerade diese Tatsache macht sie lesenswert. Die Schauspielerin Julia Hummer bleibt dicht bei sich, assoziiert frei, und überzeugt. Nur die Berliner Künstlerin Ursula Döbereiner versucht den Filmbildern mit eigenen Bildern zu antworten.
Durch das Schielverfahren wird es möglich, die Fehler zu entdecken, die ein Zeichner in den Bilderrätseln einer Illustrierten versteckt hat.
Ursula Döbereiner, versucht der 38sten Minute mit Computerzeichnungen etwas hinzuzufügen. Dabei wird sichtbar wie schwierig es ist, auf Bilder mit Bildern zu antworten. Es gehört schon eine Menge Liebe dazu, das Zitieren großartiger Bildfindungen zu Verlebendigen. Hartmut Bitomsky geht, in Minute 4, den anderen Weg, er analysiert die Produktionsbedingungen einer Rückprojektion, um von dort auf die Hintergründe des Film zu kommen.

aus: Drehbuch von Claus Böhmler
ab und zu ein Platzwechsel ... ab und zu etwas langweilig
Heinz Emigholz entzieht sich einer ikonographischen Interpretation indem er »nur« beschreibt. Dietrich Diederichsen verweist auf den Candystore und seine sozio-kulturelle Bedeutung im Kontext der amerikanischen Geschichte. Und von Ariane Müller erfährt man, was sie gerade liest.
Schnitt: kam durch eine lautlose Tür und verstand kein Wort. Was ist los? (Gegenlichtaufnahme »finito« (Tür auf, zu) L´ombra Signori delle tenebre: Schnitt: der verstümmelte Gehirnfilm ...
Ein wunderbares Buch, ein Schatz, der immer wieder neu zu entdecken ist. Eine imaginäre Gesprächsrunde, die von Michael Baute und Volker Pantenberg zusammengestellt wurde.
Vlado Kristl ist eine Sache, die sich nicht auf eine Person herausredet, um sich zu rechtfertigen.
Und sofort stellt man sich seine eigene Gesprächsrunde im Kopf zusammen und denkt sich weitere Filme als »Minutentexte«.

aus: Der Film in Worten von Rolf Dieter Brinkmann
Bekannte literarische Vorstellungsmuster verwischen sich: der Raum dehnt sich aus, veränderte Dimensionen des Bewusstseins. Das Rückkopplungssystem der Wörter, das in gewohnten grammatikalischen Ordnungen wirksam ist, entspricht längst nicht mehr tagtäglich zu machender sinnlicher Erfahrung.
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Link/Infos:
Minutentexte – The Night of the Hunter, Hg. von Michael Baute und Volker Pantenburg
Night of the Hunter, 1955, Regie: Charles Laughton, Drehbuch: James Agee, mit Robert Mitchum, als DVD im Süddeutsche Zeitung Verlag, 9,90 Euro.
Sekundenfilme, Vlado Kristl (Hg. von Wolf Wondratschek), Frankfurt/M. 1971
Der Film in Worten, Rolf Dieter Brinkmann, Reinbek, 1982
Drehbuch, Claus Böhmler, Frankfurt/M. 1984
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Christoph Bannat, 29.11.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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