Christoph Bannat | Kritik

Trust your local sexist

Robert Crumb, Tom of Finland, Eric Stanton, Balthus, Pierre Klossowski, oder Henry Darger sind begnadete Sexisten. Sie ziehen ihre Schaffenskraft aus dem Sexuellen. Jede größere Stadt hat ihren Lieblingssexisten, Stu Mead ist so einer für Berlin. Meist hebt eine bürgerliche Boheme diese in den Stand eines ernst zu nehmenden Künstlers, nachdem sie auf dem Feld gleichgesinnter Fans Kultstatus erlangt haben. Klaus Theuerkauf – auch »das Kiezradio« genannt – von der Galerie Endart in der Oranienstrasse Kreuzberg, ist ein solches Verbindungsglied zur bürgerlichen Wertewelt. So ist es kein Zufall, dass Stu Mead im Hinterzimmer seiner Galerie wohnt.

Um in die bürgerliche Verwertungsmaschinerie zu gelangen, die ständig nach Primitiven und Authentischen verlangt. Für dieses, was diese selbst nicht leisten zu können glaubt (ein Grund, warum man sich hier oft auf Zitat- und Verweisstrukturen verlässt), bedarf es immer noch eines Extras zum rein Sexuellen. Bei Robert Crumb ist es die Melancholie, bei Balthus das Altmeisterliche und bei Pierre Klossowski ist die Philosophie der Bonus. Tom of Finland, Eric Stanton und Henry Darger zeichnet aus, dass sie tot sind und ein geschlossenes, studier- oder publizierbares Werk hinterlassen haben. Und auch bei Stu Mead lässt sich ein solches Extra entdecken. Es liegt innerhalb seiner Malerei.

Mit seiner Ausstellung Portraits+ verlässt er weitgehend den karikaturesken Hardcore-Bereich, auch wenn sein Verlangen, verpackt unter T-Shirts und Rockfalten, immer noch lauert. Wendet man den Blick von den sexuellen Hauptmerkmalen ab und betrachtet Stofflichkeit und Volumen, ist eine Hingabe zu entdecken, die sich auf die gesamten Frauenkörper bezieht. Die Männer erscheinen da eher wie Karikaturen. Stofflichkeit, ist hier wörtlich zu nehmen und meint das körperverhüllenden Gewebe. So schwankt der Blick zwischen der Bedeutung der verdeckten Brüste und der gemalten Oberfläche. Stu Mead entwickelt sich in dieser Ausstellung weg vom karikaturhaften und illustrativen Strich, der immer wieder ein und dasselbe (innere) Frauenbild reproduziert (ebenfalls ein Merkmal eines Sexisten), hin zu einem liebenden Maler und Künstler.

Stu Mead wurde 1955 in den USA geboren. Er studierte bis 1987 am Minneapolis College of Art and Design. Seit 1998 lebt er in Berlin. Vielleicht wird er einmal der Lukas Duwenhögger, der sich auch immer für einen schön gemalten Schnürsenkel entscheiden würde, für Heterosexuelle. Oder er schafft es zu jener lebendigen Präsenz von Oberarmen und Schenkeln wie sie Max Beckmann zu malen wusste.

Mit der Ausstellung im Oberstübchen des Videodrom-Shops, Oranienstrasse 195, 10999 Berlin, wird zeitgleich die Website von Stu Mead eröffnet. Wer mehr über Stud wissen möchte, sollte auch den Text von Hansdieter Erbsmehl lesen.

Bis 18.2.2007

Stu Mead

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