Adib Fricke | Kritik
Rein in den Körper und wieder raus
»Klaus Biesenbach auf der Suche nach dem Geheimnis der Körperflüssigkeiten« - so könnte die Kurzzusammenfassung der Ausstellung Into Me / Out of Me lauten, die am letzten Samstag in den Kunstwerken e.V. in Berlin eröffnet wurde und bis Februar 2007 läuft. Die Kunstwerke sind die Folgestation, nachdem die Ausstellung mit 130 Künstlern von Juni bis September in New York beim P.S.1/MoMa gezeigt wurde, an dem der frühere KW-Chef seit etwas über einem Jahr als hochgejubelter Kurator tätig ist, dabei aber seine Verbindungen nach Berlin natürlich nicht aufgeben kann. Was vielleicht selbst in der freizügigsten Stadt des puritanisch-verklemmten Amerikas noch echt aufregend sein mag, langweilt in der Masse der potpourriartigen Zusammenstellung bei genauem Blick dann doch ziemlich.
Die Ausstellung »bringt internationale, künstlerische Positionen aus über 40 Jahren zusammen und visualisiert Prozesse, die das Eindringen in den Körper, das Durchdringen und Durchwandern und das Austreten aus dem menschlichen Körper in den unschiedlichsten Umsetzungen beschreiben«, wie die Pressemitteilung bei einer Vielzahl von Bildchen und Skulptürchen zum Thema Rein-in-den-Körper und Raus-aus-dem-Körper zu vermitteln versucht. Dass es Leute gibt, die es toll finden, eine Faust in ihren Hintern geschoben zu bekommen, macht es durch die Sichtbarkeit im Foto auch nicht interessanter, selbst dann nicht, wenn es mit zwei Fäusten sogar noch extremer zu werden scheint. Auch junge Frauen, die sich einander intensiv die Füße küssen und damit die thematische Vorgabe der Aufnahme des Körpers eines anderen in den eigenen erfüllen mögen, sind nicht wirklich spannend. Beispiele gibt es viele, sei es Otto Mühl, Cindy Sherman, Jack Pierson, Matthew Barney ... allesamt interessante Künstler und Künstlerinnen - doch bleibt die Ausstellung als ganzes so flach wie das inszenierte Liebesspiel von Jeff Koons und Cicciolina in Made in Heaven, das grossformatig an einer der zentralen Wände hängt.
Überraschenderweise waren immerhin ein paar der für zeitgenössische Kunstausstellungen obligatorischen Videoarbeiten interesssant: Barbed Hula (2000) von Sigalit Landau (die Künstlerin schwingt einen Hula-Hup-Reifen aus Stacheldraht um ihren nackten Körper), In Love (2001) von Patty Chang (in einer Doppelvideo-Installation tauscht die Künstlerin ein Dumpling von Mund zu Mund wechselnd mit ihrem Vater auf dem einen und mit ihrer Mutter auf dem anderen Bildschirm aus) oder der Fast-Schon-Klassiker Rest Energy (1980) von Abramovic/Ulay (in dem Marina Abramovic einen Bogen spannt dessen Pfeil von ihrem Partner Ulay auf sie selbst gerichtet gehalten wird). Das erreichten sie gerade deshalb, weil sie von der platten Nähe zum Ausstellungsthema und einer damit verbundenen volkstümlichen Provokation weit entfernt sind, weil sie auf ein (bedrohendes) Gestisches fokusieren und nicht einen Pseudo-Schockmoment für vermeintliche Spießer bereithalten.
Zwischen all dem, was sich da um Geburt, Menstruation, Fäkalienspiel, Ein- und Ausdringen und blutiges Fingerritzen drehte, fehlte der Schweiß. Und so sehr man vermutlich das Konzept White Cube »mit drei ursprünglichen und radikalen Beziehungen zwischen dem Inneren und dem Äußeren« konfrontieren wollte, am Ende wirkten die meisten ausgewählten Arbeiten nur aseptisch.
Adib Fricke, 27.11.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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