Christoph Bannat | Interview
Dieter Roth-CD
Herausgegeben von Wolfgang Müller/Barbara Schäfer

Wolfgang Müller ist ein bunter Hund, eine Promenadenmischung, ein Bastard. Kein Alpha-Männchen und keiner der im Rudel läuft. Ein Fährtengänger - nicht einsam, aber auch keiner festen Gruppierung zuzuordnen. Kein Beißer aber ein Kläffer der sich lauthals wehrt. Einer der den Schwanz nicht einzieht und klein beigibt, egal gegen wen. O.K., Tiervergleiche sind immer peinlich, aber reizvoll. Wolfgang Müller ist natürlich ein Mensch; einer der zwischen den unterschiedlichsten Medien und künstlerischen Taktiken switcht, der schreibt, musiziert und malt oder skulptural arbeitet wenn es der "Sache" dient. Die "Sache" ist jetzt eine CD mit eingespielten Dieter Roth-Gedichten.
Musikalisch interpretierte Gedichte von Dieter Roth, hört sich nach “Kunstmusik“ an und stimmt zunächst skeptisch, bilden Musik und Kunst doch (und das nicht erst seit Nietzsche und Schopenhauer) ein konträres Bruderpaar. Doch Wolfang Müller ist mit dieser CD ein feines Stück guter Unterhaltung gelungen. Musikalisch im Post-Retro-Velvet-Underground-goes-Elektro-Stil gehalten, erlebt der Hörer jenen elementaren Spaß den man hat, wenn man Leuten beim gemeinsamen Musizieren zuhört. Besonders dann wenn die Musik, wie hier, frisch und unverbraucht klingt.
Christoph Bannat (C.B.): Sie haben das Buch von Dieter Roth „Frühe Schriften und typische Scheiße - 1975 vorm einstampfen bewahrt und in zusatzumschlag herausgegeben von edition hansjörg mayer stuttgart london reykjavik“ 1981 auf einem Ramschtisch am Ku'damm entdeckt. Können Sie sich noch erinnern was Sie gereizt hat das Buch zu kaufen?
Wolfgang Müller (W.M.): 1981 klang ein Titel wie „Typische Scheiße“ viel frischer und zeitgemäßer als zum Beispiel die aktuellen Buchtitel von Günter Grass, Heinrich Böll oder Martin Walser. "Typische Scheiße", das klang nach Punk in dessen Umfeld ich mich damals bewegt habe.
C.B.: Wie sind Sie auf die Idee Dieter Roth Gedichte singen zu lassen gekommen?
W.M.: Grundsätzlich habe ich ein Problem mit Hommagen in der klassischen Form der Heldenverehrung. Gerade bei Dieter Roth, der sich selbst immer demontiert hat, ist das eigentlich absurd. Doch Popmusik, die ja sozusagen minderwertige „U-Musik“ im Kunst-Kontext darstellt, könnte in diesem Zusammenhang ja Sinn machen. Außerdem ist es ein Genre, das sich sofort anbietet, wenn man die Gedichte aus dem Buch sieht. Oswald Wiener, der ja ein Künstlerkollege von Dieter Roth war, lud mich vor einigen Jahren ein, an einer Veranstaltung von „Selten gehörte Musik“ als Musiker teilzunehmen, die fand dann im Millowitsch-Theater in Köln statt. Dort musizierten erstmals Frauen wie Valie Export und Ingrid Wiener mit. Ich kannte die Live Plattenaufnahmen von „Selten gehörte Musik“-Veranstaltungen von früher. Die klingen immer so nach Zusammenkünften von Männern, die zur Lockerung etwas gesoffen haben, Frauen kommen da meist nicht vor, Schwule auch nicht. Ich dachte, dass es interessant wäre die wunderbaren Texte von Dieter Roth in andere Bereiche hineinzutragen, sie von Musikern interpretieren zu lassen, die keinen unmittelbaren Draht zu dieser speziellen Kunstszene haben. Ich war neugierig darauf, was dann passieren würde.
C.B.: Leute aus dem Popmusikbereich?
W.M.: Ja, doch zuerst dachte ich die Texte nur von Frauen, oder von Männer mit extrem tuntigen, „effeminierten“ Stimmen sprechen zu lassen, um zu zeigen, dass Dieter Roths Gedichte von allen gesprochen werden können. Sie sind eben immer gut!
C.B: Ich möchte gern auf eine Andeutung von Ihnen zurück kommen. Sie haben erwähnt, dass eine Zweitverwertung in Form einer Hommage Ihnen erst einmal Kopfzerbrechen gemacht hat. Können Sie das noch genauer sagen?
W.M.: Zeit seines Lebens hat Dieter Roth sich gegen alle Arten der Vereinnahmung und Einordnung und Formen der Konsumierbarkeit gewehrt. Sein Thema war das Scheitern und Verweigern. Darin war er extrem produktiv, er entwertete seine eigene Arbeit durch Überproduktion. Dazu eine Hommage zu gestalten, scheint zunächst absurd. Da stellt sich mir die Frage, wie kann man für eine solche Haltung eine passende Form finden? Wie lässt sich eine Hommage gestalten, von einem der schon immer sein Leben und Scheitern, sein sogenanntes - denn er ist ja überhaupt nicht gescheitert, was das Scheitern tragischerweise gleich verdoppelt - selbst thematisiert hat und der Hommagen gewiss lächerlich fand?
C.B.: Wie kommt es denn überhaupt zu einer Hommage, hätten Sie nicht etwas anderes machen können?
W.M.: Die Anfrage kam von Barbara Schäfer vom Bayerischen Rundfunk. Zwei andere Autoren und ich sollten unabhängig voneinander an eine Hommage von Dieter Roth gehen. Das ist eine wunderbare Herausforderung. Den meisten Popmusikern, denen ich die Texte gezeigt habe, war Dieter Roth überraschender Weise bereits ein Begriff. Das hätte ich nicht unbedingt vermutet. Und die Texte wurden von den Musikern sofort begeistert aufgenommen. Viele Texte wirken so, als hätte Dieter Roth bereits in den frühen 70er Jahren Texte für Popbands wie Namosh, Andreas Dorau, Mutter und Stereo Total geschrieben.
C.B.: Wie seid ihr dann vorgegangen?
W.M.: Wir haben uns die Texte gemeinsam angesehen und ausgesucht. Das ist ein schöner Dorau - Text, das ein schöner Namosh - Text. Namosh, der ja ursprünglich aus Süddeutschland kommt, kannte beispielsweise die Figur des Gogo, die im Roth-Text vorkommt. Seine Mutter hat ihm als Kind gedroht: „Wenn Du nicht artig bist, dann kommt der Gogo und holt dich!“
C.B.: Gedichte haben ja immer schon einen eigenen Sound, ist es da nicht vermessen diese zu vertonen?
W.M.: Das ist ja genau das, sie haben einen eigenen Sound und man braucht eigentlich keinen Interpreten, der das wiederholt. Bei einem Popsong ist das anders. Literaturvertonungen, ein Rezensent hat dazu mal geschrieben, seien meist scheußlich, so etwas wie „die weißen Tennissocken in den Literatur“. Diese Vertonung aber sei gelungen und sehr angenehme Tennissocken. Popmusik hat eben nach wie vor kein hohes Image oder Ansehen und wird in der Hochkultur nicht wirklich ernst genommen. Gerade das passt sehr gut zu Dieter Roth. Dabei merkt man auch wie viele Konventionen es nach wie vor gibt, gegen die sich Dieter Roth immer auch gewehrt oder die er ignoriert hat. Es gab eine andere Rezension, in der der Rezensent das Fehlen von Thomas Kapielski auf der CD beklagte. Aber gerade hier hätte ich ihn für „zu passend“ gehalten.
C.B: Das verstehe ich, aber halten Sie Thomas Kapielski für Hochkultur?
W.M.: Natürlich, auch wenn er zur Wahl Angela Merkels aufrief, so repräsentiert er in der Gesellschaft weiterhin das Bild des ironisierenden Kunstzerstörers und radikalen In-Frage-Stellers. Genau wie der bekennende Katholik und Beitrag zahlende Kirchenmitglied Christoph Schlingensief oder der aktuelle B.Z.-Kulturpreisträger Jonathan Meese, der erfolgreich als Rebell vermarket wird. Sie stehen für Avantgarde, oder experimentelle Musik. Männer, die die Form zertrümmern.
C.B.: Im Sinne von Ernst Jandl und Peter Brötzman, oder Albert Mangelsdorff, also Leute die an der Zerstörung von bürgerlichen Vereinbarungen, oder Codes, interessiert sind und bereits als role models gehandelt werden?
W.M.: Die sind noch woanders. Nun, den Frieder Butzmann habe ich nicht nach einer Vertonung gefragt, obwohl ich seine Musik bewundere. Bloß, die hätte in diesem Fall einfach zu gut gepasst.
C.B: Sind die Musiker alle aus Ihrem persönlichen Umfeld?
W.M.: Nein. Aber wenn ich Musiker und ihre Musik schätze, lerne ich sie halt sowieso irgendwann kennen. Neu kennen gelernt habe ich bei dieser Produktion die isländische Band Trabant.
C.B.: Gab es eine Art Kontrolle der Musik ihrerseits?
W,M.: Nein. Natürlich hab ich gehofft, dass es keinen Ausrutscher gibt, ein Missverständnis, also etwas was meiner ursprünglichen Intention total widerspricht. Anderseits sind die eingeladenen Musiker für ihre Qualität bekannt. Um so erfreuter war ich, als ich die Songs dann gehört habe. Alle Tracks sind hervorragend, nichts bricht irgendwie ein.
C.B.: Gibt es eine Idee da weiter zu machen, auf Tournee zu gehen etc.?
W.M.: Im April wird das Walther von Goethe- Quartett Musikunterricht in der Akademie der Künste-Berlin geben. In diesem Zusammenhang gibt es auch Tonbeispiele der Dieter Roth Texte.
C.B.: War diese Arbeitsform des Kuratierens für Sie eine neue Form?
W.M.: Ich hab ja schon in vielen Zusammenhängen mit Leuten gearbeitet, mit der „ Tödlichen Doris “, oder mit John Henry Nyenhuis, dem Pianisten der Volksbühne-Berlin. In diesem Sinne war es keine neue Erfahrung. Bei dieser CD war es nun so, dass ich die Möglichkeit hatte auch andere Leute die ich sehr schätze einzuladen – Künstler, die ich auch als Popmusiker schätze.
C.B.: Können Sie sich vorstellen Ton - Hommagen zu anderen Künstlern, wie vielleicht Martin Kippenberger zu machen?
W.M.: Also bei Kippenberger finde ich die Texte für Popmusik erst einmal nicht so geeignet. Vorstellen kann ich mir natürlich alles, dann aber vielleicht in einer anderen Form. Ja, auch Vertonungen der Texte von Künstlern, die ich nicht gut finde. Bei Dieter Roth war klar, vom ersten Moment an, dass seine Texte sich extrem gut für aktuelle Popmusik eignen.

Gedicht von Dieter Roth, Booklet der CD.
„Dieter Roth Orchester spielt kleine Wolken, typische Scheisse und nie gehörte Musik“
Mit: Armand & Bruno, Andreas Dorau, Ghostigital, Khan, Max Müller, Mouse on Mars, Mutter, Namosh, Stereo Total, Trabant, Úlfur Hródólfsson, Walther von Goethe Quartett, Wollitas und Wolfgang Müller.
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Christoph Bannat, 09.02.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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