Max Glauner | Essay

Palimpsest 0701 - 02 KunstReligion Teil 1

Das Verhältnis von bildender Kunst und Religion ist im gegenwärtigen Kunstbetrieb keineswegs geklärt

Auf seiner zweiten Betteltour an die Fürstenhäuser Italiens und Frankreichs hatte Balduin II, Kaiser von Byzanz, ein paar ganz besondere Stücke im Gepäck: Teile des heiligen Kreuzes, die Spitze der Lanze des Longinus, sowie die Dornenkrone des Erlösers. Zur Finanzierung seines maroden Staatshaushaltes veräußerte er die Reliquien an Ludwig IX., den Heiligen, von Frankreich. Dieser ließ den kostbaren Artefakten ein besonderes Schatzhaus bauen, geweiht 1248: Die Sainte-Chapelle in Paris.

Die Kapelle hat ihre Schaustücke längst verloren. Dennoch bilden sich davor heute täglich lange Schlangen. Gegen den stattlichen Obolus von siebeneinhalb Euro will das lichtdurchflutete Kleinod bestaunt werden, als wäre die Erlösungsmächtigkeit der arma christi auf den Bau selbst übergegangen.

Wie viel Ludwig der Fromme an Balduin II. für die antiken Marterwerkzeuge zahlte, ist nicht überliefert. Doch die Wertschätzung von ein paar Holzstücken und im Kreis geflochtener Dornen ist heute kaum mehr nachvollziehbar, - sieht man einmal davon ab, dass Reliquien- und Bilderverehrung innerhalb der spätmittelalterlichen Gesellschaft durchaus eine sinnvolle Funktion der Repräsentation und damit der Machterhaltung erfüllten.

In der aufgeklärten Moderne hat solche Idolatrie nichts mehr zu suchen: "Mögen wir die Griechischen Götterbilder noch so vortrefflich finden" bemerkte schon Hegel in seiner Ästhetik, "und Gottvater, Christus, Maria noch so würdig und vollendet dargestellt sehen - es hilft nichts, unser Knie beugen wir doch nicht mehr." Sicherlich wird heute kaum einer mehr an einen Museumsbesuch und den Kunstgenuss unmittelbare Heils- oder Jenseitserwartungen knüpfen. Doch ganz so profan, wie uns die Bemerkung Hegels nahe legt, ist das Verhältnis zum Kunstwerk auch in der Postmoderne nicht. Bei aller Verweltlichung der ästhetischen Sphäre hat sich im Feld der Kunst eine religiöse Praxis erhalten. Die Ehrung Hermann Nitschs mit einer Aktion im Wiener Burgtheater und mit einer Retrospektive im Berliner Martin-Gropius-Bau oder Christoph Schlingensiefs "Church-of-Fear"-Veranstaltungen sind dabei nur die Oberfläche.

Auf internationalen Kunstauktionen werden heute dreistellige Millionenbeträge für ein Stück Leinwand mit Ölfarbe erzielt. Der Wert eines Gemäldes von Klimt, Schiele oder Picasso dürfte kaum unter dem Preis eines der heiligen Mitbringsel Balduins II. liegen. Kunstwerk und Künstler werden verehrt, als handle es sich um Heilige und ihre Hinterlassenschaften. Bei jedem Museumsbesucher ist heute zumindest da ein Rest religiöser Devotionspraxis zu beobachten, wenn er sich zu dem Schildchen mit Werktitel und Künstlername neigt. Und hat er sich nicht, bevor er ins museale Allerheiligste eintrat, wie der Kulturtourist an der Saint-Chapelle schon Stunden vorher in eine Schlange eingereiht, die an kirchliche Bitt- und Bußprozessionen früherer Zeiten erinnert? Das körperlich anstrengende Ritual wiederholt sich nach der Berliner MoMA-Schau in steter Regelmäßigkeit und scheint für den Einzelnen den "Event"-Charakter mehr noch als die Kunstbetrachtung zu bestimmen. Es hat auch schon immer die Kongregationen gegeben, die durch Geld oder bessere Positionierung im sozialen Feld an den Schlangen vorbeikamen, um des durch Reklame und Präsentation aufgeladenen Objektes exklusiv ansichtig zu werden.

Max Glauner, 05.02.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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