Peter Lang | Bücher
New German Painting remix
Ein strategischer Einblick und ein erklärender Blick von außen.
"Bereits seit der Wende war nicht zu übersehen, daß die „Berliner Republik“ überreif war für den Pinsel.“ Und der kam dann besonders schön und clever geschwungen aus Leipzig.
Es wurde Zeit. Nach verschiedensten Ausstellungen zur neuen Malerei in Deutschland und einem boomhaften Interesse an deutscher Malerei, sowohl auf den internationalen Märkten als auch in den Museen, stellen sich immer mehr Beteiligte des Betriebssystems die Frage warum?
(New German Painting, Hrsg. Christoph Tannert, Prestel München 2006)
Christoph Tannert, Ausstellungsmacher, Kritiker und Geschäftsführer des Künstlerhaus Bethanien in Berlin, versucht in seinem sehr informativen Buch nicht nur auf das Entstehen dieser plötzliche Blase der Aufmerksamkeit eine Antwort zu geben, sondern ordnet das ganze analytisch in eine allgemeine Entwicklung seit den späten neunziger Jahren ein. Dazu kommt der kenntnisreiche Blick von außen durch den amerikanischen Kunstwissenschaftler Graham Bader, der in seiner Review der amerikanischen Rezeption der neuen deutschen Malerei viel schärfer ist, als es der Blick von innen sein könnte. Als dritten optisch opulenten Teil gibt es zu jedem Künstler, zu jeder Künstlerin zahlreiche großformatige Abbildungen und Raumansichten, eine Kurzbiographie mit Ausstellungsverzeichnis und einen theoretischen Kurztext verschiedener Autoren (Jens Asthoff, Peter Herbstreuth, Gerrit Vermeiren). u.a.: Franz Ackermann, Daniela Brahm, Sven Druhl, Tim Eitel, Katharina Grosse, Eberhard Havekost, Michel Majerus, Jonathan Meese, Frank Nitsche, Neo Rauch, Anselm Reyle, Daniel Richter, Matthias Weischer.
Die grundlegenden Texte von Tannert und Bader sind das wichtigste an diesem Buch. Sie vermitteln einen analytischen Überblick der Entwicklung der letzten sechs Jahre und binden diese in einen historischen Kontext ein. Die Auswahl der Künstler ist, wie Tannert gleich einleitend betont, subjektiv und lückenhaft. Das muß und wird es bei einem aktuellen Werk immer sein. Daraus ergeben sich gerade seine Authentiziät und sein Schwung.
Und natürlich bestimmen Vorlieben und Netzwerke nicht nur positiv die Auswahl. Da kommt es auch zu Verweigerungen, Blockaden oder einfach nur unangemessenen Dünkel. Die Selbstgefälligkeit von Künstlern und deren Galerien gefährdet mittlerweile ernsthaft eine immer wieder angemahnte substantielle Kunstkritik. Das schränkt die Arbeit der Autoren für aktuelle Publikationen erheblich ein. So kommt es auch zu Fehlstellen. Das ein wichtiger Maler wie Thomas Scheibitz nur im Text vorkommt ist bedauerlich. Anderes ist wenig erklärlich, so die Einbeziehung von für das Thema weniger wichtigen Malern. Weiteres an Malerei hat bei Erscheinen des Buches wohl seine Halbwertszeit bereits überschritten. Insgesamt hätte man sich anstelle von manchen recht schwächlichen figürlichen Positionen lieber die Einbeziehung stringenterer abstrakter gewünscht. Bemerkenswerterweise erwähnt Tannert voraussehend die Tunerpreisträgerin 2006, Tomma Abts, bereits in seinen Text.
Das Buch ist ein Kompendium neuer deutsche Malerei und gleichzeitig ein persönliches Kaleidoskop. Tannert mit seinem enzyklopädischen Gedächtnis, dieser grandiose Faktologe, der Ihnen auch noch den dritten Gittaristen einer Band von 1976 aus dem Stegreif nennt, hat alles miteinander verwoben und in Beziehung gesetzt. Die ausgewählten Künstler des Buches, zu finden auf der Rückseite, sind beileibe nicht alle. Es finden sich viel mehr Künstler im Basistext beschrieben. Dazu kommen die Verbindungen zu Galerien, von Baudach über Wentrup bis Neu und neugerriemschneider, hierzu ist das Mitlesen der Courtesy der Abbildungen schon sehr erhellend, und zu Lehrern und Schulen. Es findet sich speziell eine inhaltlich sehr gute Beschreibung, Entmythisierung und Wertung der Geschichte der sogenannten aber auch real existierenden Leipziger Schule. Diese besteht immerhin seit 1764 und hat im Moment pro Jahr 1000 Bewerbungen für Malerei von denen 80 genommen werden. Bestimmt nicht alle talentiert. Früher zu Rauchs Zeiten waren es 5 pro Jahr.
Tannert geht auf die Bedeutung der internen Beziehungen, der Produktplazierung und des frei verfügbaren Konsum- und Anlagekapitals in den USA ein.
Für diese Fülle wünschte sich man sich eine elektronische Suchfunktion, denn ein Namensregister wurde dem Buch nicht beigefügt, das wäre aber für die weitere Arbeit damit unverzichtbar gewesen. Auch die etwas unübersichtliche Struktur der nur in englisch existierenden Anmerkungen verwirrt.
So muß man für Besserung auf die anstehende Nachauflage bzw. eine Platzierung des Textteils im Internet hoffen.
Tannert ist den mühsamen Weg durch die Ateliers gegangen und hat mit allen gesprochen. So erscheint es in der Fülle zumindest. Man gewinnt beim Lesen eine Vorstellung von und eine bunte Abbildung der Szene. Und diese sitzt wie nicht anders zu erwarten im wesentlichen in Berlin. „ Berlin ist eine schizophrene Stadt, das ist ganz normal. Alles andere wäre krank.“
In der Tannert eigenen schnellen, assoziationsreichen, manchmal zu hippen Sprachformung, zieht das Panorama der zerrissenen Stadt und deren geteilter Geschichte an einem vorbei. In diesem melting pot findet Tannert die Subjekte seines Interesses. Hier finden sich die bekannten Stars aus Dresden wie die Vertreter der „Breitwandschweinepunk-Malerei“ bis hin zu fast unbekannten Außenseitern wie Dirk Bell. Das alles bildet das Netz der Entwicklung die Tannert von den späten neunziger Jahren bis heute beschreibt. Diese Story ist spannend und verständlich beschrieben und führt durch die ungewohnte aber wichtige Verzahnung mit Musik und Lebenskultur zu immer wieder überraschenden und erhellenden Erkenntnissen. Tannert sieht Malerei als ein soziokulturelles Phänomen. „Es scheint, daß die neue Malerei, wie immer sie auch bewertet sein mag, der heutigen Zeit Bilder entgegenstellt, in welchen sich zeichenhaft und erzählend zugleich – das Bewußtsein und die Stimmungen der Gegenwart widerspiegeln...“
Und man könnte anmerken, ohne daß man ein theoretisches Handbuch besitzen muß. Tannert begreift sie als wirkungsimmanent durch die klassische Form des Tafelbildes. Darin wird sie auch wieder vergleichbar und bewertbar in einem größeren historischen und länderübergreifenden Kontext.
Und er sieht sie politisch. „Ich glaube sehr wohl, daß alle Künstler, die ich in meinem Buch versammle, auch diejenigen, die nicht über Politik und auch nicht über die Dinge, die außerhalb von Kunst liegen, reden, durchaus sehr politisch sind; das habe ich ja auch in meinen Gesprächen, die ich in den Ateliers geführt habe, gemerkt, insbesondere was immer die Frage nach dem Deutschsein, nach dem Nationalen betrifft. ...Die haben alle dezidiert sehr klare politische Ansichten, aber sie würden nie - jedenfalls die wenigsten - damit hausieren gehen...“ (aus einem Interview mit dem Deutschlandfunk)
Graham Bader, Dozent für Kunstgeschichte und -theorie des 20. Jahrhunderts an der Harvard Universität, steuert den amerikanischen Blick auf die deutsche Malerei bei.
Wobei die Sicht der amerikanischen Kritiker viel erhellender als europäische theoretische Wortverquasungen erscheint.
Beginnend mit der New Yorker Performance von Joseph Beuys „Coyote, I like America and America Likes Me“ (1974), deren Theatralität aus heutiger Sicht vollkommen lächerlich erscheint, beschreibt Bader die veränderte Rezeption deutscher Kunst in den USA. Er widmet sich der Geschichte der Präsentation deutscher Malerei in New York und deren Rezension und Vermarktung.
Wir lesen über den extrem starken und kontroversen Widerhall der Malerei aus Deutschland in der amerikanischen Diskussion über zeitgenössischer Kunst. Das geht von hemmungsloser Faszination wie von Roberta Smith für Neo Rauch „Maler, der aus der Kälte kam“, bis zur ätzenden Ablehnung der Werke Thomas Scheibitz durch Benjamin Buchlohs als „rückständiger malerischer Wirrwarr“.
Bader schreibt dazu „Ob man sie liebt oder haßt, es läßt sich nicht leugnen, daß deutsche Malerei scharf ist.“ Und das es eine Faszination von der Idee der „deutschen“ Malerei als solche gibt.
Er zitiert als Vorteil die Beuysfreie Entwicklung der Malerei im Osten. Wo sich eine Figur wie Arno Rink, ein ehemaliger Lehrer Rauchs, dazu hinreißen läßt, die Mauer als Schutzwall vor Joseph Beuys zu verschönen.
Es existiert eine gewisse Art von Ostalgie in Amerika, vor allem gegenüber solchen Malern wie Neo Rauch. Und daneben wird Malerei aus Deutschland von Kritikern und Sammlern als eine Strategie der Erinnerungspraxis gegen die Globalisierung verstanden. Deutsche Malerei als Rettungsanker der Entschleunigung.
Hierbei findet die Position Franz Ackermans, der auf der Grundlage von Reiserecherchen eine kritische malerische Abbildung der Logik der Globalisierung betreibt, genauso Aufmerksamkeit wie die vermutete Verwurzelung der Leipziger Maler in Ort und Geschichte. Das eine gehört zum anderen.
Man schätzt als Besonderheit die gedämpfte Ernsthaftigkeit, die erlaborierte Komplexität und den historischen Stammbaum der neuen deutschen Malerei. Kritiker Jordan Kantor beschreibt das Bemerkenswerte an deutschen Malern als „die Intensität mit der sie die Malerei zugleich akzeptieren und leugnen, indem sie das Medium mit einer einzigartigen Mischung aus Skepsis und Glauben (vorantreiben).“
Konsens ist, daß das zurückzuführen sei auf Tradition, einzigartige Geschichte und kulturelle Besonderheiten Deutschlands. Für uns unvermittelt wird am Beispiel der Malerei die Frage nach der Nation und deren Bedeutung für die Kunstproduktion gestellt.
„Doch mit dem unleugbaren, wenn auch seltsamen „Deutschtum“...bestätigen Rauch und Althoff auch etwas, ..., nämlich daß die Malerei wieder auf dem Vormarsch und ihre Heimat, in geografischer wie in spiritueller Hinsicht, Deutschland ist.“
Oder als ironisches Korrektiv durch den Kritiker Jerry Saltz in der „Village Voice“ prägnant auf den Punkt gebracht: „Innovative Maler scheinen aus Deutschland herauszupurzeln wie Clowns aus einem Volkswagen.“
Tannert hat trotz des vielen nicht alles untergebracht, sonst hätte das Buch einen doppelten Umfang. Es ist ein kunstkritisches Lesebuch, das vieles erhellt und für ein Verständnis der Entwicklungen deutscher Malerei der letzten Jahre unverzichtbar ist. Es kommt sozusagen aus dem inneren Zirkel.
Für Tannert sind in seiner Schlußwertung die Künstler am wichtigsten, die out of time sind, außerhalb der Zeitachse eine künstlerische Positionen des Zögerns, der Unterbrechung und Überarbeitung besetzen, die Langeweile als Irritationsfaktor einsetzen.
New German Painting
Hrsg. Christoph Tannert
Prestel München 200
Sprache: dt./englisch
256 Seiten, Pappe, 210 farbige Abbildungen, 30 schwarz-weiße Abbildungen
Preis: EUR 49.95
ISBN: 3-7913-3666-5
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Peter Lang, 07.12.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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Kommentare
„Es scheint, daß die neue Malerei, wie immer sie auch bewertet sein mag, der heutigen Zeit Bilder entgegenstellt, in welchen sich zeichenhaft und erzählend zugleich – das Bewußtsein und die Stimmungen der Gegenwart widerspiegeln...“. Gilt diese Bemerkung von Tanneet nicht für jede zeitgenössische Kunst, in welchen Format und welcher Form sie immer auch auftreten mag? Duie Frage, warum gerade jetzt 'Malerei' zum Medium dafür wird, ist damit nicht erklärt. Aber dafür muss man dann wohl das ganze Buch studieren.
Thomas Wulffen
Weitere Anmerkungen dazu unter
http://thwulffen.blogspot.com/2006/12/deutsche-malerei-german-painting.html
thw
| 13.12.06
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