Markus Wirthmann | Netz

Saatchi 2.0

Von der Erkenntnis, dass das Internet keine Laufkundschaft kennt

„Your Gallery ..."
www.saatchi-gallery.co.uk/your

Wahlloser Zugriff auf die Künstlerdatenbank

Als Charles Saatchi 2005 seine Galerie an der Londoner South Bank wegen Schwierigkeiten mit dem Hauswirt schließen musste und die neue Bleibe erst zwei Jahre später fertig sein würde hat er sich, so für zwischendurch, ein neues Spielzeug gesucht: Das Internet. Und zwar auf dem letzten Kenntnisstand, voll geupdated mit Social Networking und den ganzen Faxen die gerade als Web 2.0 durch die Medien wabern.

Stuart = Student´s Art ...

Unter dem Label „Your Gallery ...“ vereint die Saatchi-Website augenblicklich so ziemlich alles, was man von gruppendynamischen und ultrahippen Web-Anwendungen in die Kunstwelt übertragen kann. Mächtigstes Vehikel ist sicherlich die Künstlerdatenbank. Dort sind im Augenblick so gegen 20.000 Portfolios gesammelt, meist aus der englischsprachigen Welt und hier natürlich zum größten Prozentsatz aus Großbritannien und den USA. Hierzulande hat sich die Tatsache, dass Charles Saatchi freiwillig und kostenlos Zugang zum virtuellen Vorzimmer seiner Galerie gewährt, noch nicht so recht rumgesprochen. Obwohl Mr. Saatchi seine Internet-Scouts in die Weiten des virtuellen Raumes gesandt hat, um auch in den letzten Winkeln der nicht angelsächsischen Webwelt die frohe Kunde zu überbringen.
Kunst-Blog.com selbst wurde im Juni 2006 (wir berichteten) schon einmal Ziel einer hartnäckigen Online-Offerte. Damals schwante der Redaktion nichts Gutes, nachdem als Gegenleistung für die Umbenennung der Website in „Saatchi-Arena“ ein lumpiges und briefmarkengroßes Banner auf irgendeiner Linkseite angeboten wurde*.
In letzter Zeit häuften sich die gezielten Promo-Attacken wieder. Diesmal nahmen sich die Macher der Saatchi-Seite die noch abtrünnigen Künstler und Galeristen im Rest der Netzwelt vor und ließen auch bei aggressiver Passivität nicht locker: „I wondered if you had a chance to look at the site and upload your ... profile ... I would appreciate your feedback“ - und zwar pronto!

... und Freunde von Stuart

Jetzt könnte man natürlich die Nase rümpfen und ins Feld führen, dass es Online-Künstlersammlungen schon seit Jahren und zu Hauf gibt. Das stimmt zwar, aber Charles Saatchi sammelt nicht nur die weltweiten Künstler jeder Couleur sondern bietet auch ordentlichen Mehrwert, indem er zusieht, dass die Künstler – und vor allem er selbst - vernünftig ins Rampenlicht gebracht werden. Dazu bündelt er die Techniken wie MySpace, YouTube, Flickr und Co. und lässt so sämtliche konkurrierenden Künstler-Sammelalben in den Auspuff gucken.

Charles Saatchi schafft sich - Werbefachmann, der er ist - sein Publikum kurzerhand selbst: In einer Kunstliebhaber-Datenbank werden Kurzbio und ein paar Bilder von Leuten gesammelt, die sich auf der Galerie-Website als Kunst-Aficionados outen. In einigen Fällen lesen sich die Einträge zwar wie Kontaktanzeigen hinten im Stadtmagazin und „everything what is blowing my mind“ ist auch schon ein ziemlich tiefsinniges Statement, wenn´s um die künstlerischen Vorlieben geht, aber sei´s drum, warum soll die Kunst nicht auch noch in die letzten Winkel der Trivialität wirken. Auf jeden Fall ist hier schon mal eine prima Community gecastet, die dann die Möglichkeit erhält, sich zusammen mit anderen Usern in den Blogs, Foren und Chats über Kunst im Allgemeinen und die „Your-Gallery...“-Künstler im Speziellen auszutauschen – und natürlich immer das Ranking der Website und ihrer Datensammlung per Link zu multiplizieren.

People who like art ...

Manchmal ist´s auch schon mit einem technisch ganz einfachen Kniff getan, um die Sache für sein Publikum attraktiv zu machen: indem zum Beispiel die Portfolios der Künstler bei Aufruf der Datenbanken per Zufall rotiert werden. Man bekommt jedes mal eine andere Auswahl zu sehen, und für den Künstler nährt sich daraus die berechtigte Hoffnung, dass seine Werke, ein genügendes Publikumsinteresse vorausgesetzt, nicht ungesehen auf dem Server vergammeln. In nächster Zeit besteht dazu auch wenig Sorge: Mitte Dezember berichtete die New York Times über 3 Millionen Hits pro Tag.

Schließlich holt man sich Hilfe und Sachverstand von außerhalb der festplattenbasierten Saatchi-Kunst-Szene. Regelmäßig wälzen gedungene Kritiker und Kuratoren die Künstlerdokus auf der Suche nach Talenten um und stellen Hitparaden zusammen, die dann wieder in den Foren diskutiert, bebloggt und live, unter Umständen mit den Künstlern selbst, innerhalb ihres Portfolios bechattet werden können.

... and like him

Den vorläufig größten Coup hat Charles Saatchi im Oktober gelandet, indem er eine Truppe Kunstmarktexperten, unter ihnen die Ex-YBA-Künstler Marc Quinn und Cornelia Parker sowie jeweils einen der Mitarbeiter der Galerien „Gagosian“ und „White Cube“ bat, eine etwas längere Shortlist mit dreißig Kandidaten aus den damals nur ca. 10 000 Künstlern zusammen zu stellen. Diese Liste wurde dann wiederum der kunstinteressierten Leserschaft der Londoner Tageszeitung „The Guardian“ auf der Titelseite zum Eindampfen vorgesetzt.
Ergebnis dieser mehrstufigen Fraktionierung war eine Ausstellung, sozusagen aus Fleisch und Blut, mitten in London – und eine PR wie sie sonst nur die spektakuläreren Exponate der „richtigen“ Saatchi-Galerie verursachet hätten.
Im Augenblick läuft gerade die zweite Real-Life-Ausstellung von „Your Gallery ...“-Künstlern. Diesmal wurde der Pool nach tauglichen Positionen zum Thema Umweltschutz durchsiebt. Die Ergebnisse sind seit Januar in London zu sehen.

Vor kurzer Zeit sind zwei weitere Online-Sammlungen unter dem „Your Gallery ...“-Label ans Netz gegangen. Ebenfalls (oder augenblicklich noch?) völlig kostenlos werden Galerien jeglicher Schattierung per E-Mail genötigt, sich und ihren Künstlern eine Heimstadt in Saatchis selbst gestalteter Kunst-Kunstwelt zu basteln. Erstaunlicherweise haben die Webmaster und Online-Rattenfänger Saatchis bei den Händlern mehr Erfolg als bei den Produzenten. Noch sind nur wenige hundert Galerien online, aber darunter finden sich schon eine ganze Reihe hinlänglich renommierter Namen.

Augenblicklich letzte und wieder im englischsprachigen Raum viel beachtete Neuerung war kürzlich die Einführung der so genannten „Stuart“-Galerie. Hier wird die Arbeit von Kunststudenten (student´s art) präsentiert. Also der ganz heiße Stoff. Arbeiten, die noch ungespritzt und frei von Konservierungsmitteln, unberührt vom Kunstmarkt auf das Wachküssen durch den Märchenonkel warten.

Nach eigenen Aussagen beabsichtigt Charles Saatchi allerdings innerhalb des ersten Jahres der Stuart-Gallery keine Arbeiten zu erwerben – man kann aber annehmen, dass er sich einige Namen merken wird – und außerdem verstreicht die Schonfrist ja auch schon bald ...

*Na gut, das mit der Arena ist ein bisschen übertrieben aber der briefmarkengroße Link ist echt!

Markus Wirthmann, 16.01.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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Kommentare

Ich wundere mich nur über das (sorry) Scheißdesign der Seite von Saatchi, auch das Interface und die Nutzerführung ist völlig planlos und erst nach langem Trial und Error kommt man auf die gesuchten Seiten.

Deshalb habe ich meine schon mal schnell rausgesucht ;)

http://www.saatchi-gallery.co.uk/yourgallery/artist_profile/Hans%20Heiner+Buhr/18683.html

Und die dämliche riesige Grafik mit der Palette ist auch extrem nervend, so wie die schlechte Auflösung der Kunst nach dem Hochladen ganz stümperhaft für eine Kunstgalerie ist.

Bis bald, Euer Blog ist schon besser geworden ;)

grijsz [TypeKey Profile Page] | 17.01.07

 

Tatsächlich entsprechen alle Eigenschaften dieser durch Saatchi gestarteten angeblichen Kunstplattform ganz und gar nicht den neuen Communities, die heute als Web 2.0 gefeiert werden. Die Qualität einer selbststeuernden Gemeinschaft, die aus sich heraus Inhalte und Werte generiert, ist hier nicht im Ansatz zu erkennen, nicht mal die Absicht dazu. Denn alle besonderen technischen Merkmale der berühmten Plattformen fehlen und es existiert alles andere als eine gepflegte Kultur, wenn man sich antut die Beiträge zu betrachten.


Diese Website ist tatsächlich nur eine weitere Möglichkeit Bilder hochzuladen: in schlechter Auflösung, unterirdischer Navigation und garniert mit angestaubtem Chat. Kurz: die grottenschlechteste Möglichkeit sich zu präsentieren – darauf hat die Kunstwelt garantiert nicht gewartet, hätte ich gewettet. Und doch kommen so viele, um auf dieser URL unterzukriechen. Alles was den Unterschied macht, und das scheint allemal auszureichen, ist, dass Saatchi himself rief und alle folgen nun. Sei es, weil die sich in eine virtuelle Audienz beim Meister fantasieren mögen und sonst warum.

Nun ist Mr. Saatchi schlau genug, alle Errungenschaften, über die heute gerne und allenthalben berichtet wird, seiner Website zuzuschreiben. Alle Vergleiche, die da bemüht werden, sind, wie gesagt, schlicht falsch, aber die Halbgebildeten schreiben nach und insofern wird Saatchi von außen zugetraut, er könne hier wieder eine "Sensation" am Start haben.

Es ist doch aber komplett offensichtlich, dass der letzte, der eine Community stiften könnte, Saatchi heißt. Nirgendwo traf das besser: das hieße, den Bock zum Gärtner machen. Jeder aber, der auf sich hält, sollte der Kunst halber frei und möglichst unabhängig bleiben. Nun, das Geld regiert den Betrieb, die Freiheit der Kunst ist ein leeres Wort und Saatchi ist der Hohepriester dieser Lehre. Da ist es eine echte Freude zu sehen, dass Kunst-Blog.com diese Unabhänigkeit beweist. Und doch sollte das doch nur normal sein ...

Tatsächlich wäre Gemeinschaft, die Chance, Verbindungen herzustellen, sichtbar und hörbar zu werden, absolut elementar für Künstler und die Kunst. Und alles, was dazu beiträgt, dass nicht nur in der Nische, sondern vor den Augen der Welt die kulturstiftende Kraft der Kunst entfaltet wird, hat heute mehr als eine Chance! Die Schonfrist ist nämlich tatsächlich bald verstrichen, aber für Saatchi und Konsorten. Ich weiß, fette Worte zum Feierabend, aber ich erzähle bald, warum sich alle noch ganz schön umgucken dürfen ...

jocho [TypeKey Profile Page] | 18.01.07

 

....vorherige Kommentare - ArtGreat !
Weltkunstmedien Maximum Armin Blaess setzt neue Weltkunstmass(s)taebe - viele liebe WeltkunstGruesse & weiterhin alles Gute & viel Erfolg ! -
an das greatArt'ige - kunst-blog.com- Team, Network & Community

armin blaess [TypeKey Profile Page] | 22.04.07

 

Saatchis Showdown. Ich kann Jochen Hein nur zustimmen. Es heißt seitens der Galerie den Ball am Rollen zu halten. Und dieser rollt und rollt und rollt und wird von all den vielen namenlosen Künstlern, die auf die große Entdeckung hoffen, in Bewegung gehalten. Dafür glatte 10 Punkte. Das ist 1a-PR. Für Saatchi. Der "Kleinkünstlermarkt" auf Saatchis Seite ist leider unterwandert. Viel posing - aber vielleicht ist ja gerade das die wahre Kunst. Der Showdown jedenfalls ist eine zutiefst unsichere Angelegenheit, da das Voting unseriös abläuft und die angeblichen Sicherheitsvorkehrungen der Webmaster jeden 10-jährigen Computerfreak zum Schmunzeln bringt. Längst geknackt!

issi [TypeKey Profile Page] | 13.06.07

 

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