Kai Hoelzner | Kritik

Ruhig Blut

Hermann Nitsch
Orgien Mysterien Theater. Retrospektive

Ort: Martin-Gropius-Bau
30. November 2006 bis 22. Januar 2007

Jetzt ist er also wieder da. Von irgendwann um ’66 bis irgendwann um ’78 herum hatte er Österreich den Rücken gekehrt und soll eine Wohnung in der Schlüterstraße bewohnt haben. Nun ist er nach 28-jähriger Abwesenheit zurückgekehrt und lässt die Ehrung einer groß angelegten Retrospektive seines Schaffens über sich ergehen.


Das 6-Tage-Spiel, 1998 (Foto: Archiv Cibulka-Frey, Copyright Atelier Nitsch)

Das Credo, die Welt mit ALLEN Sinnen zu erfahren, stand bei Nitsch allen Provokationen zum Trotz von Anfang an auch auf dem Beipackzettel. Und das ist nun ein halbes Jahrhundert später leider ein bisschen langweilig geworden. Nicht nur in der Werbung will heute mit allen Sinnen genossen werden, auch in Ferien und Hochkultur mag der Mensch kaum noch ohne sensorisches Spektakel sein. Pferdeäpfel unterm Campanile beim Paglio in Siena, Schlingensief in Bayreuth, Vorm-Stier-Weglaufen in Pamplona oder die Tomatina genannte Tomatenschlacht im spanischen Buniol. Neuerdings ja auch die Wasser- und Gemüseschlachten auf der Oberbaumbrücke. Wer härter drauf ist besucht die Maifestspiele, wer’s rhythmisch mag die Love-Parade.

Irgendwann muss sich bei Hermann Nitsch - vielleicht in Folge von Anfeindungen, vielleicht auch aus Abwehr der eigenen Hipness - die Balance zwischen Widerstand auf der einen Seite und Sensualität auf der anderen, zur Seite geneigt haben. Und so wurde aus dem Projekt, die blutige Ursuppe christlicher Mythologie freizulegen nach und nach so ein affirmatives, fast kirchennahes Erlebnis-Theater, das für sich beansprucht, die innerste und überreligiöse Substanz der Religionen erfahrbar zu machen. Und so schauen sie dann auch aus, die Leute, die auf den Videos zu sehen sind, die in den späten Jahren bei Nitsch’s so genannten Theateraufführungen mitwirken. Man denkt an akademischen Mittelbau und an Manufactum-Bestellkunden. Und während es über Abgeordnetenhaus und Potsdamer Platz novemberlich nieselt, trifft man sich kurz nach elf bei der morgendlichen Pressekonferenz vor der offiziellen Eröffnung, die dann am Abend folgen wird. Kleiner Seitensaal in der ersten Etage, im Hintergrund wandfüllend das so genannte Madrid-Bild, das, und das wird jetzt wirklich fast als Breaking-News beschrieben, nicht nur rot ist, sondern aus allen möglichen Farben zusammengeschüttet ist. Krasser Wandel in Methode und Wirkung. Keine Reduktion mehr aufs Rot. Alle Farben jetzt. Grün, gelb, sogar blau.


Schüttbild (aus dem Madrid-Zyklus, 2005, Acryl auf Jute, 200 x 300 cm, © VBK Wien

Verhandelt wird zum soundsovielten Mal die Sache Nitsch. Britta Schmitz und Herr Ruge vom Freundeskreis der Nationalgalerie, auf deren Initiative hin die Ausstellung entstanden ist, tragen erstmal ein paar Allgemeinheiten vor. Man erfährt Ungefähres von der Sorte: Früh schon hat er Foto und Video zur Dokumentation eingesetzt. Und die Schüttbilder entstehen aus Aktionen heraus. Sind Partituren. Und die Plakate: Selbstgestaltet. Der Übergang zur Mehrfarbigkeit übrigens vollzog sich schrittweise. Nach mehreren Jahrzehnten Rot kam erstmal ein bisschen Violett (was sonst, Herr Pastor) und dann kam halt mehr und mehr die Farbe ins Spiel. Nitsch selbst lümmelt sich seit zwanzig Minuten zwischen Schmitz und Ruge, lässt den Arm lässig auf der Lehne des Nachbarstuhls ruhen, und hört sich die Lobpreisungen seines Lebenswerkes an. Jaja, die Jungen: Bock, Meese, Schlingensief. Und überhaupt, erst Hans Haacke in Berlin und Hamburg, dann auch noch Into Me / Out of Me in den Kunstwerken. Auf die Frage, wie Nitsch zu seinen "Nachfahren" steht, wird er sich später einlassen, Schlingensief sei mittlerweile sein Freund, könne ihn also quasi gar nicht ausbeuten. Weil er seine, Nitsch’s Anerkennung hat.
Jetzt verlässt er die Lümmelhaltung, beugt sich über das Mikrofon, und fängt an zu sprechen. Die Ausstellung sei seiner Frau gewidmet, der er vieles zu verdanken hat. Er erklärt, dass Aktionsmalerei die erste Stufe der Realisation einer Aktion auf Leinwand ist. Oder so ähnlich. Der Gedanke verwirrt. Noch einmal aus größerer theoretischer Höhe: Aktionsmalerei sei die visuelle Grammatik seines Theaters. Das klingt toll. Dann wird die Bildfläche verlassen, Menschen kommen ins Spiel. Die Bühne löst sich auf. Es gibt keine Bühne mehr. Nur noch Welt. Und darüber, in der Nacht, das Licht von tausend Sternen. Der Kosmos. Die Unendlichkeit.


122. Aktion Burgtheater Wien, 19.11.2005 (Fotograf G. Soulek)

Er will ein anderes Theater, bei dem es um Wirklichkeit, die sinnliche Erfahrung geht. Nicht wie im Fernsehen, wo dauernd auch geliebt und gestorben wird, aber nie echte Erfahrungen gemacht werden. Eines müsse aber noch klargestellt werden: Es sei ein Unfug, zu behaupten, er sei ein Religionsstifter. Hat zwar jetzt auch keiner behauptet, aber trotzdem kommt es ganz gut, jetzt mal den Kopf zu schütteln und Unverständnis ob solcher Unterstellungen zurückzusenden. Er beziehe sich auf Klimt, Scriabin und so weiter. Die Archetypenlehre von C. G. Jung. Es gehe um die Vielfalt der Mythen in der Welt. Christus selbst hätte viel von anderen Religionen übernommen. Tod und Auferstehung aus Ägypten mitgebracht. So sei er zwar in einem katholischen Umfeld aufgewachsen, seine Eltern seien aber eben keine strengen Katholiken gewesen. Und nun dürfen Fragen gestellt werden.

Die Dame in der Sitzreihe vor mir hat eine: Wie es mit den Aggressionen stehe. Immerhin werden da Tiere geschlachtet. Die Frage ist vielleicht nicht so ganz toll, weil Nitsch erstens ein netter Mann ist und zweitens mit Kadavern von durch Krankheit oder an Altersschwäche gestorbenen Tieren arbeitet und keineswegs lustvolle Tötungen und Ausweidungen betreibt. Trotzdem bleibt seine Antwort allgemein, will kein Missverständnis aufklären, sondern umfassendes Verständnis ermöglichen: Er möchte alles zeigen, was das Leben ist. Geburt, Tod, Freude, Leid, Auferstehung. Er möchte eine Momentaufnahme dessen erstellen, was in jeder Minute andauernd überall passiert auf der Welt. Urlaub, Skifahren, Liebe. Und Schmerz sei eben eine Bedingung für das Leben, die Freude, die Kunst. Dann sagt er etwas seltsames: Er sei nicht Initiator der Schlachtungen, er mache sie nur anschaubar, erlebbar.
Ein Herr vom Rheinischen Merkur präzisiert: Es stelle sich die Frage der Gewalt qua Autorität. Die Rolle der Autorität in der Mitte. Nitsch fängt an zu granteln, merkt, dass er nicht verstanden wird. Er hätte in den letzten 10 Tagen viele Interviews gegeben, und das sei nun keine originelle Frage. Irgendjemand steht auf, geht. Nitsch unterbricht, schaut dem Gehenden nach, beugt sich tiefer übers Mikrofon: Auch bei Freunden schau ich, wenn sie hinausgehen. Unruhe im Saal. Nitsch merkt nicht, dass er die Frage nach Aggression und Gewalt qua Autorität in diesem Moment irgendwie schon beantwortet hat. Oder ist es ihm doch bewusst, dass sich untergründig eine Solange-Du-die-Füße-unter-meinen-Tisch-stellst-Atmosphäre ausbreitet? Er beginnt, über Fußball zu sprechen. Ein Trainer möchte auf seine Spieler auch keine Macht ausüben, sondern eine Mannschaft formen. Man lerne sich bei den vierwöchigen Proben zum Orgien-Mysterien-Theater kennen, komme sich näher. Dann gleitet ab er in Ausführungen über Büros, Essen kaufen, Kochen und was noch so alles nötig ist, wenn man vier Wochen intensiv zusammen arbeitet.


122. Aktion des Orgien Mysterien Theater am 19. November 2005 im Wiener Burgtheater. (© Hermann Nitsch Foto: Georg Soulek)

Am Abend dann bei der Eröffnung gibt es Blut- und Leberwurstschnitten und einen versöhnlich stimmenden Weißen vom eigenen Hang in Prinzendorf. Saal für Saal spaziert man an immer ähnlichen Schüttbildern vorbei. Tatsächlich, nach der Jahrtausendwende wurde es mehrfarbig. Kruzifixe und Monstranzen, Altäre und Teile von Kirchengewändern in jedem Raum. Immer wieder als Garant für Reinheit die Tempotaschentücher, mit denen der Kelch unmittelbar nach dem Abendmahl ausgewischt werden muss, auf dass kein Tropfen vom Blut des Herrn vergeudet werde. Sie reihen sich im Stapeln zu Straßen der Taschentuchreinheit, die immer wieder ins Zentrum der streng symmetrisch installierten Environments führen. Ein paar junge Menschen machen irgendwas Performatives. Ein Streichquartett spielt in Abendgarderobe nach Partituren von Nitsch. Glass-artig, nur ohne Rhythmus und auch nicht so viele verschiedene Töne. Jede Stimme meditiert minutenlang auf derselben Tonhöhe herum, will in den Klang des Instrumentes selbst hinein lauschen, nicht vorspielen oder unterhalten. Und natürlich ist das für den Zuhörer noch nicht einmal störend. Die Kombination aus Blutwurst und Fräcken erinnert irgendwie an die Museumsinsel Hombroich vielleicht, an Anatol, der zehn Jahre auf diesem sumpfigen Gelände zugebracht hat und dort so Sachen wie "Die Demokratie" (Holztisch, drei Stühle) oder Klettergelegenheiten für Kinder geschnitzt hat, bevor er 1991 das Bundesverdienstkreuz am Bande und später die Ehrenbürgerschaft des Staates South Dakota verliehen bekam. Auch er, Nitsch, ist Knastaufenthalten und Verleumdungen zum Trotz inzwischen staatlicher Ehrung teilhaftig geworden.

Einer, dessen Aktionen in den 90ern aufgrund von Morddrohungen unter Polizeischutz durchgeführt wurden, einer, der in den 60ern wegen Gotteslästerung und Tierschändung mehrere Gefängnisstrafen kassiert hat, der zuletzt noch von Vollidiot Houellebecq mit Mühl verwechselt und der Kinderschändung bezichtigt wurde, so einer muss nun irgendwie damit klarkommen, dass interessierte Pastoren in seiner Ausstellung herumlaufen und wahrscheinlich irgendwie davon profitieren und ihm im vergangenen Jahr auch noch der österreichische Staatspreis verliehen wurde und dass seine 122. Aktion im Rahmen des Orgien-Mysterien-Theaters endlich auch im Wiener Burgtheater aufgeführt wurde.

Was bleibt ist der Trotz, als einziger der alten Mitstreiter Brus, Mühl und Schwarzkogler kontinuierlich weiter aktionistisch zu arbeiten. Ist der Versuch, sein ästhetisches Lebenswerk, das von Kirche, Eventkultur, Fernsehen und nicht zuletzt von den nachfolgenden Künstlergenerationen zumindest in punkto Wirkungsstärke eingeholt wurde, hinüberzuretten in eine allein stehende Gültigkeit jenseits von Provokation und Widerstand. "Was will ich wirklich mit meiner Arbeit? Ich will, dass das Drama zum Fest erweitert wird. Ich will das schönste Fest der Menschheit entwerfen, das keinen anderen Vorwand als das Leben selbst hat, ich will, dass wir wissen, dass wir sind, und dass der Umstand, dass wir sind, verherrlicht wird, zum heiter herzlichen Fest, denn dieses unser Sein haben wir, sonst vorerst nichts." (’73, Eröffnungsrede Prinzendorf).

Es ist nicht seine Schuld, dass sich die Welt von ihm, der immer die ganze Welt erfahrbar machen wollte in seiner Kunst, so weit entfernt hat. Alles was er sagt und tut macht Sinn, macht Spaß und findet dankbare Abnehmer. Seine Kunst ist archaisch und will es auch sein. Es ist eine Kunst der Wiederholung, der schrittweisen Variationen eines Ur-Liedes. So wurde die Nibelungensage über Jahrhunderte tradiert, um irgendwann in Bayreuth herauszukommen. So führen kirchliche Liturgien den Gläubigen sicher durch den Wandel der Jahrhunderte. Doch gerade weil Kirche und Staat längst neue Widersacher gefunden haben erscheint Nitsch’s Beharren darauf, seine Dekonstruktionen religiöser Riten und Symbole wären stets konstruktiv zu verstehen gewesen, strategisch richtig. Am Schluss, beim Verlassen des Martin-Gropius-Baus, steht die wehmütige Einsicht, dass das Krasse und Verstörende auch heute Abend mehr Interesse geweckt hat als das Schöne und Gute.

Kai Hoelzner, 30.11.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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