Gastbeitrag | Kritik
Professione Reporter, parte uno
von Christina Zück
Der Kontrakt des Fotografen
12. November 2006 bis 7. Januar 2007
Akademie der Künste, Hanseatenweg, Hallen 1 und 2
Sybille Bergemann, Photographien
11. November 2006 bis 14. Januar 2007
Akademie der Künste, Hanseatenweg, Halle 3

Die "große" Fotografie gibt's in Berlin während des Monats der Fotografie in der Peripherie zu sehen, in der ausgedienten Akademie der Künste nämlich, die wir sowieso lieber mögen als alle anderen Ausstellugscubes - wegen der schönen Architektur und den Blicken durch die großen Fenster auf das Schilf und Gestrüpp der Innenhöfe. Es gibt Menschen zu sehen auf den Fotografien, und die Ausstellungsmacher fragen sich, wie das zu Stande kommt, dass Menschen andere anschauen, und ob das überhaupt politisch korrekt ist, werden da andere ausgebeutet, oder wollen die Betrachteten, scharf auf Fame, bloß auch mal in der fetten Ausstellung hängen. Es geht um das Spiegelungsthema und das vorsichtige Aushandeln der Bespiegelungsbedingungen. Ich schau mir am liebsten Menschen an, zum Beispiel wie geliebte Personen, bei denen es erstmal verboten ist, sie länger anzuschauen, und verstecke mich dabei gerne hinter einem Fotoapparat oder einem Abendessen.

Peinlicherweise will ich da jetzt mit der neuen Digiknipse reingehen und darüber berichten. Gehe also die große Treppe hoch auf den Ausstellungseingang zu und sehe - Uaaaaahhhh - meine Ex-Galeristen darin herumlaufen. Schnell umdrehen, Treppe wieder runter, um die Ecke zur Garderobe, Mantel abgeben, tief durchatmen. Händy raus, die Freunde anwählen, die auch kommen wollten - Mailbox bei beiden. Noch mal tief durchatmen, mit allem Mut Treppe wieder rauf. In der Ausstellung sehe ich weiter hinten im Raum Birthe, oh, ich renne fast wie ihr kleiner Sohn Henri auf sie zu: "Birthääh, du musst mich retten, kann ich bitte in deiner Nähe bleiben und mit euch durch die Ausstellung gehen?" "Wer ist denn da?" "Ex-Galeristin." flüstere ich. Birthes Voodoo wirkt, die problematischen Objekte bleiben mir während des Weiteren aus dem Blickfeld.

Stehe dann erstmal mit Christoph am Büffet mit rotem Sekt in der Hand. "Komisch, so viel zu essen gab's ja noch nie bei 'ner Eröffnung hier." "Ist Siemens Art-Programm, die haben Kohle." "Na, und die Stimmung ist auch ganz seltsam", meint Birthe. "Hier ist viel Kunstmafia, so Galeristen und so, und keine Künstler, da multipliziert sich immer die bekackte Atmo, aber am Freitagabend war's total nett und so voll wie bei 'ner MoMa Vernissage, das war die Sybille Bergemann Eröffnung, da wurde auch ein Film gezeigt über sie und Gundula Schulze Eldowy und Helga Paris", labere ich weiter.
Bemerkenswerte Arbeiten in der Ausstellung:
Am Anfang gleich Thomas Struths neue, "bewegtere" Familienportraits. Ein Fest für den Kryptologen. Treffe auch gleich davor eine ganze Familie, die sich ausgiebig über die Familienstrukturen und Dekorationsgegenstände der Abgebildeten auslässt. Sobald sie bemerken, dass ich zuhöre - und ungeschickter Weise gleich die Knipse auf sie draufhalte - flüchten sie.

Ashkan Sahihi und Marjaana Kella betrachten psychische Zustände von Außen. Hypnose bei Kella, während der die Fotografierten, man könnte sagen, ihr Gesicht verlieren. Wie sieht man also aus, wenn's innerlich abgeht? Tja, das macht manchen Forschergeist neugierig. Bei Sahihi werden alle Drogen systematisiert und durchdekliniert, so sieht's also bei Heroin aus und so bei Koks - die armen Probanden, wa. Und dann ein Text dazu, der das Für und Wider der pädagogischen Drogenaufklärung abwägt, denn im Grunde sind Drogen ja wirklich auch böse. Aber bitte nicht noch mehr Wassertürme, Herrgottsakra, Bernd & Hilla, was habt ihr nur angerichtet mit eurem "konzeptuellen" Approach!
Tina Barneys Reisen durch die europäische Oberschicht. Im Gegensatz zu Patrick Faigenbaum musste sie sich nicht mühevoll wie ein verdeckter Ermittler in die Szene einschleichen.
Patrick Faigenbaum, neben Jean-Marc Bustamante und Jean-Luc Moulène einer der bedeutendsten französischen Künstler, die mit Fotografie arbeiten. Mitte der Achtziger fotografierte er alte italienische Adelsfamilien in ihren Palazzi in der Umgebung von Florenz. In seinen Schwarzweißfotografien arbeitet er mit der Dunkelheit, den Schatten und der Dichte des Materials. Die Menschen vor dem Hintergrund ihrer ererbten prächtigen Palazzi voller Fresken und Renaissancemalereien werden selbst zu Schatten oder Höhlenbewohnern. Meiner Meinung nach ist diese Darkness das Highlight der Ausstellung. Diese Arbeiten im Original zu sehen, ist sehr selten.

Angela Fenschs Schwarzweißportraits von Müttern und Kindern, von denen einige sicher allein erziehend sind, der Subtext der Arbeit ist vermutlich hoffentlich feministisch. Fensch scheut die Reibung mit der kitschigen Aktfotografie nicht und lässt in manchen Portraits eine etwas übertriebene, leicht verstörende Erotik hervorblitzen, die einerseits an die ebenfalls strangen Fotos von Sally Mann erinnern, aber auch an Helmut Newton. Die Begegnung mit Helmut Newton in den siebziger oder achtziger Jahren in der DDR beschreibt Sybille Bergemann in dem sehr interessanten Interviewfilm "Ostfotografinnen", aber dazu später.
Jeff Burton, der Kenneth Anger fotografiert, der wie Sido, wie ich neulich in der U-Bahn in dem Boulevardblatt eines Sitznachbarn lesen konnte, "überfallen und ausgeraubt" wurde und dann sofort, noch vor dem Arzt, die Yellow Press anrief. Das also zur "scalding reality behind the glittering facade of America's dream factory", der Anger sollte es mal mit Hypnose versuchen.
Bei Nicholas Nixon, dem immergleichen On-Kawara-ähnlichen Fotoklassiker, fliege ich raus. "Ich hab ihnen vorhin schon gesagt, sie dürfen hier nicht fotografieren, sie brauchen 'ne Presseakkreditierung, die gibt's da unten," sagt der Wärter. "Ich bin ja Presse", flüstere ich, "dauert mir zu lange jetzt so'ne scheiß Akkreditierung zu holen, kann's ja auch nicht mal beweisen."

Nebenan kann man in die Ausstellung von Sibylle Bergemann gehen. Bei ihr geht es um das Periphere, um das am Rande sein in einem diffusen grauen Raum. Sieht man hier die "Realität" oder ein schwarzweißes Gefühl? Wo waren wir als DDR war? Vielleicht bei Henri-Cartier Bresson, Robert Doisneau, Brassai und auch ein bisschen bei Helmut Newton. Oder Helmut Newton war manchmal zu Besuch in der im Bezug auf Gleichberechtigung und sexuelle Freizügigkeit ein wenig liberaleren sozialistischen Gesellschaft und auch bei der Gang um Sibylle Bergemann und Arno Fischer, so kann es auch gewesen sein. Die in der Modezeitschrift Sibylle veröffentlichten Modefotos und Frauenportraits erscheinen tatsächlich wie aus einem anderen Universum, im Vergleich zu der gleißenden sexualisierten Verkäuflichkeit, die jedes einzelne Werbe- oder Modefoto von 2006 in jeder beliebigen Zeitschrift ausdünstet, und in diesem Sinne sind sie jetzt wieder und schon immer Avantgarde.

Am Freitagabend wurde ihre Ausstellung eröffnet und die Besuchermassen mussten erst unten vor der großen Treppe Schlange stehen, und dann noch mal vor der Ausstellung im ersten Stock, um überhaupt hineingelassen zu werden. Man hat gespürt, wie wichtig es war, dass Sibylle Bergemann nach so langer Zeit des Wenigbeachtetseins gewürdigt wird. Im Anschluss gab es die Premiere eines Dokumentarfilms mit dem etwas einfältigen Titel "Ostfotografinnen" - so ein Schubladenproduktname kann sicher leichter den Medien vertickt werden - über Gundula Schulze Eldowy, Helga Paris und Sibylle Bergemann. Die Arbeiten von Schulze Eldowy repräsentieren eher die krasse oder barocke Version des fotografischen Blicks, sie lieben das Groteske und den zilleschen Berliner Charakter, die Künstlerin gibt sehr lustige und herzhafte Anekdoten zum Besten. Bergemann wäre in dieser Kategorisierung die romantische Version, und Helga Paris eine Art klassische hoch begabte Portraitistin, die das Überirdische der Menschen zeigen kann. Bitte, und das geht jetzt an alle Richississimes und etablierten Kulturfuzzis, alle drei unbedingt noch mehr würdigen!
Gastbeitrag, 12.11.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
Kunst-Blog.com, Copyright 2005-08. Alle Rechte vorbehalten.
Soweit nicht anders angegeben liegen die Rechte bei den jeweiligen Autoren und Künstlern, die die Urheber der Beiträge sind, und bei Kunst-Blog.com. Für Webseiten, auf die von dieser Site aus verlinkt wird, sind ausschließlich die Betreiber der jeweiligen Angebote verantwortlich.
Kommentare
Spöttisch und doch liebend. Gut geschriebene Schreibe, hat Spaß gemacht, zu lesen.
Der Part mit der eigenen Galeristin, die man zu meiden suchte, war irreführend - die Galeristin hatte soviel Raum eingenommen, dass man denkt, da kommt noch was, aber da kam nix ...
Aber ich habe jetzt Lust, die Ausstellungen zu besuchen.
Kunst-Fehler
| 13.11.06
Wie geil! Neue Kamera, alte Galeristin und dann auch noch keine Presseakkreditierung. Und die schmeissen dann die Frau raus, die locker aus der Hüfte so einen ja doch irgendwie ziemlich geilen und informierten, Text über ihre putzige Jahrderfotografie-Ausstellung schreiben kann? Statt sich über jeden vernünftigen Beitrag zu freuen? Was meinen diese Penner eigentlich, wieviele Menschen intelligent und aufgeschlossen und vorinformiert und mitteilungsfreudig genug sind, um Zeit in die Hand zu nehmen, einen Text zu schreiben, durch den unter anderem dann über ihre klaftertief in den Tiergarten betonierte Akademie-Langeweile zur Abwechslung mal gesprochen wird? Und wo lag da eigentlich das Argument? Ich hab's ihnen schon mal gesagt. Fotografieren nur mit Presseakkreditierung. Meinen die am Ende tatsächlich: Wenn das hier jeder machen würde? Oder etwa: Wo komm wa denn da hin wenn hier jeder uff eenmal? Das sind mir echt so Hausmeister-Schrulligkeiten, wie man sie an der Akademie schon immer geliebt hat.
Ich hätte nämlich, liebe Akademie, den Text von der Christina hier gerne noch ein bißchen weitergelesen. Auch wenn du dir das offenbar gar nicht vorstellen kannst. Du alte Schlafmütze.
Kai
| 13.11.06
Sibyelle Bergemann Fotos hab erst vor ein paar Wochen in Köln entdeckt - zusammen mit Barbara Klemm und Frau Paris. Ich kannte B. & P. nicht und war sehr angetan von ihren Fotos. Barbara Klemm beobachte ich schon seit den 70er Jahren. Der emotionale Bericht aus Berlin gibt die Situation interessant wieder. Aber besser gefallen mir die Fotos!
Gruss
Wray
Wray
| 23.11.06
Schreiben Sie einen Kommentar zu »Professione Reporter, parte uno«
Danke für Ihre Anmeldung,
.
Sie können jetzt Ihren Kommentar schreiben. | Abmelden