Christoph Bannat | Kritik
Gemischte Gefühle
Aya, von Marguerite Abouet und Clément Oubrerie
Carlson Comic 14.90 Euro
Napoleons neue Kleider. Pariser und Londoner Karikaturen im klassischen Weimar
Kunstbibliothek, Kulturforum Potsdamer Platz, Berlin
Bis 7.01.07
Caspar David Friedrich. Jahreszeiten
An der Wiege der Romantik.
Kupferstichkabinett, Kulturforum Potsdamer Platz, Berlin
Bis 11.03.07
Norbert Schwontkowski Vertigo
Galerie Contemporary Fine Arts, Berlin
Bis 27.01.07
Senses of Architecture. Eine Ausstellung in mehreren Akten
Deutsches Architektur Zentrum, Berlin
Bis 28.01.07
GEHEIMNIS und ÖFFENTLICHKEIT
Contemporary Art Projects - Blashofer, Berlin
Bis 10.2.07
Zur Weihnachtszeit widmen sich die westlichen Medien traditionell dem afrikanischem Kontinent und zeichnen ein Bild des Elends – verbunden mit der Bitte um Spenden. AYA, ein Comic aus Frankreich, der vom Leben in der Elfenbeinküste handelt, zeigt andere Bilder von Afrika und bestätigt einmal mehr wozu das Comic-Genre fähig ist.

Die Autorin Marguerite Abouet, die als 12-jährige mit ihrem Bruder die Elfenbeinküste verließ, und der französische Zeichner Clément Oubrerie, zwei begnadete Herumtreiber, kamen in ihrem gemeinsamen Debüt zueinander. Und es ist eine Freude, ihnen bei ihrer Session zuzusehen. Auffällig sind ihre genauen Beobachtungen der Interieurs und Architekturen vor Ort. Die repräsentative Architektur des Superreichen in Form einer afrikanisch interpretierten Bauhausvariante oder das Interieur der Mittelklasse inklusive Fernsehgerät mit Häckeldeckchen. Der Marktplatz in seiner Zusatzfunktion als nächtlicher Pärchentreff, die zersiedelte Hüttenlandschaft und der Villen-Streifen entlang der Autobahn. Und es geht um elementare Dinge wie Schwangerschaft, Abtreibung und Aufstieg durch Heirat und/oder Bildung. Der Comic zeigt, dass eine (vielleicht einmalige) Gemeinschaftsarbeit möglich ist und erfolgreich sein kann. Für beide Autoren scheint die alte Grundregel zu gelten: Das Exotische muss banalisiert werden. Der Gegenschluss, welcher für unseren Alltag gelten könnte, heißt: Das Banale muss exotisiert werden wie wir es aus den Filmen von Jean Rouch kennen. Nach Marjane Satrapis Kindheitsgeschichten Persepolis aus dem Iran, in Frankreich gezeichnet, ist dies der zweite Emigranten-Comic. Für Deutschland könnte Berlin die Stadt eines solchen Emigranten-Comics sein, denkt man an die unterschiedlichen Migrationsgeschichten die hier aufeinander treffen. Und ist das Überschneiden unterschiedlicher ästhetische Behauptungen und deren dahinter stehenden Interessengruppen nicht das Kennzeichen einer lebendigen Großstadt?

Von einem solchen politisch-ästhetischen Bilderstreit erzählt eine andere Ausstellung: Napoleons neue Kleider - Pariser und Londoner Karikaturen im klassischen Weimar. Eine feine Ausstellung, die in Berlin mal wieder kein Künstler gesehen hat. Die Bilderbildung betreffend sind die Wege der Kommunikation in Berlin unendlich lang. Hier trennen sich die unterschiedlichen Kunstszenen hart voneinander. Künstler, die sowohl in einer als auch in einer anderen Szene wandeln, gibt es hier kaum. Ich kenne nur eine Person, die sich umfassend in den unterschiedlichen Bildereinrichtungen, die Berlin so reich machen, bewegt.

Verglichen mit der Karikaturenausstellung erlebt man eine Etage höher – die gleiche Zeit um 1800 – ein Wechselbad der Gefühle. Hier werden jene, seit über 70 Jahren verschollen geglaubte Zeichnungen von Caspar David Friedrich und der »Tageszeiten-Zyklus« von Philipp Otto Runge gezeigt. Caspar David Friedrichs Zeichnungen sind herzzerreissend selbstlos klare Studienblätter. Je profaner desto stärker. Es sind Skizzen im besten Sinne. Naturstudien gezeichnet mit keinem Gedanken an die Nachwelt. In berauschender Selbstlosigkeit tritt der Künstler als Subjekt zurück um in aller Bescheidenheit mit der einzigartigen Klarheit seines konzentrierten Strichs als Künstler wieder aufzutauchen. Caspar David Friedrich wiederholt was ihm vors Auge kommt, taucht ein und auf und entwirft so das Bild eines entrückt und befriedeten Lebens. Ein echter Glücksmoment.

Einen ganz anderer Lebensentwurf bietet der 1949 in Bremen-Blumenthal geborene und in Berlin und Bremen lebende Norbert Schwontkowski in der Galerie Contemporary Fine Arts. Halb gezeichnet, halb gemalt, halb abstrakt, halb witzig, halb melancholisch, halb erzählt, halb erdacht, halb erlebt, bringt er nichts auf den Punkt. Doch hat er eine Methode gefunden: Verschleierte Hintergründe auf die er mit mehr oder weniger breitem Pinsel zeichnet, um alles was ihn beschäftigt schnell auf die Leinwand zu bringen.

Und da das »auf den Punkt bringen« eine rein mathematische Hilfskonstruktion ist und als Lebensweisheit nicht übernommen werden sollte, hat der mathematische Punkt doch keine Ausdehnung, braucht man sich in der bildenden Kunst auch nicht darum zu kümmern, geht es in dieser doch immer um Ausdehnung. Und Norbert Schwontkowski dehnt sich locker in alle Richtungen. Dabei scheint er sich nicht groß zu quälen. Und so ist es ein Mehrwert ihm bei seinem Spaß-am-Machen zuzusehen.

Ärgerlich die Ausstellung Sense of Architecture, aktuelle Architektur in und aus der Steiermark, die in 6 Themenblöcken im Deutschen Architektur Zentrum zu sehen ist. Eigentlich nicht der Rede wert, hätte nicht der großartige Künstler Heinz Emigholz mit seinem fein verwobenem Netzwerk aus Schrift, Büchern, Zeichnungen, Installationen und Filmen den Auftrag bekommen, 60 Architekturen in der Steiermark zu dokumentieren. In seinem wunderbar einfachen, alle Poren der Sinne öffnenden Film Goff in der Wüste von 2003 über den amerikanischen Architekten Bruce Goff zeigt er mit leicht gekippten Standbildeinstellungen und real atmosphärischer Tonspur wie sich der architektonische Raum mit dem Bildraum und der Tonspur verschränkt. Die gleiche Methode wendet er jetzt auf die Objekte der Steiermark an und entwertet sie gleichzeitig. Schnell befällt einen der Verdacht, dass er sein einmal entwickeltes Programm der verweigerten Standpunktbehauptung im rechten Winkel zu allen Senkrechten zu stehen nur noch als sein Signet nutzt. Zusätzlich verkettet die Ausstellungsarchitektur die auf beidseitig beschichtete Glasplatten projezierten Filme labyrinthisch mit dem Ausstellungsraum. Das Programm von Heinz Emigholz-Filmen, das die Codes eines hierarchischen Bildaufbaus immer hinterfragte, wird hier zum eigenen Klischee, das er leider nicht zu verlebendigen weiss.
Und noch eine Ausstellung: Geheimnis und Öffentlichkeit ist so ärgerlich, dass man sie nur seinen Feinden empfehlen sollte. Um so ärgerlicher, da sie von einem erfahrenem Kurator konzipiert wurde.
Aya von Marguerite Abouet und Clement Oubrerie bei amazon.de bestellen.
Kataloge/Bücher von Christoph Bannat bei Amazon.de suchen.
Christoph Bannat, 03.01.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
Kunst-Blog.com, Copyright 2005-08. Alle Rechte vorbehalten.
Soweit nicht anders angegeben liegen die Rechte bei den jeweiligen Autoren und Künstlern, die die Urheber der Beiträge sind, und bei Kunst-Blog.com. Für Webseiten, auf die von dieser Site aus verlinkt wird, sind ausschließlich die Betreiber der jeweiligen Angebote verantwortlich.
Kommentare
Schreiben Sie einen Kommentar zu »Gemischte Gefühle«
Danke für Ihre Anmeldung,
.
Sie können jetzt Ihren Kommentar schreiben. | Abmelden