Christoph Bannat | Bücher
Manga

Wer sich heute als Zeichner für die zeitgenössische Darstellung von Menschen interessiert muss im Comic suchen. Das Zwitterwesen Comic bietet weder gute Literatur noch gute Zeichnungen im akademischen Sinne. Für akademisch ausgebildete Künstler stellt sich also die Frage, was ist eine gute Zeichnung, jenseits vom Comic und seinem, diesem Medium eigenen, Typisierungen. Das Paradox, je mehr der Comic seiner ihm eigenen Charakteristika folgt, desto "mehr" Kunst ist er.

"Der Selbstmordclub" von Usamaru Furuya kommt passend zur Diskussion um eine Bildungsreform. Diese Comic-Bücher könnten als Diskussionsgrundlage dienen.
Die Schulausbildung wie wir sie kennen beginnt in Japan weit früher. Hier wird bereits im Kindergarten ein Lernpensum aufgestellt mit dem die Kinder das fünfzig Schriftzeichen umfassendende Silbenalphabet hiragana lernen dessen Kenntnisse bei Schulanfang vorausgesetzt werden. Da die japanischen Schulen hohe Anforderungen stellen besuchen viele Kinder zusätzlich eine juku (Paukerschule). Die Ganztagsschule ist üblich, die Kinder tragen Schuluniformen, Make-up ist verboten, die Haarlänge für die Jungen ist vorgeschrieben und in den Pausen haben die Schüler die Klassenzimmer aufzuräumen. Der Druck hält bis zum alles entscheidenden Gymnasium an, auch wenn es in japanischen Schulsystem so gut wie keine Sitzenbleiber gibt. Eine der wichtigsten Stationen im Leben eines Japaners ist die Aufnahmeprüfung zur Uni, die oft ein ganzes Jahr in Anspruch nimmt.

Am 31.Mai 2001 werfen sich 54 Schülerinnen vor einen Zug - alle Mitglieder eines mysteriösen Selbstmordclubs. Usamura Furuya, erzählt die Geschichte on Innen heraus. Er berichtet von Schülerprostitution, Abtreibung und Selbstverstümmelung. Verstümmelungen, wie sie auch bei uns, meist bei Frauen, vorkommt. Der okkulte Club und das Internet als Kommunikationsforum ist bei den Schülerinnen die letzte soziale Form seinem Schmerz Ausdruck zu verleihen. In erschütternd klarer Form setzt er dem Schmerz der Schülerinnen ein Denkmal. Ein Schmerz der sich wie ein Gen fortpflanzt, indem aus jedem Massenselbstmord ein Überlebender als neuer Star und Negativ- Identifikation hervorgeht, um einen weiteren Club zu gründen.

Auch "blue" von Kiriko Nananan, handelt von der Schulzeit in Japan, einer Abtreibung und der Liebe zweier Mädchen zueinander. Kayako und die schweigsame Masami kreisen, in von jedem überflüssigen Details bereinigten Bildern, wie in einem Vakuum umeinander, berühren und verlieren sich wieder. Wer sich in diese Welt begibt kann sich einer zärtlich und melancholischen Faszination für diese Beziehung nicht entziehen. Die unterkühlt graphischen Zeichnungen in "blue", welche auf den ersten Blick profan erscheinen, entwickeln im Laufe der Lesezeit eine ergreifende Präsenz. Hier greift die Form, wie selten, in die Atmosphäre der Erzählung ein und wird zum Leseerlebnis.
Bei allem grausam und morbiden Realismus beruhen beide Mangas, auf einer humanistischen Grundstimmung, die den Menschen in seiner Verletzlichkeit in den Mittelpunkt stellt. Sie machen entgültig Schluss mit dem Klischee heidiäugiger Feenwesen (Mangas für Kinder) und manieristischen Sadomaso-Fantasien (für Erwachsene). Und sie machen endgültig Schluss mit der selbstbezüglichen kultivierten Langeweile des amerikanischen Autorencomic.

Usamura Furuya und Kiriko Nananan sind mit diesen, jetzt erstmals in Deutsch übersetzen Werken die Vorreiter für ein neues Genre der josei manga (josei = Frau) für junge erwachsene Frauen.
Erschienen im Verlag Schreiber & Leser.
blue - Kiriko Nananan / Der Selbstmordclub - Usamaru Furuya
Christoph Bannat, 16.11.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
Kunst-Blog.com, Copyright 2005-08. Alle Rechte vorbehalten.
Soweit nicht anders angegeben liegen die Rechte bei den jeweiligen Autoren und Künstlern, die die Urheber der Beiträge sind, und bei Kunst-Blog.com. Für Webseiten, auf die von dieser Site aus verlinkt wird, sind ausschließlich die Betreiber der jeweiligen Angebote verantwortlich.
Kommentare
Schreiben Sie einen Kommentar zu »Manga«
Danke für Ihre Anmeldung,
.
Sie können jetzt Ihren Kommentar schreiben. | Abmelden