Christoph Bannat | Interview

Von Unfällen, wie man sie gern hat.

Interview mit Peter Stauss vom 15.11.06

von Christoph Bannat

Peter Stauss
Lügner
Galerie Crone, Berlin
17. November 2006 bis 15. Januar 2007

In großflächigen Fleckstrukturen erscheinen Personen, Tiere, Wappen und Embleme von Vertriebenenverbänden, sowie Farb-Fahnen von offiziell nicht anerkannten Staat, wie Kurdistan, Palästina, oder dem Baskenland.

Christoph Bannat: Auf der Einladungskarte ist der Körper von Oscar Wilde mit einem Affengesicht zu sehen- was bedeutet diese Kombination?

P.S.: Mit Oscar Wilde und dem Motiv des Affen wollte ich zwei Bereiche umreissen, oder, anders gesagt, zwei Motive miteinander konfrontieren. Motive die am denkbarsten weit von einander entfernt sind. Einmal der ästhetische Lebensbegriff, die Loslösung vom Notwendigen, mit der Tendenz zum Ästhetischen und auf der anderen Seite das Tier, das nur seinen Notwendigkeiten folgt, ohne davon ein Bewusstsein zu haben. Also das totale Bewusstsein, im Ästhetischen und, wie Heidegger sagt, das benommene des Tieres, im Sinne von: dem Tier ist etwas genommen, sozusagen.

C.B.: Natur und Kultur als Gegensatz oder Paradoxon gedacht?

P.S.: Ja, könnte man sagen.

C.B.: Wo findet sich das in den Bildern wieder?

P.S.: Das Hauptparadigma der Bilder ist am Ende die Mensch-Tier Differenz. Das naturhafte des Tieres, auch was die Formentstehung im Sinne der Evolution, im Sinne von Darwins Lehre betrifft und auf der anderen Seite die gestalterische Logik des Menschen, die eine Spiegelung des Menschen zur Evolution bedeutet. Das heißt, die Formentstehung ohne Zweckorientierung wird gespiegelt vom Menschen, indem ein Zweck gesetzt wird, der dann die Handlung des Menschen vorgibt.

C.B.: Beziehen Sie diese Zwecklosigkeit auf die Kunst, Methode oder Forschung als Handlung?

P.S.: Nein, generell. Die Handlungsweise des Menschen beruht darauf sich einen Zweck zu setzen und dieser dann mit Methoden und Handlungen zu folgen.

C.B.: Der Mensch setzt sich eigene Ziele, Vorgaben und Grenzen, in denen er diese dann erfüllt. Sehen Sie da Parallelen zur Herstellung Ihrer Bilder?

P.S.: In meinen Bildern wollte ich im Grunde fast diese Spieglung verwirklichen, sozusagen beide Seiten in einem Milieu vereinigen. Der zweckfreie willkürliche Akt und die präzise politische, oder die politische Präzision - das bewusste zielgesetzte Handeln beim Malen einer Figur, oder einer Flagge.

C.B.: Was ist der Fleck als Kontrapunkt zur bewussten Setzung zu verstehen?

P.S.: Diesen Natur-Kultur Dualismus möchte ich eigentlich aufheben, zusammenführen, oder aufeinander beziehen und nicht gegeneinander halten. Insofern interessiert mich eher wie der willkürlich gesetzte Fleck, durch die konkrete Setzung einer Flagge, oder Figur, am Ende in das Bedeutungssystem einschreibbar wird. Also was geschieht das ein Fleck Gegenstand des Bildes werden kann oder sich im Bild legitimieren kann.

C.B.: Interessiert Sie die Geschichte der Flecken in der Kunst?

P.S.: Mich Interessiert die Möglichkeit der Entstehung von Flecken. Man kann sie bewusst setzen, dann läuft man schnell in die Falle des Ästhetizismus. Und es gibt bei der Entstehung von Flecken, eben auch diesen Zeitfaktor, sodass sie zufällig, willkürliche Spuren des Ateliers oder des Lebens sind.

C.B.: Wie sieht es mit Ihren Themen aus, worauf beziehen diese sich?

P.S.: Mich interessiert, schon sehr lange, der Moment des Kolonialismus. Also was kann der Funke sein, wie bricht z.B. ein Emblem in das System willkürlicher Flecken ein und was tut es dort. Mich interessiert, das ungeformt Willkürliche und das prägnant Politische und wie sich dies zueinander verhält.

C.B.: Das prägnant Politische, sind die Hippies, die Flüchtlinge und Emblemträger, verstehe ich das Richtig? Die prekär im Bild herumeiern.

P.S.: Formal gesehen ist das Prägnante die gemalte Figur, die willentlich gestaltete, in Zeichnungen vorbereitete Figur, die auf einem Zweck hin entstanden und gerichtet ist. Da ist eine Figur, die soll ein Gewehr auf der Schulter haben, ein Affe sein, eine Mütze mit einer bestimmten politischen Zuweisung haben. Das bricht als willentliche Formulierung ein, das bricht in das System der Zufälle, der Flecken ein.

C.B.: Gibt diesbezüglich eher literarische Einflüsse, oder kommen diese aus der Bildenden Kunst?

P.S.: Die Hauptbezugspunkte sind eher in philosophischen Bezügen zu finden, in der Diskussion aktueller philosophischer oder politischer Themen, wie sie Giorgio Agamben beschreibt. Mit der Frage wo beginnt das Leben, nicht in Bezug auf pränatales Leben, wo dies im Mutterleib beginnt. Sondern Fragen wie, was ist das biologische Leben, wo beginnt das Leben bei Flüchtlingen die mit dem Boot fliehen. Was ist deren Status. Das sind erst einmal Menschen, ohne erkennbaren Namen, ohne Papiere und Status, die erst einmal in unser System eingeschrieben werden müssen.

C.B.: Aber das System erkennt sich auch in ihnen. Es erkennt sich in denen die von ihm abhängig sind, insofern sehe ich diese als einen wesentlichen Bestandteil. Die Frage ist doch, wie geht eine Gesellschaft mit dem Geschenk, welches diese Schutzbedürftigen darstellen, um? Es gibt die Zuweisung bereits dadurch, dass sie da sind und sich verhalten.

C.B.: Sie haben in einem Vorgespräch Dieter Roth erwähnt. Interessiert Sie bei diesem sein Werk, oder sein Lebensentwurf?.

P.S.: Mich interessiert eigentlich das was zwischen Lebensentwurf und Ästhetik liegt. Die Einführung eines Kompromisslosen Zeitmoments, das man die Zeit des Lebens und des Verfalls übernimmt in die Kunst, als Methode. Sodass am Ende unter den Bildern steht: Acryl, Öl, Marmelade und Insekten auf Holz.

C.B.: Geht es um die Ästhetisierung von Leben als Werk, oder das man das Leben als eine Art von Erfindung zu betrachten kann?

P.S.: Erst in zweiter Linie, ich finde das natürlich das Leben im Vordergrund steht und nicht das Leben als Zeitvorgabe um etwas, ein Ergebnis, zu realisieren. Das Ergebnis besteht eher aus Relikten, oder Spuren des Gelebten und ist gar nicht so dominant als Ergebnis. Das Leben schrammt so an der Kunst vorbei.

C.B.: Kunst als Zufallsprodukt und letztendlich als eine Frage der Autorenschaft von Spuren?

P.S.: Ja, vielleicht, im Sinne von: Das was übrigbleibt. Da kommt man als Maler natürlich schnell in ein riesen Dilemma, was den Kunstmarkt betrifft. Da geht es natürlich immer darum Ergebnisse abzuliefern. Abgetrennte Ergebnisse die auch einzeln verkauft werden. Da gibt es gar nicht die Möglichkeit ein größeres System über einen größeren Zeitraum zu errichten.

C.B.: Ist es nicht auch entspannend zu wissen wo das Bild zu Ende ist?

P.S.: Am liebsten hätte ich natürlich das Bild ohne Ende.

C.B.: Aber Sie fühlen Sich als Maler berufen?

P.S.: Ich hatte immer ein Problem ein Bild willentlich, von Anfang bis Ende durchzuführen.

C.B.: Könnten Ihre Bilder auch anders Aussehen, sind sie also nur ein Zustand, zwischen Anfang und Ende?

P.S.: Die Bilder höre ich meistens aus Überdruss auf. Ich male immer eher zuviel als zu wenig. Ich habe also bei keinem Bild die Meinung, dass ich weiterarbeiten könnte. Ich habe nicht das Gefühl, ich müsste es noch mal riskieren.

C.B.: Wie verhalten sich die Bilder zu einander? Sind es Varianten eines einzigen Themas?.

P.S.: Es ist so, dass mich schon bestimmte Konstellationen interessieren, wie eine große laufende Figur, begleitet von einem Tier mit Waffen. Das zu realisieren kann ein Beweggrund sein. Es gibt aber, wie bei der bewussten Setzung von Flecken, auch bei Figuren, wie bei dem Ausprobieren von Variationen, das Problem des Ästhetisierens. Man kann sich natürlich auch aus vorhandenen Figuren neue Zusammenbauen. Denen mangelt es dann aber meist an Zwangsläufigkeit und sie haben dann nicht die Dichte und nicht die Brüche die ich brauche. Insofern ist es mehr als nur das Spiel mit Varianten.

C.B.: Es gibt aber schon Figurengruppen die Sie über einen längeren Zeitraum interessieren?

P.S.: Ja, der ewige Jude, der Serienheld und der Flüchtling.

C.B.: Figuren die nicht festgeschrieben sind.

P.S.: Ja, genau.

C.B.: Ist es ein denkerischer Akt die Figuren zu kombinieren?

P.S.: Es geht mir schon darum die richtige Form zu finden für eine Konstellation, oder ein Motiv.

C.B.: Wann ist ein Bild für Sie gelungen?

P.S. Es gibt eher Bildmomente die gelungen sind. Das sind meisten Konstellationen formaler Natur, sozusagen Unfälle wie man sie gerne hätte.


Peter Stauss

1966 geb. in Sigmaringen, lebt und arbeitet in Berlin

1986-88 Steinmetzlehre

1988-89 Architekturstudium

1989-95 Studium an der HdK Berlin
Meisterschülerabschluss bei Bernd Koberling.



Christoph Bannat ist Künstler und Autor in Berlin.

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