Max Glauner | Kritik

Palimpsest 0604 – 03 Transformationen

von Max Glauner

Simon Starling, „Wilhelm Noack oHG”
Galerie neugerriemschneider, Berlin, bis 13. Januar 2007

Übergänge herstellen, könnte die Arbeit des Turner-Preisträgers Simon Starling, 1967 südwestlich von London in Epsom geboren, treffend charakterisiert werden: Übergänge von dem einen zum anderen Ort, von dem einen in einen anderen Aggregatzustand, von dem einen in ein anderes System. Bekannt wurde er mit der Aktion, in der er einen polnischen Kleinwagen, den legendären Fiat 126 „Maluch“, zum Lizenzgeber nach Italien überführte und als Objekt an der Wand präsentierte. Oder er zimmerte aus einer Holzhütte ein Boot, schiffte damit zum Ausstellungsort und baute aus dem Holz die Hütte wieder auf, wie vor kurzem in Basel. Videos oder andere Dokumentationen gibt es von diesen Abläufen bei Starling nicht. Die Objekte selbst müssen ihre Geschichte erzählen.

Die neuste Arbeit Simon Starlings „Wilhelm Noack oHG“ in der Galerie neugerriemschneider macht da keine Ausnahme, obwohl hier ein Film vorgeführt wird, der von der Herstellung des gezeigten Objektes erzählt. Das Objekt in der Mitte des abgedunkelten Galerieraums ist ein 35mm-Film-Projektor und dessen wendeltreppenartige, von der Decke zum Boden reichende Vorrichtung, mit der die gut 115 m lange Zelluloidbahn für die 4 Minuten Schwarzweißprojektion in einer Endlosschleife gezeigt werden kann. Simon Starling führt mit seiner Inszenierung ein in sich geschlossenes System vor, das in mehreren Momenten über sich selbst hinausweist: Zum einen erinnert der Film an die traditionsreiche Neuköllner Kunstschlosserei Wilhelm Noacks, in der die Apparatur hergestellt wurde – nicht zu verwechseln mit der Berliner Bildgießerei Hermann Noack, mit der man nur den Namen gemein hat. Wie in einem Industriefilm der 1930er-Jahre hört man Arbeitsgeräusche, sieht man Werkstatt, Materialberge und Planskizzen, aber kaum Menschen. Zum anderen glänzt die Serpentine der polierten Stahlstangen, an deren Enden die Laufrollen für das Filmband angebracht sind, verheißungsvoll im Licht des Projektors und mag den einen an Duchamps berühmtes Gemälde „Nu descendant un escalier“, den anderen an das mehrdimensionale Modell einer DNA-Doppelhelix erinnern. In jedem Fall entfaltet Starlings Installation einen betörenden Reiz.

Max Glauner, 17.12.06 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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