Martin Conrath | Kritik
Und schon bin ich weg
Ich besitze zwei Armbanduhren. Eine sympatische aus den Sechzigern, die souverän das akademische Viertel in nur zwei Tagen meistert, und eine digital-emanzipierte, die nur noch abhängig von ein paar Sonnenstrahlen und nächtlich langwelligen Geheimcodes ist. Die Zeit neben mir also. So kann ich vorab schon entscheiden, ob ich mein Zuspätkommen analoger Ignoranz oder renitentem Antidigitalismus zuschreiben will und bin gewappnet. (Es ist mir allerdings noch nie gelungen, eine Ausstellung zu spät angeschaut zu haben, obwohl ich mir genau das bei vielen mittlerweile wünschen würde.)
Freitag war mal ganz anders. Ausgestattet mit meiner sympatischen Zeitmaschine, habe ich im Kunstamt Kreuzberg zuerst MAGMA, Goldrauschprojekt 2006 und anschließend, weil schon im Bethanien, auch die zweigeteilte This Land is my Land-Ausstellung wegeguckt, fortzusetzen in der NGBK. Beide Ausstellungen waren erfrischend unbevölkert, man hörte seine eigenen Schritte und hätte Zeit gehabt auch hinzuschauen. Allein, ich war offensichtlich zu früh, denn überall hingen, standen, klemmten oder flimmerten gerade angefangene Vorschläge zur Kunst und lechzten nach Dünger.
An einer mangelnden Förderung konnte das nicht liegen, denn beide Projekte waren finanziell hübsch ausgestattet worden. So, wie auf Marcuses Grabstein aus gutem Grund bereits »weitermachen« steht, hätte man sich gewünscht, den schnellen Nadeln etwas mehr Wolle gegönnt zu haben. Zwar ist es legitim, noch ungenügender gedanklicher Differenzierung durch handwerkliche Unschärfe zur Sturzgeburt zu verhelfen, aber danach muss das Balg halt an den Tropf.
Wer hatte also »Aufhören« gesagt? »Das Goldrausch Künstlerinnenprojekt unterstützt die Durchsetzung herausragender künstlerischer Positionen von Frauen.« Sehr gut, aber: »Als integraler Bestandteil des Kursprogramms bildet die Ausstellung ... den Abschluss intensiver Ausstellungsaktivitäten.« Offensichtlich und ganz offiziell durften die wohl gar nicht mehr weitermachen! Schluss ist und jetzt wird final ausgestellt! Das ist schade, war aber bei Klassenarbeiten auch schon so.
Im andern Fall wird verlautbart: »This Land is my Land will das Funktionieren von Ein- und Ausschlussmechanismen und die Strukturen der Definitionsmächte aufzeigen, eingefahrene Denkmuster nationaler Selbstgenügsamkeit aufbrechen und für differenzierte Sichtweisen sensibilisieren.« Das ist löblich, ist aber im Kunst-ist-Kunst-als-Kunst-Kontext genau das Furzkissen, auf das man sich gerade selbst gesetzt hat. Denn: »Die nationale kulturelle Identität befindet sich in einem unvollendeten Prozess.« Jawohl, und zwar schon immer! Und weil also von einer Identität die Rede gar nicht sein kann, darf dann multipel geschummelt werden, ja?
Unfreiwillig und unsanft in den Mühlen der Modallogik gelandet, verspricht nach und/oder, wenn/dann ein »wie weiter?« allein an ungeduldiger Kopflosigkeit zu scheitern: Ausstellungskonzepte on-the-fly. Liebe Freunde der heißen Nadel: Wenn bald in den Mühlen unendlicher Diversifikationen aus Ähnlichem verdammt Ähnliches geworden sein wird, werdet ihr merken, dass auch Mist quirlen gelernt sein will.
(Zitate: Presse- und Ausstellungstexte)
Martin Conrath, 27.11.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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