Christoph Bannat | Kritik

Was guckst Du!

De Frau
Regie und Bühne: Johnathan Meese
Volkbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
Weitere Vorstellungen: 27. und 28.Januar, sowie 14., 20. und 23. Februar 2007, jeweils 20 Uhr


Bild-Zeitung Bremen, 22.5.06.

Zur Zeit wird kaum ein Künstler so hoch gehandelt wie Jonathan Meese und das nicht nur in finanzieller Sicht, sondern auch im Blick auf seinen symbolischen Wert. Diesen symbolischen Wert und die mediale Präsenz der Person Meese scheinen immer mehr Hartgeldgönner gebrauchen zu können. Warum eigentlich?


Bild-Zeitung u.a. mit Fotos von Ben Becker, Guido Westerwelle, Gabriele Henkel, Gudrun Bauer, John Malkovich, Veronica Ferres

Jonathan Meese (36) begann Mitte der 90er Jahre in der Grundklasse der Hamburger Kunsthochschule mit Kinderzimmer-Nippespop-Environments und entwickelte sich dann thematisch weiter, über den Bravo-Starschnitt hin zum FAZ-Feuilleton. Anfangs bestanden seine Arbeiten aus Sammelfiguren und Fan-Bildchen. Mit wachsendem Erfolg behandelte er Hamburger Jungschauspieler wie Uwe Bohm (Hamburger Kultfigur und Adoptivsohn von Hark Bohm. Mit 16 Jahren spielte er in Nordsee ist Mordsee, Musik: Udo Lindenberg, dann in Peter Zadeks Andi, Musik: Einstürzende Neubauten). Später widmete sich Meese Klaus Kinski, dann Richard Wagner und Adolf Hitler, dem klassischen Hoheitsgebiet des FAZ-Feuilletons. Je größer die Ausstellungsräume desto schwergewichtiger wurden die Personenbilder, die er beschmierte. Dabei kann von Malerei kaum die Rede sein. Bei ihm ist es einzig die Geste, welche Malerei imitiert. Um von Malerei zu sprechen fehlt es an Farb- und handwerklicher Intelligenz. Jene, die Jonathan Meeses Geste des dunklen Expressionismus fördern, sind hauptsächlich Kulturklemmis und Rock ’n’ Rollrumpelstilzchen, die sich nach ironisch gebrochenem Pathos – authentisch dargestellt – sehnen. Verhinderte Bildungsbürger, die sich darüber freuten, dass endlich mal einer Wagner bedeutungsschwanger ans Bein pisste, ihn beschmiert oder lautmalerisch auseinander nimmt, dass jemand Caligura-Trash und Death-Metallästhetik erhöht und dabei genauso kumpelhaft dumm bleibt wie sie selbst es immer schon gern sein wollten (oder sind). Das wurde nicht zuletzt an Frank Castorfs Volksbühneninszenierung Kokain sichtbar (mit einem bespielbaren „eisernem Kreuz“ von Jonathan Messe als Bühnenbild), die lediglich auf zwei Buchseiten von Pitigrillis gleichnamigen Roman von 1922 beruhte. Die Dummheit besteht nicht im Werk Meeses, sondern darin, dass keiner der Beteiligten – weder intellektuell noch bildnerisch – überhaupt mehr wissen will. Zum Glück dient Jonathan Meese als Role-Model nur für begnadete Haupthaar- und Bartträger. Dabei ist ihm zu Gute zu halten, dass er mit seiner manischen Energie immer wieder neue/alte Arbeitsfelder für Künstler erschließt – jetzt in seiner Funktion als Regisseur des Theaterstückes De Frau an der Berliner Volksbühne. Ich freue mich schon auf Theaterstücke von Franz Ackermann, Daniel Richter, oder Isa Gensken.


Volksbühnen-Plakat

Ach ja, das Theaterstück ist langweilig, weil durchschaubar. Die einzelnen Elemente ergeben kein Ganzes. Die Videoprojektionen zeigen noch am deutlichsten, dass er seine Bedeutung aus der Rückkopplung massenmedial erfolgreicher Bilder bezieht. Die Weigerung, die Inszenierung dramaturgisch zu lenken, führt nicht einmal zu intensiver Langeweile. Namen: Napoleon, Kinski, Mutter, Ezra Pound. Geschichtsverweise: Irgendeine Vorrevolution, Demokratie. Spass: Tanzen, Einseifen, Verkleiden. Zusammengehalten und verkleistert wird der lauwarme Zeichenregen durch Popmusik mit hohem Wiedererkennungswert. Fazit: Manchmal wird fehlendes Talent eben durch (mediale) Penetranz ersetzt.


Spiegel, #4 (22.1.07): Jörg Immendorf, Gerhard Schröder, Till Schweiger, Stefanie von Pfetten.


Volksbühnen-Plakatrückseite

-- Anmerkung Redaktion
Auch in Kultur heute (Deutschlandfunk) gab es einen schönen Verriss. Hartmut Krug schrieb unter dem Titel Alles bekannt und nichts neu: »All dies ist der übliche Wahnsinn eines Kulturbetriebs, der gern alternativ sein möchte und doch nur den höheren Dilettantismus pflegt. ... Natürlich hat sich die in den letzten Zeiten schwächelnde Volksbühne Jonathan Meese geholt, um mit ihm an alte provokative Zeiten anknüpfen zu können. ... Zwar langweilt man sich deutlich, doch sitzt man alles ohne Murren aus. ... [Mir erschien] dieser Abend mit und von Jonathan Meese als schlechter Witz und eine unfreiwillige Parodie auf den Kunst- und Kulturbetrieb.«

Den vollständigen Radiobeitrag zum Nachlesen gibt es auf der Deutschlandfunk-Webseite.

Christoph Bannat, 25.01.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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Kommentare

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