Gastbeitrag | Kritik

Professione Reporter, parte due: Hitler’s Tub

von Christina Zück


Performance von Lee Millers Sohn im Münz Club anläßlich ihrer Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg

Gloria schleppt mich mit in den Münzclub zu so’nem Vortrag von dem Sohn von Lee Miller - was mag das für eine Veranstaltung sein? Ich pack mal die Reporter-Accessoires in die Handtasche mit ein, das Knips-Toy und das Notizheft. Denn Lee Miller und ihre sehr berühmte Badewannen-Nummer, in meiner Vorstellung, wär mal was Interessantes für einen Daumen-runter-Text, auf Deutsch Bashing, für’s Blök. Und der Münzclub ein fantastischer Ort, um sich öffentlich zu blamieren. Ich geh da die Treppe hoch und klingel tapferen Mutes an der Tür und flöte brav: "Ich bin auf der Liste." Alles soll anders kommen als erwartet. Alle Bedeutungen sollen wieder mal kippen wie eine Rotationskartei.



Am Info-Tresen vom Kunstmuseum Wolfsburg sammle ich alle Flyer und Texte ein, und es fängt schon an mit einem Joke. "Waren Sie schonmal in Wolfsburg?" fragen die jungen Damen mich. Ich: "Ja ja." Die: "Wir haben hier eine Eintrittskarte für Sie für das Kunstmuseum." Jetzt kann ich mir wirklich nicht verkneifen kichernd zu antworten: "Ich war schon zweimal im Kunstverein ausgestellt und einmal im Junge Kunst e.V."
Gloria ist schon da, es gibt freien Sekt, am Tisch sitzen elegante Damen in meinem Alter und lächeln mich mit einem phoney Lächeln an, und ich bin total falsch und zu auffällig angezogen. Schmeiße erstmal ein Glas Sekt um. Plaudere ein bißchen mit Gloria und schnappe Sätze von den Leuten drumherum auf wie "... da war ich wohl zu sehr emotional und konnte nicht genug loslassen, aber um mich selber aufzubauen habe ich dann ...". Willkommen in der durchtherapierten Welt.



Ein Museumsmann stellt die Ausstellung vor, die nur eine Stunde mit dem ICE in Richtung Westen vor den Türen Berlins liegt - quasi eingebettet in und abgerundet durch eine Ausstellung von Neo Rauch. Die Lee-Miller-Ausstellung, die in der National Portrait Gallery in London gezeigt wurde, konnte wegen ihres politischen Schwerpunktes in Wolfsburg so nicht übernommen werden, deshalb konzipierte man eine neue Bildauswahl mit dem Fokus auf Lee Millers Modelkarriere. Das Publikum, und es besteht zum Teil aus richtig eleganten Damen - weiter vorne sichte ich Tacita Dean - braucht sich doch bloß noch bei DB.com ein Ticket zu kaufen. Irgendwie scheint der Zweck der Veranstaltung educational zu sein.



"Welcome indeed" begrüßt uns Lee Millers Sohn. Und es geht los mit einer wilden Fahrt durch Zeligs (Woody Allen), ähem, Lees Leben. Ihre Modelkarriere begann mit einer Legende, der berühmten Bus-Story: Lee rannte in New York vor einen Bus, jemand hielt sie zurück und rettete ihr somit das Leben, es war Condé Nast, der Herausgeber von Vogue. Später wurde sie die erste "embedded journalist", nämlich Kriegsberichterstatterin für Vogue. Lee galt als die Muse schlechthin, "a muse is sent by the gods to inspire creative thoughts". Klingt irgendwie Wikipedia. Als Person war sie "warm, intelligent and witty", und oft litt der Sohn darunter, mit ihr Shoppen gehen zu müssen, während sie Klodeckelbezüge auf dem Kopf trug. Sie hatte schreckliche Kriegserlebnisse gehabt und war später ein Alkoholmißbrauchs- und Depressionsopfer. Man Ray erkannte die musenhaften Qualitäten sofort in ihr. Sohnemann erklärt die komplizierten Beziehungsverflechtungen der Surrealisten, die auf free love standen, so wie die Achtundsechtziger bzw. Hippies dreißig Jahre später. Natürlich war die free love in der Passion zwischen Man und Lee eher so 'ne Idee von Man, der sich auch manchmal Main nannte, und der total durchtickte, als Lee auch was mit den Mädels oder den anderen Pariser Poeten, zum Beispiel Cocteau, oder den Bourgeois Bohémiens (BoBos), die sonst noch so herumhingen, anfing. Der wurde richtig aggressiv und der litt total. Konnte sich kaum davon erholen und machte total viel Kunst, wo Lee drauf war. Was ungefähr heißen will - der kontrakt-des-fotografen-mäßig - Lee war nicht unschuldig an dieser Kunstproduktion.



Wir wissen das, aber die lieben Friedens-Siemense, wie André Butzer sie nennt, müssen das jetzt lernen: Dass es nicht EIN Künstler-Genie gibt, wie es uns die offizielle Version der Kunstgeschichte immer verkauft hat. Ihr Sohn erklärt es dem Publikum in einem schönen Commodity-Englisch. "Ideals can be very hard to live by", sprach seine Mutti einst, "you can hear pahain in that" fügt er hinzu. Er zeigt sehr schön anhand der hochsymbolischen Bilder Man Rays, wie sich das Verhältnis gestaltete, und wie bestimmte Arbeiten überhaupt zustande kamen. Hoffenlich kapieren die das: So funktioniert Bildwissenschaft. Und jetzt geht er über zum feministischen Diskurs: "Man Ray tried to reduce her to an object that becomes a commodity - a thing - that would give him erotic pleasure, but never challenge him." Doch Man hatte nicht mit Lees Einfallsreichtum gerechnet. Sie machte irgendwann, vielleicht später, ein Foto von einer bei einer Brustkrebsoperation abgetrennten Brust, von wem die gewesen sein soll, hab ich nicht mitgekriegt, vielleicht sogar ihre eigene. Ein Raunen geht durch das Publikum beim Anblick des Fleischstückes. "It was a protest at the commodification of womens' bodies - when your body is dismembered by Man Ray for months..."



Im nächsten Kapitel des Vortrages geht es biografisch in die Tiefe. Herkunft: middle class family aus Poughkeepsie, NY - Vater Ingenieur, Mutter Krankenschwester. Der Enkel hat sich in die Geschichte eingegraben und zurückrecherchiert, vielleicht auch gar nicht er, sondern eher die Kunstwissenschaftler, die ihre thesis über Lee schrieben. Es geht nun ran an die Traumata Lees, in aller Deutlichkeit und mit allen präsentierbaren Details. Das Publikum ist sehr still und gebannt. Ab hier endet auch mein amusement. Es ist wichtig, zu verstehen, welche Auswirkungen Gewalt haben kann, wie sie weiter "produktiv" bleibt, und wie sie sich im Leben der Menschen und in ihrer Bildproduktion ausbreiten und fortsetzen kann. Aber seine eigene, verstorbene Mutter, die ihr ganzes Leben lang bloßgestellt wurde, noch weiter bloßzustellen auf eine Weise, wie es ein Wissenschaftler tun würde, ist schlichtweg unwürdig. Im Zwecke der sogenannten Aufklärung zielt er auf die Emotionen der Zuhörer. So wie es gerade verstärkt die Boulevardpresse und das öffentlich-rechtliche Fernsehen tun und ganz hart an den Schmerz und die allerschlimmsten Ängste von Müttern, Vätern, Töchtern, Söhnen, Schwestern, Brüdern, Freunden, Betroffenen rangeht. Und ein Fass aufmacht, durch das immer mehr und neue Imaginationen und "Perversionen" generiert werden. Ins Rampenlicht gestellt, werden Betroffene, die selbst kaum erfassen können, was Unermeßliches geschehen ist, der absoluten Schutzlosigkeit ausgeliefert. Ein Vorgehen, dessen Gewalttätigkeit und Bösartigkeit ins Grenzenlose geht.

Weiter geht es in der Geschichte. Lee wird unabhängige Modefotografin in New York, kehrt 1937 nach Frankreich zurück, lernt Roland Penrose, den Vater des Vortragenden, kennen, sie sind mit der kompletten französischen Kulturschickeria befreundet, Picasso malt sechs Portraits von ihr à l'Arlésienne und diese Portraits hängen irgendwann in der Farley Farm in Südengland, in der der Sohn in den fünfziger, sechziger Jahren aufwächst. Als Kind war es ihm todpeinlich, wenn seine Freunde mit nach Hause kamen und diese Portraits von seiner Mutter sahen. Als Kind wußte er nichts von ihren traumatischen Erfahrungen, aber da gab es diesen psychiatrischen Ausdruck "strongly dissociated". Sein Vater Roland wußte, dass sie "dissociated" war.



Um 1940 wurde Lee Miller freie Kriegsberichterstatterin bei Vogue, berichtete über die Folgen des Blitzkrieges in England und wurde 1942 offiziell eingebettet in die amerikanische Armee. Sie fotografierte Leichen, Leichenberge, Bombardierungen, die Befreiung von Konzentrationslagern. Das berühmteste Foto ist möglicherweise aus Gedankenlosigkeit entstanden - in Unawareness, was seine tiefe Bedeutung sein könnte: sie und ihr Kollege David E. Scherman fotografieren sich gegenseitig in der Badewanne Hitlers. Der Sohn erzählt, dass sie am selben Tag aus Dakar eingeflogen wurde und von dort den Schlamm und Schmutz mit in die Wanne brachte. Das Bild sei für sie "the funeral pyre of the 3rd Reich" gewesen. Und nun deute ich weiter herum: Das Bild mit der Muse und dem Model in der Badewanne des Monsters wurde berühmt - instrumentalisiert als amerikanische Propaganda. Durch dieses Bild wurde das Besiegen sexualisiert. Die Siegergeste, ein Badespass inszeniert mit Hitlerportrait und kleiner Statue und einer amerikanischen Frau, hat kein Gespür mehr für das Grauen und das entsetzliche Leid, das gerade beendet wurde.



Durch die Fotografien, die die durch Schock von ihrer Emotion abgetrennte Kriegsberichterstatter wie Lee Miller von den Toten, den Müttern, Vätern, Töchtern, Söhnen, Brüdern, Schwestern und Freunden von lebenden Menschen gemacht haben, werden die Toten noch einmal "entehrt". Die Leichen auf den Fotos sind "Morts sans sépultures" (Jean Paul Sartre), Tote ohne Beerdigung und ohne Trauerriten. Nicht nur, daß, wie Susan Sontag in "Das Leiden anderer betrachten" schreibt, die Fotografien der Toten und Verletzten zur Bewußtwerdung und Wahrnehmung der Gewalt dienen und somit eine Aufforderung zum Handeln - ein Aufruf zur Bekämpfung des Elends - sind, sie töten gleichzeitig die Fähigkeit zum Mitgefühl durch unermessliche Überforderung. Heute haben sie keine Wirkung mehr außer der Aufrechterhaltung des Status Quo der Angst.

"Hitler's Tub" ist eine Monstrosität und eine Obszönität, sie greift die symbolische Ebene an - das symbolische Fundament, auf dem Menschen mit allergrößter Schwierigkeit versuchen, ihre Gesellschaft durch Bindungen und Beziehungen der Freundschaft, der Liebe, der Brüderlichkeit, der Kameradschaftlichkeit, der Loyalität zu organisieren - und eben nicht durch Sexualität und sexuelles Begehren. Die Doppelbödigkeit des angeblich neutralen und objektiven fotografischen, technischen Blickes wird hier nur zu deutlich.



"Today we would call it post-traumatic stress", fährt der Sohn über Lee Miller fort, "a lot could be done about it today". Er rettet sich in eine psychiatrische Diagnostik auf dem Niveau amerikanisierter Commodity-Psychoratgeber. "Growing up with an alcoholic person can be hard." Die Nanny Patsy gab ihm trotzdem Halt und Sicherheit auf der Farly Farm. Er hat eine stabile, glückliche Familie jetzt und führt dem Publikum seine eigenen Familienfotos vor, die er auch bei Getty-Images herunterladen hätte können. "I discovered my mother through studying her work." Oder through studying all the academics' work, denke ich. Die Ausstellung in Wolfsburg zu zeigen, in einer Stadt, die von Hitler gegründet wurde, wirkte für ihn wie ein Heilungsprozess. Er wurde erzogen, die Deutschen zu hassen. Lieber Mister Sohn, "wir" Deutschen, das sind Leute, die zum großen Teil keine Eltern hatten, sondern völlig verstörte Menschen, zu denen es hunderte verschiedene psychische Dysfunktionalitätsbeschreibungen zuzuordnen gibt.



"Thank you so much for being here, it's one of the most beautiful shows I've ever worked on." beendet er den Vortrag. Kann so der Dialog mit der schönen bunten deutschen Siemens- und Volkswagenwelt geführt werden? Bitte liebe Unkundigen der Kunstwissenschaft und der Rolle des Kuratoren in Eurem Boulevard-Museum, hängt das Bild ab, das ihr Vater von Lee mit 18 Jahren gemacht hat. Bitte setzt nicht die Gewalt in Bildern fort. Für diese Form von Äufklärung gibt es einen uralten Standardbegriff: Doppelmoral. Beendet Euren Dissoziationszustand. Ihr solltet lieber mal heulen. Mal richtig emotional werden. Klappt nicht so leicht, wa.



Ich war mal in Wolfsburg. Es war Stress wie immer in solchen Situationen. Ein quietschkeksiges Logo der Volkswagen Art Foundation sollte fett hinten auf die letzte Seite meines Junge-Kunst-e.V.-Heftes gedruckt werden. Ich sagte irgendwie und unter großen Mühen nein. Danach, es war die erste Zusammenarbeit der Volksis mit JuKu, lief das mit dem Geldfluss nicht mehr so gut. Aber es ging eh auch mehr um verwirrende Kommunalpolitik. Bei der Vernissage tauchte ein Typ auf - und brachte das Thema Psychodiagnostik in den Raum. "Sie sehen, was Sie fühlen" oder so ähnlich war meine Ansage zu den Vexierbildern oder Projektionsfiguren der Tiere, ohne über den beschissenen Gossip bescheid zu wissen, der so kursierte, woher auch. Der Herr Karweik, der lokale David Locke (Professione: Reporter), erzählte mir danach bei einem Bier, was der Herr aus der Vorstandsetage über mich gesagt hatte: "Sofort kaufen, lange hält die das nicht durch." Eine Art Haiku, über dessen Bedeutung ich mich immer noch wundere.

2003 schrieb Susan Sontag in "Regarding the pain of Others: "Wir" - zu diesem "Wir" gehört jeder, der nie etwas von dem erlebt hat, was sie durchgemacht haben - verstehen sie nicht. Wir begreifen nicht. Wir können uns einfach nicht vorstellen, wie furchtbar, wie erschreckend der Krieg ist; und wie normal er wird. Können nicht verstehen und können uns nicht vorstellen. Jeder Soldat, jeder Journalist, jeder Mitarbeiter einer Hilfsorganisation, jeder unabhängige Beobachter, der eine Zeit unter Beschuß verbracht hat und das Glück hatte, dem Tod zu entkommen, der andere in seiner Nähe ereilte, denkt so und läßt sich nicht davon abbringen. Und sie haben recht."
Heute, 2006, möchte man sagen, schickt sie bitte nach Hause. Und schickt ihre Redakteure, die CEOs und Shareholder der Firmen, für die sie arbeiten, nach Hause. Give them a break. Wir können nicht mehr. Wir sind embedded in unserer Farly Farm, in unserer Vorstandsetage von Volkswagen, in unserem Antonioni-Film, in unserer Atemgruppe, in unserem Kunsthysteriker-Diskurs, in unserer Kosmetikabteilung vom Lafayette. Wir können nicht mehr mitfühlen angesichts unserer eigenen Überforderung und der bebilderten Atrocities, die wir jeden Tag mitbekommen müssen. Gebt uns bitte eine psychiatrische Diagnose, die uns unsere Leidenswürdigkeit und unser Recht auf Schwäche zurückgibt, so daß wir uns schön warm einkuscheln können und nie wieder raus brauchen.

Gastbeitrag, 29.11.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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