Christoph Bannat | Kritik
Beste Comics 2006, Chris Ware und Bardin von Max

Chris Ware ist der größte Comiczeichner des letzten Jahrzehnts. Nach der Erfindung des Autorencomics durch Robert Crumb und dessen politische Dimensionierung durch Art Spiegelmann, ist er der wichtigste Comiczeichner und Erneuerer des Autorencomics und ein fantastischer Stilist. Im Comic geht es um Typisierungen. Diese zu verlebendigen, was einem Paradoxon gleichkommt, ist die große Kunst.

Jetzt ist Chris Wares 17. Comic-Band erschienen und auch dieser Band ist - wie die vorhergehenden - einfach großartig. Diesmal wird rückwärts die Kindheit von Rusty Brown, einem infantilen Comic-Devotionaliensammler, der später (also in vorherigen Büchern) in einer vernachlässigten Kellerwohnung lebt, erzählt. Eigentlich ist über den Christ Ware von der Süddeutschen Zeitung bis zur deutschen Vogue schon alles gesagt worden. Die Geschichte des 1967 geborenen und in Chicago lebenden Chris Ware ist unter Interessierten allgemein bekannt: sein Scheidungstrauma, die Nähe zum Großvater, der in einer Druckerei arbeitete, oder seine romantische Liebe zur Ragtime Musik. Doch kaum jemand hat seine literarischen Leistungen gewürdigt. Comics müssen weder gute Literatur noch gute Kunst (im akademischen Sinne) sein, und gerade dieser vermeintliche »Mangel« macht sie zu guter Kunst. Natürlich schreibt Ware keine großartig literarischen Texte, doch kann man ihn getrost mit Turgenjew, Flaubert oder Stendhal vergleichen. Der literarische Comic wie ihn Ware entwirft, zeigt seine Protagonisten in gnadenlosem Realismus und schmerzhafter Langsamkeit. Momentaufnahmen wie sie aus dem französischen Roman Ende des 19. Jahrhunderts erstmals in Erscheinung traten. Bei Stendhal mit »Lucien Leuwen«, Gustav Flauberts »Frederic Monreau«, oder mit Hermann Melvilles »Bartleby«. Sie beobachten und analysieren, meist Menschen mit geregeltem »Auskommen« (Emanuel Bove bildet in der Literatur eine Ausnahme), in nüchternem Stil und trockener Sachlichkeit. Und dies als aufgeklärte/abgeklärte Amoralisten, die den Seelenzustand ihrer Helden wie Soziologen sezieren.
Chris Ware ist jemand, der die kultivierte Langeweile in den Comic eingeführt hat. Und wenn hier die Rede von Langeweile ist, meint das die Abwesenheit von überstilisierter Aktion. Alles in seinen Comics, und das meint Bild und Schrift, arbeitet dem Innenleben seiner Protagonisten zu; die Gefühlswelt ist seine Natur. Und es sind meist hilflose, unsympathische Loser, deren Geschichten er erzählt. Er zeigt die kindlichen Fluchtlinien, das Abdriften in Parallelwelten einer Ersatzkultur, die sich bis ins Erwachsenen-Leben fortsetzen. Die Liebe, die an mangelndem Selbstwertgefühl scheitert, und das geregelte Sozialleben, dem eine innere Leere entgegen steht. Wie einsame Moleküle kreisen seine Protagonisten ziellos im sozialen Orbit. Da erscheint die formale Machart seiner Bücher wie sein eigentliches Programm, das sagt: Es ist keine Frage was Du machst, sondern wie Du es machst. Und Chris Ware macht seine Bücher mit Liebe zu seinem Protagonisten, neuerdings auch mit offener Selbstironie, Sorgfalt und künstlerischer Hingabe.


The ACME Novelty Library von Chris Ware, englisch, ISBN 1-897299-02-8, Euro 18,95

»Götter sprechen zu Dir, der Tod spricht zu Dir, Alp-Träume sprechen zu Dir, Freunde sprechen dich an, Comicaugen sprechen mit Dir und Kunst spricht mit Dir. Das große Du, in dem das Ich sich spiegelt, ist das Andere und provoziert Fragen.« Bardin, der Protagonist des Spanischen Comic-Zeichners Max, flaniert durch die Welt und diese stellt in ihr diese Fragen. Dabei ist nicht immer klar, ob diese lediglich seiner Einbildungskraft entspringen und das Bewusstsein darüber den Bann, der von ihnen ausgeht, bricht, wenn Schein und Sein auseinander definiert sind. Also, eine sehr komplexe und philosophische Konstruktion, die Max seinen Helden Bardin nicht ohne Humor lösen läßt. Dabei macht sich der kesse Bardin auf äußerst intelligente Weise über alles lustig was an Fragestellungen sein Leben bestimmt. Angefangen bei religiösen Fragen über den Surrealismus und Brueghel bis zum dunklen Symbolismus eines Füssli. Als spanischer Künstler aus einem einem Land kommend, das so großartige Einzelgänger wie El Greco, Velasques, Goya, oder Picasso hervorgebracht hat (was meint, dass sie sich keiner Schule zugehörig fühlten), ist es Bardins Pflicht, als freier und misstrauischer Zweifler durchs Leben zu schreiten.

Max, wurde 1956 in Barcelona, Spanien geboren und arbeitet seit über 30 Jahren als Cartoonist und Illustrator.

Sammelband: Bardin the Superrealist, Max, englisch, Fantagrafics ISBN-10: 1-56097-750-0, US-$ 19,95.

Christoph Bannat, 13.02.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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