Christoph Bannat | Kritik

Neues aus Absurdistan

Neo Rauch: Neue Rollen.
Bilder 1993 bis heute

Kunstmuseum Wolfsburg
11. November 2006 bis 11. März 2007

Diese Ausstellung ist erhellend wie selten eine. Und das für Neo Rauch-Fans und jene, welche ihn - bis jetzt - für einen würdigen Gegenspieler hielten. Die Ausstellung zeigt Neo Rauchs Entwicklung vom Graphiker zum Maler und wie eine Überdosis an Verweisen und Zitaten wirkt.


Reflex, 2001 - im Wasser spiegelnd Zimmer

In 80 Bildern des Leipziger Malers treffen Comicverweise von Alex Raymunds "Flash Gordon", wahlweise auch Dick Dares "Raumschiffpilot" (im Katalog werden Hege und Edgar P. Jakobs genannt), auf deutsche 48er Republikaner und französische 89er Revoluzzer. Ridley Scotts "Alien" trifft Werktätige, erstarrt in sozialistischen Aufbaugesten. Alice im Wunderland- und Wizard-of-Oz-Figuren auf Manets "Erschießung des Kaisers Maximilian". DDR-Turnschuh- und Trainingsjackendesign auf Biedermeierdresscodes. Thomas-Mann-Kurhausarchitektur auf stalinistische Architekturzitate, deutschen Autobahn- und NS-Siedlungsbau. Kunst-Hängung und Ateliersituationen begegnen Malereizitaten von Rene Daniels bis Giovanni da Piermonte. Dazwischen irren, in autistischer Beziehungslosigkeit, Neo Rauchs Retro-Protagonisten umher, gefasst in eine Grimmsche Märchenweltatmosphäre. Und all dies verhallt im postmodernen Nirgendwo. In einem deutschen Gemütskitsch, dem man bereits Anfang der 80er bei Amseln Kiefer begegnete und dem das größte gemeinsame Missverständnis einer bedeutungs- uns schicksalsschwangeren deutschen Sagenwelt zu Grunde liegt. Vielleicht ist dies auch der Grund, warum diese Bilder bei amerikanischen Sammlern so beliebt sind.


Waldmann, 2003 - Landschaftspanorama

Bei Neo Rauch muss es immer die große (Freilicht-) Bühne sein, auf der er sein Zeichengewitter entlädt und auf der sich die Wirkung der einzelnen Bildelemente gegenseitig nivelliert. Auch wenn die großen Gesten als öffentlich propagierte sozialistische Aufbaugesten, welche im DDR-Alltag jämmerlich versagt haben, oder, mit heutigem Bezug, als die gern zitierte Habermas'sche "Neue Unübersichtlichkeit" (welche die propagierte Emanzipation, einzig der Emanzipation Willen wegen, als den größten Irrtum der Aufklärung beschreibt) gedeutet werden können, will sich kein echtes Anliegen herauskristallisieren.
Der Irrtum dieser Bilder ist, dass hier komplex mit kompliziert verwechselt wurde. Neo Rauch verkompliziert unnötig, wenn er Inhalt und Bildräume bis zur Erschöpfung ineinander verschränkt.
Dort wo er am unaufgeregtesten ist, ist er am besten, (s. Bild: Waldmann).

Was also liebt dieser Mann?

Die Welt scheint ihm nur in Form von medialen Vorlagen zu interessieren, die er spielerisch in immer neuen Variationen kombiniert. Das seine Motive nur sehr bedingt in unserer Lebenswirklichkeit verankert sind, ist zwar kein Kriterium für gute oder schlechte Kunst, schließlich liegt, unabhängig vom dargestellten Inhalt, bereits in der Formfindung ein Versprechen. Es ist das begütigende und aufreizende Versprechen, dass Leben, Leiden, Träumereien und Grausamkeiten nicht formlos bleiben müssen. Und ist erst einmal eine Form gefunden, kann man auch Abstand von ihr nehmen, was man vom Leben nicht kann. Doch von einer überzeugenden Formfindung sind diese Bilder noch weit entfernt.


DOCK, 1994 (mit Galerist im Vordergrund rechts)

Nach 80 Bildern, Reise durch Absurdistan, ist man erschöpft von den nach Aufmerksamkeit gierenden, theatralischen Gesten. Im Zenit der Erschöpfung sieht man einen Künstler, der einzig verliebt in seine Effekte scheint. Dessen Weitwinkelmalerei, aus der Entfernung betrachtet, eine handwerkliche Genialität verspricht, die sich bei näherem Hinsehen als erschreckend profane Schlampigkeit entpuppt. Heißt: Der Mann möchte nicht mehr von seinen Bildern wissen, als er schon weiß. Dies wird in dieser Ausstellung deutlich.
So bleibt der Tipp: Noch einmal zu Manet (Alte Nationalgalerie - Berlin), Franz Hals, Georges de la Tour, Jean Fouque (Gemäldegalerie - Berlin), um diese nach den oben genannten Aspekten zu überprüfen!

Christoph Bannat ist Künstler und Autor in Berlin.

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Christoph Bannat, 11.11.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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Kommentare

Vielen Dank Herr Bannat für den genauen Blick !

grijsz [TypeKey Profile Page] | 11.11.06

 

Den Vergleich mit Anselm Kiefer fand ich sehr erhellend. Seinen guten Stand bei alten Kunsthistorikern und Spätsurealisten (s. Art und FAS) hat Rauch sicherlich auch deswegen, weil man da richtig den Bildungsbürger alten Schlages raushängen lassen kann – Distinktionsgewinn galore selbst für die, die nur 20% des Bildpersonals entschlüsseln können. Und danke, dass mal endlich jemand sagt, dass das alles garnicht so toll gemalt ist, sondern nur von weitem gut aussieht.

Frau Doktor [TypeKey Profile Page] | 13.11.06

 

nur dumme und ausreichend unreflektierte menschen, können einen solch seelenlosen und von neid zerfressenenen artikel über einen so ehrlichen maler schreiben! nicht das er unfehlbar wäre, aber es ist schlampig zu glauben und um so mehr, dies als mitteilung an die welt weiter zu geben, dass seine motive nicht in unserer lebenswirklichkeit verankert wären! in welcher gegenwart wird ein neo rauch denn verankert sein? ist er nicht vielmehr einer, der eine andere leseart herausfordert, als die des profanen bildverständnisses des ohnerhin medienverseuchten publikums? nun gut, wer glaubt die weisheit erkannt zu haben, ohne sich auf andere formensprachen einzulassen, der glaube und schreie mit, mit dem wonach die ganze welt des neides und der missgunst sich sehnt: bringen wir jemanden für einen moment zu fall, sei es denn auch nur plakativ und ohne jedes beurteilendes fundament, hauptsache wir lecken sein blut, oder? wie primitiv soll den dieses gewäsch noch werden? wäre es nicht vielmehr sinnvoller, eine konstruktive kritik vorzubringen? aber dass ist wohl nicht zu erwarten, von menschen, die sich auf nichts berufen können, als auf unreflektierten neid, die unfähigkeit die stränge des gehirns in den gang zu bekommen, die es ermöglichen sich auf neues und traumhaft unbeschreibliches einzulassen und neues zu erfahren. statt dessen regiert immernoch die mittelalterliche gewalt der hexenverfolgung: was meinen horizont übersteigt, muß böse und schlecht sein! bravo, dass ist genau das, was die rezension braucht. warum sollten wir uns noch gedanken über form, symbolik und der gleichen machen? wir sind wohl genau die, die auf eine erlösung warten: die, die nur mit mühe 20% des bildpersonals entschlüsseln können! gott gib, dass uns die künstler dienlich sind, und wir unsere hirnenergien nicht anstrengen müssen. statt dessen lass sie endlich hübsch dekorative bilder malen, welche uns das leben verschönen und uns um himmels willen nicht zum nachdenken anregen!

minshu [TypeKey Profile Page] | 13.01.08

 

ach schon wieder einer von diesen absurden hass-seiten,
die leer und unreflektiert sind. pseudowissenschaftlich daherkommend mit großen kunsthistorischen allüren. hier sollen sich nichts weiter als dumme kommentare versammeln, um gegen einem künstler zu hetzen, der wirklich solch ein niveau nicht ereichen mag. ach diese art und weise müsste schon selbstschmerz verursachen.

kanner [TypeKey Profile Page] | 13.01.08

 

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