Christoph Bannat | Kritik

Noch mehr Zorn, noch mehr Brinkmann.

„Brinkmanns Zorn“, Film von Harald Bergmann. Elfi Mikesch, Kamera. Eckhard Rhode als Rolf Dieter Brinkmann.
Bundesweiter Start 11.1.07. Berliner Kinos: Kant, Central, Lichtblick.

2007 fängt mit einen einzigartigen Film an: „Brinkmanns Zorn“. Ein Film über den Literaten Rolf Dieter Brinkmann. Ein Film der sich aus Brinkmanns Tonbandaufnahmen (den Jahren 1973 bis 1975), sowie gesprochen Textpassagen seiner Arbeitshefte generiert.

Ein großartiger Film, der die Folien von Text und Sound, Bild, Schauspiel, Geschichte(n) und Dokumentation grandios miteinander verschweißt.
Nun müssen bildende Künstler sich nicht für Literatur interessieren, diesbezüglich dürfen sie bekloppt wie ein nasses Toastbrot sein. Nur sollten sie, unterschiedslos, für alle Bilder offen sein, was als Lebensprogramm auch reicht. Hier gilt es für bildende Künstler Intelligenz zu entwickeln.
Rolf Dieter Brinkmanns späte Arbeiten loten den Grat zwischen Text und Bild neu aus. Texte und Bilder die weniger gelesen, sondern, wie ein „ Fluß ohne Ufer“, wahrgenommen werden können.
Neben Brinkmanns legendären Hasstiraden, zeigt der Film ihn auch als fürsorglichen Vater und achtsamen Briefschreiber.

Der späte Brinkmann (1973 bis zu seinem Tod 1975) wetterte gegen die eingefahrenen Sprach– und Verhaltensprogramme der 68er, mit denen er einst die Hoffung auf einen Neuanfang teilte. Der klassisch-moderne Zorn, zur falschen Zeit, im falschen Körper, in der falschen Zivilisation fest zu stecken, den Brinkmann im besten Sinne kultiviert und der uns heute vielleicht befremdet, verweist auch auf unsere Zeit in der Alle nur irgendwo reinkommen wollen.

www.brinkmannszorn.de

Harald Bergmann-Telefoninterview 6.1.2007

Christoph Bannat (C.B.): Schönen guten Morgen, hier spricht Christoph Bannat von Kunst-Blog, ich habe einen Termin mit Harald Bergmann.

Hotel in Vechta: Ich verbinde...

Harald Bergmann (H.B.): Bergmann am Apparat.

C.B.: Sie sind in Vechta, ist das nicht der Geburtsort von Rolf Dieter Brinkmann?

H.B.: Ja, wir haben den Film „Brinkmanns Zorn“ gestern Abend hier gezeigt.

C.B.: Wie ist der Film angenommen worden?

H.B.: Sehr gut, die Besucher haben in Schlangen vor dem Kino gestanden, um den Film zu sehen. Und Maleen Brinkmann ( Rolf Dieter Brinkmanns Frau) und sein Sohn Robert Brinkmann waren da, das hat mich besonders gefreut. Maleen kannte den Film ja schon, aber der Junge hat ihn das erste Mal gesehen. Junge ist gut, er ist ja fast so alt wie ich, 1964 geboren. Das Robert da war, eine der Hauptfiguren des Films, hat mich besonders gefreut.

C.B.: Ist Rolf Dieter Brinkmann überhaupt bekannt in Vechta?

H.B.: Heute schon. Offensichtlich war Brinkmann lange Zeit ein rotes Tuch für die Stadt, denn er hat ja nur auf seine Geburtsstadt geschimpft. Jetzt, nach Jahrzehnten, ist ihnen aber klar geworden, welche Bedeutung er eigentlich hat. Es hat sich in Vechta sogar eine Brinkmann-Gesellschaft gegründet, zu der Maleen Brinkmann aber bisher eher Abstand gewahrt hat. Dass sie jetzt dort war, kann man auch als eine Art Friedensgeste verstehen und die Stadt hat diese Geste erwidert, indem der Bürgermeister sie empfangen hat. Wir durften uns nett ins goldene Buch der Stadt eintragen. Na, wenn das Brinkmann gesehen hätte.

C.B: Wo sind Sie geboren?

H.B.: In Celle ( Niedersachsen). Ich bin auch Norddeutscher, wie Brinkmann, wie auch der Hauptdarsteller Eckhard Rhode, der aus Oldenburg ( Niedersachsen) stammt. Es steckt also viel zähe, norddeutsche Energie in dem Projekt. Wir sind von der Filmstiftung NRW, dem Bundeskulturministerium und der Hamburger Filmförderung gefördert worden, die haben dieses Projekt möglich gemacht. Die einzige Institution , die standhaft und mehrfach das Filmprojekt abgelehnt hat, war die Nord Media, die niedersächsische, norddeutsche Filmförderung. Sind schon merkwürdig die Norddeutschen.

C.B.:
Können Sie mir ihre ersten Berührungspunkte mit der Arbeit von Rolf Dieter Brinkmann, das Filmprojekt betreffend, nennen?

H.B.:
Das erste Mal habe ich Ende der 80er Frau Brinkmann kontaktiert und ihr gesagt, dass nach 30 Jahren die Farbträger bei Super 8-Material chemisch reagieren und man das Material sichern und auf Video übertragen sollte. Mitte der 90er haben wir das dann übertragen. In diesem Zusammenhang hat sie mir auch diese Tonbänder gegeben. Die Tonbänder haben wir 1998 ebenfalls digitalisiert. Aus diesen Arbeiten ist dann das Filmprojekt entstanden.

C.B.:
Sie haben zuvor eine Hölderlin-Trilogie gedreht. Wie kommt man von Hölderlin zu Rolf Dieter Brinkmann? Gibt es für Sie Berührungspunkte, beide Schriftsteller betreffend?

H.B.:
Hölderlins Dichtung ist in Vielem das genaue Gegenteil von dem, was Brinkmann tut, und das hat mich auch gereizt. Man kann aber auch viele Berührungspunkte finden: Beide sind mit Mitte 30 aus dem Leben gerissen worden. Hölderlin durch seinen Abtransport in ein Klinikum, Brinkmann durch seinen tödlichen Unfall, mit 35 Jahren. Bei beiden lag also noch etwas Offenes, Unfertiges, ein Entwurf vor.

C.B.:
Was ist das für ein Reiz, etwas fort- oder zusammen zu setzen, was andere hinterlassen haben? Wie würden Sie diese Aufgabe beschreiben?

H.B.:
Ich bin vor allem daran interessiert, das, was man bei einem Gedicht macht, im Film, auf einer weißen Leinwand stattfinden zu lassen. Ich bin zuständig für das, was das Bild und der Ton parallel machen, da setze ich meine Energie hin. Während ich sehr froh bin, dass schon so gute Worte, Sätze, Texte, wie z.B. Brinkmann oder Hölderlin sie gemacht haben, da sind und ich darauf aufbauen kann. Mich interessiert, die Worte und die mit Ton und Bildaufnahme erzeugbaren sinnlichen Welten und Erfahrungen zusammen zu bringen, zu synchronisieren. Und das ist schwer genug.

C.B.:
Was hat sie emotional am Schreiben Brinkmanns gepackt ? Ein Schreiben, dass zunehmend wie eine Art „ Fluss ohne Ufer“ aussah und mehr atmosphärisch, denn intellektuell wahrgenommen werden kann?

H.B.:
Es ist das unmögliche Unternehmen, alles, was einem begegnet und widerfährt, sofort, in der Minute der Wahrnehmung, in Sprache bannen zu wollen, die Integrität und Power mit der er das gemacht hat und der Zorn in allem natürlich, was mich an ihm fasziniert hat.

C.B.:
Inwiefern der Zorn? Weshalb heißt der Film denn „Brinkmanns Zorn“?

H.B:
Da kann ich vielleicht zu Hölderlin zurück mit seinem berühmten Satz:
„Wozu Dichter in dürftiger Zeit?“ Dem Ungenügen an der Wirklichkeit, in der man lebt,
muss man ja nicht zwangsläufig mit Verklärung begegnen. Wer sagt denn, dass Dichter immer die Welt feiern müssen? Vielleicht ist es genauso wichtig, einen Dichter zu haben, der direkt dem Ausdruck verleiht, was einen frustriert, erzürnt und leiden lässt. Das hat Brinkmann geschafft, er hat diesem Zorn Ausdruck verliehen. Er hat seinen Einspruch formuliert.

C.B.:
Ich denke in diesem Zusammenhang, dem des haltlosen Zorns, unweigerlich an Thomas Bernhard und den Punk-Rock der 70er Jahre.

H.B.:
Die Nähe zu Bernhard sehe ich nicht unbedingt, aber wir zeigen am Freitag den Film genau in dem Saal in der Akademie der Künste, Berlin-Hanseatenweg, wo er mit Thomas Bernhard und Marcel Reich-Ranicki zusammen saß und es zu dem Eklat mit dem Maschinenpistolen-Satz kam.

C.B.:
Ich habe davon die Beschreibung der Szene von Reich-Ranicki: „Wir saßen auf dem Podium, Brinkmann und ich, aber er wollte nicht diskutieren, er wünschte einen Skandal. Den gab es sofort: Kaum, dass wir begonnen hatten, brüllte mich Brinkmann an - er sollte überhaupt nicht mit mir reden, sondern hier ein Maschinengewehr haben und mich über den Haufen schießen.“

H.B.:
Bei allem Aberwitz, der in der Aktion ist, lohnt es sich vielleicht trotzdem die genaue Formulierung von Brinkmann zu haben, weil er da Buch und eine Maschinenpistole vergleicht. Soweit ich weiß, hielt Brinkmann sein Buch hoch und sagte etwa, wenn dies hier eine Maschinenpistole wäre, würde ich sie damit niederknallen. Das Buch, von dem man möchte, dass die Wörter wie Geschosse herauskommen, oder die im Film immer wieder beschworene „ Brechstange, mit der man reinhauen müsste in den ganzen Mist.“

C.B.:
Sie wurden 1963 geboren, wie nähert man sich da einem Film aus den 70ern?

H.B.:
Ja. Also 23 Jahre nach Brinkmann, ziemlich genau eine Generation später.

C.B.:
Und der Film spielt 1973 bis -75.

H.B.:
Ich habe aus der Kindheit vielleicht noch so ein bisschen den Geschmack der 70er Jahre auf der Zunge, die Farben, die Autos, die Werbung, das alte Fernsehen. Aber ich wollte auch keinen Historienfilm machen, in dem man Brinkmann dann als Phänomen der 70er Jahre entsorgt. Wenn man Brinkmann nur auf die Pop-Zeit und die 70er bezieht, dann wäre er für uns heute nicht mehr interessant, aber das Ganze hat ja noch eine Kraft, die universell ist.

C.B.:
Gilt ihr Interesse eher dem Mensch oder der Literatur Brinkmanns?

H.B.:
Wie soll man das trennen? Gerade bei ihm und seinem Konzept des Tagebuchs, der Selbstbeobachtung, des Mitnotierens. Es ist ein Glücksfall, dass hier ein Dichter selbst schon angefangen hat, gewissermaßen medial zu handeln, Worte, Töne und Bilder gegeneinander zu schneiden und damit so zu experimentieren. Mich interessiert immer die Frage: Wie kann ich mit dichterischen Formen im Kino umgehen? Wie bringe ich das Material zum Sprechen?

C.B:
Also, alles was Eckhard Rhode spricht, ist von Brinkmann?

H.B.:
So ist es. Man hört in dem Film grundsätzlich die Originalbänder von 1973. Auf diesen Originalton spielen die Schauspieler, lippensynchron, kein Schauspieler spricht selbst. Der Ton ist von 1973-75. Kinematographisch ist das eine neue Methode, und da bin ich auch ein bisschen stolz drauf. Ich kenne jedenfalls kein Beispiel aus der Filmgeschichte, wo sich ein Film in allen seinen Szenen und Bildern gänzlich aus Originaltönen generiert.

C.B.:
Welche Fragen der Übersetzung, Kameraeinstellung und Bewegung betreffend, stellten sich noch?

H.B.:
Es war uns wichtig, einen Bildstil zu entwickeln der zu Brinkmann passt: Eine Ästhetik, die aus dem Körper, aus der Bewegung, dem Gehen, dem Tasten kommt, und die auch dem Ein-Mann- Unternehmen Brinkmann entspricht. Ein Bild, das realistisch ist, aber auch so eine Rohheit und Poesie behält, wie sie die schnell aus der Hüfte geschossenen Instamatic-Fotos von Brinkmann haben. Elfi Mikesch und ich haben mit zwei Kameras gedreht, und das war eine traumhafte Zusammenarbeit. Ich bin Elfi sehr dankbar für das Vergnügen, das es war, mit ihr diesen Film drehen zu können.

C.B.:
Hat sich für Sie während der Dreharbeiten ein anderer Brinkmann, als jener, den sie vor dem Dreh kannten, kristallisiert? Für mich liegt die Betonung sehr auf dem Familienmenschen Brinkmann.

H.B.:
Dinge, die er im Schreiben nicht unbedingt ins Zentrum gerückt hat, haben auf seinen Bändern eine andere Bedeutung, einen anderen Stellewert, wie das Verhältnis zu seinem Sohn Robert. Deshalb kann der Film Themen hinzufügen, die man im Schreiben nicht hat, die wir aber auf den Tonbändern gefunden haben. Natürlich war sein behinderter Sohn ein Riesen- Komplex in seinem Leben. Ein behindertes Kind zu haben ist für jede Familie ein Problem, und wenn man dazu bedenkt, dass ein Dichter einen Sohn hat, der die Sprache verweigert, dann haben sie auch ein philosophisches Problem, abgesehen von dem Schmerz und der realen Situation. Der Sohn Robert ist in diesem Film das Gegenüber vom Dichter Brinkmann. Da ist für ihn ein Mensch, der eben ‚direkt’ fühlt und gar keine Worte dafür hat.

C.B.:
Würde man das heute als autistisch bezeichnen?

H.B.:
Ja, oder wie Maleen Brinkmann es benennt, ist es in diesem Fall ein Mutismus.
Im Grunde kann ja bis heute keiner genau sagen was Autismus eigentlich ist, bzw. was ihn verursacht. Ganz allgemein lässt es sich vielleicht so beschreiben: Dass eine Verweigerung des Systems vorliegt, bestimmte Schritte zu machen, während organisch eigentlich alle Bedingungen dazu vorhanden sind. Aber medizinische Diagnosen stehen mir hier absolut nicht zu.

C.B.:
Mit Eckhard Rhode als Rolf Dieter Brinkmann haben sie eine außergewöhnlich gute Wahl getroffen. Ist er eigentlich ein Gelegenheitsschauspieler?

H.B.:
Eckhard Rhode hat viel Filmerfahrung, als Schauspieler in Filmen von Heinz Emigholz und Klaus Wyborny. Diese Erfahrung und Routine hat uns geholfen, aber das Entscheidende war, dass er selbst ein Schriftsteller und Dichter ist. Er ist das Projekt nicht wie ein Schauspieler angegangen, der sich fragt, wie kann ich diese Rolle anlegen, sondern wie ein Dichter. Er hat die Tonbänder in ihrem sprachlichen Wert wahrgenommen und die Brinkmannstimme mit ihren Melodien, Rhythmen und Atemlängen studiert. Er hat ein Gespür dafür, wie Sprache gebaut ist, und er hat dann anhand dieser Atemlängen, Rhythmen und Melodien in Brinkmanns Sprechen sein Spiel entwickelt. So konnten wir gemeinsam, Elfi Mikesch, Eckhard Rhode und ich, Kamera, Sprache und Spiel des Darstellers in Übereinstimmung bringen.

C.B.:
Wie hat sich die Arbeit mit Maleen Brinkmann gestaltet?

H.B.:
Sie hat mir dieses Material anvertraut und uns auch mit Informationen, zum Teil auch mit Gegenständen und Requisiten geholfen. Bestimmte Kleider, die Tasche, die Brinkmann in England trägt, oder Möbel in seinem Zimmer sind Originale von Rolf Dieter Brinkmann.

C.B.:
Beruhte der Film also auch auf einem Vertrauensverhältnis?

H.B.:
Ja sicher. Maleen Brinkmann hat mir dieses Material anvertraut und es war an mir, ihr dieses Vertrauen mit einem guten Film zu vergelten. Und der Film hat ihr gefallen.


Christoph Bannat, 11.01.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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