Markus Wirthmann | Kritik
Mein Name ist Bond ... Kunst-Bond
Anonym
In the Future No One Will Be Famous
Schirn Kunsthalle Frankfurt
31. Oktober 2006 – 14. Januar 2007

Eine merkwürdige Ausstellung hat man sich da in Frankfurt zusammengerührt und nicht geschüttelt. Schon an der Kasse gibt man sich konspirativ: "Sie wisse wie's in die Ausstellung geht?" Ich weiß; der Zugang zur Ausstellung führt über die Außentreppe und den Glasbausteinbaldachin in das Kabinett hinter der Rotunde. Hübsch verzwickt, aber ich hab' beim Reinkommen schon die Tafel mit dem entsprechenden Hinweis gesehen.

Ein Museumsangestellter empfängt mich oben am Eingang, kontrolliert mein Billett und drückt mir, ganauso konspirativ wie seine Kollegin an der Kasse, ein dünnes schwarz-weißes Heftchen in die Hand. Wider Erwarten wird der Ausstellungsbesucher doch mit schriftlicher Information ausgestattet. Mir schwant nichts Gutes: eine Bedienungsanleitung? Kuratorenprosa? Dechiffriertabellen?
Der Witz an dieser Ausstellung ist nämlich das absolute Fehlen von Information - mal abgesehen von derjenigen, die das Kunstwerk selbst abzusondern bereit ist und der, etwas umständlich formulierten, Begründung für diesen Sachverhalt. Die Werke sollen im musealen Biotop ohne Wert stiftende Referenzen, sozusagen frei schwebend, existieren:
"Eine Ausstellung, bei der keine Autoren genannt werden, stellt sich der gesellschaftlichen wie der ästhetischen Aufgabe, den Zugang zur Kunst und die individuelle Erfahrung durch Weglassen der quasi primären Kunstorgane neu zu beleben und das Werk in erster Linie nach werkimmanenten Kriterien zu beurteilen, statt es innerhalb eines bekannten künstlerischen Œuvres oder mit der Information von Künstlernamen und -vita einzuordnen."
Aha - und ab ins Dunkel: vorbei an einer dem russischen Konstruktivismus verpflichteten Druckgrafik. Linker Hand ein stark geraffter Taftvorhang, dahinter Verkehrslärm und Stimmen. Erste und zweite Arbeit gemeistert. Ein gutes Dutzend weiterer Arbeiten sind in einer düster violetten Geisterbahnarchitektur versammelt. Gänge winden sich an Exponaten vorbei oder zweigen in Sackgassen ab. Nachdem ich dasselbe esoterisch ausgeleuchtete Objekt zum dritten Mal umrundet habe, schaffe ich´s aus dem klaustrophobischen Dunkel auf die Kreisbahn der Rotunde. Die letzten drei Werke lassen sich ganz schnörkellos im Tageslicht betrachten.

Eigentlich ein dolles Experiment, das überaus viele und hochinteressante Fragen aufwirft – wäre da nicht deutlich kuratorischer Übereifer am Werk, der hinter jedem Detail dieser Ausstellung hervorlugt und am Denken hindert. Mit einem gewissen kunsthandwerklichen Eifer wurde versucht der Referenzlosigkeit Referenz zu erweisen. Schon der Katalog ist mit viel Liebe zum Detail missglückt: Der Titel, Anonym – muss sofort durch teilweises Überkleben anonymisiert werden. Vorder- und Rückseite werden durch umgekehrt spiegelbildlichen Druck zu Rück- und Vorderseite anonymisiert und außerdem gibt es auch noch eine Placebo-Ausgabe mit ohne Text und dafür ganz viel Anonym!
Auch die Ausstellungsarchitektur ist deutlich overstyled: Eine gruftig dustere Inszenierung verwandelt die ganze Angelegenheit in einen Themenpark irgendwo zwischen Darkroom, Besenkammer und Boudoir - und die meisten Kunstwerke zu redundanten Kuriositäten im Ausstellungslabyrinth. In dieser Düsternis scheinen auch die Künstler über ihr Ziel hinausgeschossen zu sein. Einige der Ungenannten haben offenbar die Anonymisierung des Werkes derart weit getrieben, dass Arbeiten geschaffen oder ausgewählt wurden, für die mehrere Dutzend Künstler der jüngeren Kunstgeschichte Pate gestanden haben könnten.
Tröstlich, dass eine Art Ausstellungsmanifest jedem dieser ungenannten Paten (und allen anderen) das Recht einräumt, die Teilnahme an der Ausstellung für sich zu reklamieren.
Beim Verlassen der Ausstellung kommt mir wieder das dünne Heftchen vom Anfang in den Sinn. Es stellt sich tatsächlich als Bedienungsanleitung heraus. Allerdings keine zum Verständnis der Ausstellung oder ihres Konzepts. Es ist die Gebrauchsanleitung für ein Kunstwerk, eine Art Spaziergangsperformance, die sich direkt an die Ausstellung anschließt. Detailliert aber schnörkelfrei führt der Text anhand von Nebensächlichkeiten wie pittoresken Rostschlieren, merkwürdigen Bodenöffnungen und ausgebleichten Sonnenschirmen auf winterlichen Balkons in weitem Oval um Dom, Schirn und Römer. Der Spaziergang lässt Zeit genug, das gerade Gesehene als Gedankenexperiment und hinreichend konsequent weiterzuführen.

Der Rundgang endet wieder in der Nähe der Ausstellung in einem kleinen Souvenierladen. Dort erhält man nach Preisgabe des im Text erwähnten Passworts ein "kleines Geschenk". Mein Name ist Bond ... Kunst-Bond - und das Geschenk gibt meinem Gedankenexperiment noch mal Schub und dem Spaziergang eine ziemlich überraschende Wende. Dafür haben sich die drei Euro für´s Billett dann doch noch gelohnt - der Rest hätte meinethalben Gedankenexperiment bleiben dürfen ...
Markus Wirthmann, 03.12.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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