Gastbeitrag | Kritik

Der Köln-Effekt

oder die fröhliche Wallfahrt nach Berlin

von Andreas Koch
Dieser Text erscheint auch in der ersten Ausgabe
des neuen Berliner Review-Hefts „von hundert“.

Das Wesen eines Zoos besteht darin, dass eingesperrte Tiere Menschen zur Schau gestellt werden. Sie haben dabei meist wenig zu tun und sind ihrer ursprünglichen natürlichen Herkunft oft über mehrere Generationen entfremdet.
„Zoo Köln“ steht auf einem Poster von Michaela Eichwald, das zur Zeit mit der Ausstellung „Make your own life – artists in and out of cologne“ durch mehrere nordamerikanische Städte tourt und dort angesichts der deutschhaltigen, archivlastigen, trockenen Präsentation für einiges Kopfschütteln sorgt. Dabei hält die Ausstellung, zumindest für den deutschsprachigen, kölnunkundigen Besucher einiges an Erkenntnissen bereit – vor allem in Bezug der Auswirkungen des Kölns der frühen Neunziger auf das heutige Berlin.

In dem 1991 gedrehten Volkstheaterfilm „Die Fröhliche Wallfahrt“ von Cosima von Bonin, der auf einem Monitor ohne Untertitel gezeigt wird, erkennt man einige Hauptprotagonisten der Berliner Kunstszene der Jetztzeit wieder. In einer merkwürdigen Dialektmelange spielen unter anderen Christian Nagel einen Dorfpfarrer, Bruno Brunnet einen dauergeilen Dorfjüngling oder Josef Strau dessen Mutter.

Der künstlerische Wert des Films ist völlig irrelevant, der Künstlerin ging es darum mit ihrer sozialen Clique eine buchstäbliche „Gaudi“ zu veranstalten und dabei vor allem Spaß zu haben. Strau wird im Begleitheft zur Ausstellung folgendermaßen zitiert „Ich würde die damalige Haltung als mangelndes Interesse an Produktionsprozessen beschreiben, dafür wurde die Betonung mehr auf die eigene Positionierung als Künstler im sozialen Netz gelegt“. Was dann auch auf den Ausstellungstitel hinweist, der auf ein Kippenberger-Zitat zurückgreift, dieses jedoch halbiert: „Mach dein eigenes Leben –“ ... „– zur Grundlage deiner künstlerischen Produktion – dann besteht keine Beziehung mehr zum Kunstmarkt“ wird weggelassen. So erscheint das Köln von damals tatsächlich als Zoo in dem alle nur sich selbst, aber keine Kunst zeigten und produzierten. Das ist natürlich falsch, wie allein das Beispiel Kippenberger zeigt, der eben seine Dauerbesäufnisse dazu nutzte, tonnenweise lukrative Kunst zu produzieren und dessen Marktwert posthum immer weiter steigt. Das Bild des Künstlers wurde genauso verkauft wie seine Bilder und das „eigene Leben“ schnell zum wertsteigernden Label.
Was hat das alles mit Berlin zu tun? Die These ist, dass das damalige Kölner Erfolgsmodell höchst erfolgreich von ehemaligen Kölner Protagonisten nach Berlin exportiert wurde. Neu daran ist das Ausmaß mit dem die Kölner den Berliner Markt beherrschen. Nach dem Motto: Wenn wir schon verlieren, fahren wir eben hin und machen aus Berlin ein zweites Köln.
Das Klischeebild des wilden exzessiven oder tiefst neurotischen Kunstproduzenten á la Kippenberger oder Genzken bis hin zu Verweishermetikern ähnlich Cosima von Bonin oder Kai Althoff, wird seit einiger Zeit immer besser verkauft. Hetzler, Nagel oder Brunnet bestücken ihr Programm zu großen Teilen mit solchen Positionen. Baudach, ebenfalls aus Köln, hat eine komplette Postkippi-Riege im Feld, die sogenannten Baudach-Jungs. Selbst Neugerriemschneider (halb aus Köln) machten nie einen Hehl aus ihrer Kippenberger-Liebe und führen mit dem Isa Genzken Revival den neu/alten Trend fort, auch wenn ihr sehr stabiles Programm eher für konzeptionellere Neunziger-Jahre Positionen steht. Josef Strau betreibt mit seinem Kunstpavillon an der Volksbühne mehr Kunstmarktpolitik als man zunächst annimmt, denn auch hier spannen sich die Fäden hinüber zur Galerie Nagel und die ausgestellten Positionen sind um so verkaufbarer, je weniger sie zu sagen haben.
Spätestens seit 1999 ist auch die Kölner Kritik umgezogen und mit ihr das merkwürdige Spagat linker Marktbejahung bzw. teilhabender Marktverneinung. Isabelle Graw, die das Kölner Phänomen samt der „Make your own life“-Ausstellung in der vorletzten tzk-Ausgabe sehr genau und ausführlich beschreibt, führt immer wieder zurecht ihre eigene Verstrickung an, existiert ihr Heft doch zum großen Teil aus dem Verkauf von Editionen und Anzeigen. So ist ihre Zeitschrift im Archiv der Ausstellung prominent ausgestellt, da in ihr seit Jahren die meisten Ausstellungsteilnehmer besprochen werden. In dem Graw sich selbst kritisiert, fördert sie sich dennoch genauso wie den aktuellen Köln-Boom. Das Erfolgsgeheimnis besteht wohl in der rheinisch-katholischen Abfolge aus Sündigen, Beichten und dann wieder Spaß haben. Womit wir wieder bei Kippenberger wären, der ja auch nach Berlin abwanderte.
Zu hoffen bleibt, dass der Kölner Zoo nach seinem Umzug ins Berliner Gehege nicht zur alleinigen Attraktion wird, hier nicht zu viele Nachahmer findet und schließlich dass dessen Kölner Herkunft nicht vergessen und vorschnell mit Berlin verwechselt wird.

„Make your own life“
wieder zu sehen vom
20.1.–22.4.2007
Henry Art Gallery (Henry Art Gallery, University of Washington)
Seattle, WA, USA


Dieser Text erscheint auch in der ersten Ausgabe
des neuen Berliner Review-Heftes „von hundert“
(alle drei Monate, Texte über Kunst in Berlin,
20 Seiten, 5 Euro, auflage 100,
erscheint im redaktion und alltag verlag)

Release am 17.12. im nbk, Chausseestraße 128/129, Berlin
ab 20 uhr

es spielen
ACO
Christmas Concert

Gastbeitrag, 14.12.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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