Gastbeitrag | Kritik
Keine Augen im Kopf
Spiegelautor Daniel Haas geht Christoph Schlingensief auf den Leim
von Konstantin Schneider

Man könnte ja einfach sagen, vergib Ihnen, denn sie wussten nicht, was sie sahen. Oder wie tief der Stachel des Ideologieverlustes bei einigen Grosskommentatoren offenbar doch sitzt. Dass da einer zum Oberlehrer mutiert, weil ihm das TV-Format von morgen für das Fernsehen von früher gegen den Strich geht, davon konnte man sich in der Internetausgabe des für seine Aufklärungsarbeit und konstruktive Besserwisserei immer noch recht angesehenen Spiegel am Dienstag, dem 16.1. in einem besonders peinlichen Artikel einen Eindruck verschaffen.
Offenbar in völliger Unkenntnis mancher Schlingensief-Vorgänger-Projekte zog Spiegelautor Daniel Haas in seinem Bericht über das neue Schlingensief-Format „Die Piloten – 10 Jahre TALK2000“, das am Montagabend in der Berliner Akademie der Künste am Pariser Platz Premiere hatte, auf Spiegel-Online ungehemmt vom Leder. Schlingensief habe das letzte Jahrzehnt medienkritisch irgendwie verdämmert. Seine Wohnzimmerästhetik sei so revolutionär wie eine Gebührenrechnung. (Quelle: Spiegel Online)
Haas dagegen war bei aller Lust am „runterschreiben“ seines Artikels durchgerutscht, überhaupt nicht den echten Jonathan Meese gesehen zu haben. Vielmehr schildert er in Verkennung der Tatsachen das Meese-Model Klaus Beyer detailliert: „Meese, mit Frauenperücke und Strumpfhose die ultimative Mischung aus Drag Queen und Rumpelstilzchen, juchzte: "Ach Hermann, ich versteh dich so gut!"
Haas, der über unzeitgemässen Manipulationsverdacht lästert, will diese Situation sogar als einen „seltenen Moment von Intersubjektivität“ erlebt haben.
Der Regie und den Metaspässen des Meister-Provokateurs Schlingensief offenbar nicht gewachsen, dem allerdings auch der an notorischer „Gutmenschsucht“ leidende Jürgen Fliege fast auf den Leim gegangen wäre, findet Haas beim Akademiepräsidenten Klaus Staeck schliesslich seinen Trost, weil der immerhin gemeint hatte, Schlingensief würde abrutschen, wenn er so weitermache.
Inwieweit die Bewertung von Staeck mit Ironie unterfüttert gewesen ist, bleibt bis auf Weiteres sein Geheimnis. Schliesslich hatte Staeck auch Bazon Brock zitiert, dass nämlich der Schnee von gestern die Lawine von morgen sein könne. Angesichts von Prinzipienlosigkeiten, hyperintelligenter Volltrottelei und Methusalem-Komplotten eine durchaus einleuchtende Vorstellung.
Die Krönung aber war, dass Haas, angestachelt durch die wegen der Jauch-Absage an die ARD entflammten Debatte um Moderatorenengagements, seinen Artikel in einem Anflug von Tollkühnheit mit dem wohlmeinenden Ratschlag „Augen auf beim Moderatorenkauf“ eröffnet hatte. Und dies, obwohl der listige Schlingensief durch die Thematisierung seines Augenleidens schon dezent darauf hingewiesen hatte, wie wenig profanes Sehvermögen mit echtem Durchblick gleichgesetzt werden darf.
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Konstantin Schneider ist der Berliner Kunstkontakter
Gastbeitrag, 18.01.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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