Markus Wirthmann | Netz
Eine Hose ist eine Hose ist eine Hose
Second Life ist eine dreidimensionale multiuser Onlinewelt mit mittlerweile mehr als 2,5 Millionen Residents. Geschaffen wurde sie 2003 von der Betreiberfirma Linden Lab.Aus der Einführung zu einem Interview das „SL-inworld“, ein Blog zum Thema „Second Life“, mit Prof. Norbert Bolz geführt hat.

Motnok Willis mit Jeans auf Designersofa im Museum of Modern Art
Eine der möglichen Erstausstattungen beim Betreten von „Second Life“ ist eine Blue Jeans. Der Bequemlichkeit halber wählen sehr viele Neuankömmlinge die Jeans und ein weißes T-Shirt, um ihre ersten Geh-(und Flug-)versuche in der Parallelwelt zu unternehmen. Teil des Erwachsenwerdens in SL ist es dann, sich Gedanken über sein Erscheinungsbild zu machen. Der Körper jedes Avatars (also der Handpuppe, die jedem Tastendruck des realen Besitzers am heimischen PC folgt) ist relativ frei formbar, und die Klamotten kann man auch fast grenzenlos umformen – oder sich einfach neue kaufen.
Und so wird denn die olle Jeans an den Nagel gehängt oder modifiziert. Beim Basteln an den eigenen Kleidern wird man darauf stoßen, dass die Vorlage der virtuellen Hose eine echte Levi´s 501 ist, die fotografiert oder auf den Scanner gelegt die sogenannte Bumpmap, also die Oberflächenstruktur, der 3D-Klamotte abgibt.
Es ist in allen Medien und in allen Präsentationen, die die Zukunft, das Anderssein, die alternative Welten ins Auge fassen, für den Medienwissenschaftler immer wieder die prägende Erfahrung, dass dieses Andere sich gar nicht so sehr von dem unterscheidet, was uns bestens vertraut ist.Prof. Norbert Bolz im Interview mit SL-inworld

RL-Kunst in SL-Galerie und Bezahlung in RL-Geld - verwirrend, oder?
Künstler: Alotesan Frantisek aka Sandro Setola
Und so darf auch die Nachricht nicht verwundern, dass es im „Second Life“-Universum auch eine Kunstszene mit allen Attributen aus dem „Real Life“ (kurz RL) gibt. Das Museum of Modern Art ist in einem morbiden post-nuklearen Kietz angesiedelt und umgeben von jeder Menge Galerien, die gefüllt sind mit jeder Menge digitaler Artefakte. Die Bandbreite reicht von gefühliger Ostalgie (armer Trabi vor Plattenbau) und Leipziger Allerlei („gerauchweischert“) aus dem RL bis zu fantasy-geschwängerten megalomanischen SciFi-Skulpturen, die direkt aus dem Vogonen-Universum über uns bzw. unsere Avatare gekommen scheinen. „Second Life Art News“, das Blog der unrealen Art-Community, berichtet über die ganze Bandbreite des kreativen Tuns und „The Avastar“, das SL-Magazin des Springer Verlags (erhältlich an allen hippen „Orten“ in Second Life) veröffentlicht Veranstaltunshinweise:
During the opening of JC Fremont´s Installation at Ars Virtua gallery on last week, the performance art group Second Front created a spectacular realtime interpretive event based on JC Fremont´s theme 'Borders'.The Avastar, issue 04 | 01-12-2007
Dass die Kunstwerke natürlich auch Preise haben, versteht sich von selbst - und dass diese Preise sich an denen des aktuellen RL-Kunstmarktbooms orientieren auch.
Am Ende liegt der Parasit des Kapitalismus doch über allem - auch über den schönsten romantischen Blütenträumen einer neuen Demokratie und auch da tun sich die Amerikaner unendlich viel leichter als wir in Europa. In Europa und vor allem in Deutschland gibt es immer noch sehr massiv antikapitalistische Ressentiments gerade bei Intellektuellen und auch vielfach bei Jugendlichen, während in Amerika ganz selbstverständlich ist, dass man als Student, der eine tolle neue Idee hat, natürlich beim zweiten Gedanken nach dem Geschäftsmodell sucht. Und sich weiterhin überlegt, wie man so schnell wie möglich Millionär werden kann.Prof. Bolz im Interview mit SL-inworld

Unser Korrespondent vor spaciger Machoskulptur
Wir werden ein virtuelles Auge darauf haben! Und vielleicht ja in einem virtuellen Jeansladen eine neue RL-501 für uns und unseren Avatar erstehen, nachdem wir die aus der Grundaustattung kaputtmodifiziert haben. Aber auch das gehört warscheinlich zum Erwachsenwerden in Second Life.
Interview mit Prof. Norbert Bolz zu Second Life in SL-inworld
Markus Wirthmann, 20.01.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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Kommentare
Nach zwanzig Jahren Beruf an Computern mit Virtuellem, dem Internet und Werbe- und Marketingmüll bin ich sehr froh, dass es z.B. auch noch echte Müllmänner, Tischler und andere Leute gibt, die reale Dinge außerhalb von Büros herstellen und dass es Künstler gibt, die hingucken, denken und intensiv arbeiten und leben.
Bitte lasst doch mal einen echten Furz in die Jeans und und riecht dran. Oder geht raus in Wind und Regen und schaut Euch z.B. irgendeinen zufälligen Menschen mal kurz und intensiv an.
Dann kommt Ihr wieder rein setzt Euch an den Computer und schreibt mir hier, was denn das sogenannte "Second Life" an diesem virtuellen Quatsch eigentlich sein soll und warum ich meine schöne echte Lebenszeit damit verschwenden soll.
Diese Art von Kritik ist so alt wie die Zivilisation. Der Mensch neigt dem Konservativen zu. Das ist nützlich - jedenfalls auf einer evolutionären Ebene - hält aber die Diversifizierung, zum Beispiel der Medien, nicht auf.
Die Anfechtungen ähneln jenen, denen das Fernsehen in den Sechzigern, der heimische PC in den Achtzigern und das Internet in den Neunzigern ausgesetzt waren. Ich vermute fast, dass der Buchdruck ähnlich misstrauisch kommentiert worden ist.
Geholfen hat´s wenig, entgegen jedwedem gnarzigen Medienpessimismus telefonieren wir, glotzen fern und sind zu "Usern" geworden, die mittlerweile sogar noch "Content" generieren (Siehe Transmediale 07, Samstag, den 03. Februar, 12:00 Uhr: "Content Generating Users" unter Mitwirkung von Kunst-Blog.com).
Und wenn man sich unbedingt nassregnen lassen will, kann man ja demnächst sein IPhone mit nach draußen nehmen und sich unterwegs über das gleichbleibend schöne Wetter bei Second Life freuen.
Und bis da hin freue ich mich noch ein bisschen über die seltsam rekursiven Kapriolen, die das Leben bei der Durchdringung von First, Second Life und wieder zurück vollführt.
PS.: Ganz irre wird´s, wenn nächste Woche die Betroffenheitsrocker von U2 zum zweiten Mal live bei Second Life aufspielen.
Der Punkt ist natürlich nicht konservative Medienkritik, das wäre wirklich sehr schlicht.
Ich finde SL gesellschaftlich so interessant wie eine Modellbahnanlage.
Das einzig Interessante (und Deprimierende) an SL ist die Tatsache, dass den Menschen (von wenigen Ausnahmen, die sich nicht durchsetzen werden abgesehen, nichts anderes einfällt, als das was sie für das wirkliche Leben halten, direkt wieder zu übertragen, anstatt die Freiheit zu nutzen, Utopien zu entwickeln. Mich langweilt an SL, dass die mühsame und schlechte Spiegelung des wirklichen Lebens kaum Erkenntnisgewinn bringen wird. Die potentiell fantastische Welt verkommt doch jetzt schon ruckzuck wieder nur zum Marketing und Vertriebskanal. Es geht, also wird's gemacht. Diese Meta-Ebene führt zu nichts wirklich Neuem und ist Zeitverschwendung - ich mach nicht mit und er"lebe" lieber die sogenannte "Realität".
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