Max Glauner | Essay
Palimpsest 0701 - 03 KunstReligion Teil 2

Reliquienverehrung, Kunstbetrachtung und die Entrückungen des
Künstlerheroen
Kulturhistorisch betrachtet, lässt sich die Perspektive einnehmen, nach der das Heilige, wie es sich in Holzstückchen und Dornenkrone Ludwig IX. manifestierte (siehe Palimpsest 0701 02), nicht vergangen ist, sondern als Verschobenes, Verborgenes, Verdrängtes und Vergessenes gegenwärtig bleibt. Im Feld der Kunst zumal: In der Aura des Kunstwerks fände sich jene spirituelle Erfahrung des Religiösen, in der das Transzendente im Immanenten, das Immanente in seiner Transzendenz erfahren wird.
Künstler und Kunstwerk konnten daher schon zu Beginn der Neuzeit mit
der Säkularisierung das zunehmende Vakuum des Sakralen besetzen. In
seinen Viten vermochte der Maler und Künstlerbiograph Giorgio Vasari
1550 unter anderen die Kollegen Raphael, Michelangelo und Titian als
"sterbliche Götter" zu stilisieren. Der Gestus der imitatio christi,
mit dem sich der Künstler als gottgleicher Schöpfer darstellt,
begegnet einem allerdings schon bei Albrecht Dürer. Sein Selbstbildnis
im Pelzrock 1500 in der Münchner Pinakothek inszeniert ihn
christusgleich: En face mit Bart, gescheiteltem Haar bis auf die
Schultern, blickt uns das vera ikon, das wahre Bild, eines
Erlösungsmächtigen entgegen. Die Überhöhung des Malers zum Heiligen
hat seine Entsprechung im Material: Dürer vermerkt auf der
Lindenholztafel, das Bild sei "coloribus aetatis", "mit ewigen
Farben", gemalt. Gottebenbildlichkeit und Ewigkeit des Materials
behaupten den transzendenten Gehalt des Kunstwerks, das Spirituelle im
Diesseitigen.
Die gottgleichen Heroen der Renaissance geben auch dem Geniekult und
den Künstlerreligionen des 19. Jahrhunderts das Programm vor. "Worauf
bin ich stolz - und darf ich stolz sein als Künstler?", fragt sich der
Romantiker Friedrich Schlegel um 1800 und gibt gleich die Antwort,
"auf den Entschluss, der mich auf ewig von allem Gemeinen absonderte;
auf das Werk, was alle Absicht göttlich überschreitet; auf die
Fähigkeit, was mir entgegen ist, anzubeten."

Von Wackenroder über Wagner bis zur Weihedichtung
nationalsozialistischer Thingspiele, von Schinkel über Bruno Taut bis
Speer müht man sich um eine Gemeinde bildende Kunstpraxis. Die mehr
oder weniger großen Gruppierungen scharen sich dabei um ein
Künstlergenie, umgeben von der Gloriole eines Heiligen oder seines
Apostels. Allzu häufig tritt dabei die Kunst mit dem totalitären
Anspruch auf, einen besseren Menschen zu bilden - am Ende bereit dafür
zu segregieren, auszumerzen, um Willen der Gemeinde das "Gemeine" zu
tilgen. "Die Kunst ist eine erhabene und zum Fanatismus verpflichtende
Mission", verkündete Adolf Hitler.
Max Glauner, 08.02.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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