Gastbeitrag | Kritik

Todesendprodukte

von Nina Hoffmann

Förderpreis Bildende Kunst der Schering Stiftung 2007 / Skulptur
Berlinische Galerie
19. Januar bis 9. April 2007

Gelangt man in die hinteren Räume der Berlinischen Galerie wendet der Blick sich automatisch nach links und der Mund klappt nach unten. Feuerstelle, liest man, nach dem ersten Staunen, auf dem Namensschild, von Jan Bünnig. Libido, Eros, Vulkan, Kristall, Wachstum und Schönheit. Sucht man Schönheit bei Wikipedia, wird einem das Unbehagen bei der frei herzigen Äußerung dieses Wortes sofort theoretisch bestätigt. „Seit der Moderne ist die Kategorie der Schönheit auch für die Kunst kritisch angefochten. (...) Alternative Ästhetiken wie das des Erhabenen, Hässlichen, Interessanten oder Authentischen ersetzen in der Kunst der Moderne zunehmend das Schöne, von dem man sich keinen Begriff mehr machen kann.“

Die Ausstellung anlässlich der Schering Preisverleihung ist nicht geglückt, fast alle Teilnehmer werden als Repräsentant in eine Ecke des Gestaltdiskurses gedrängt und kommen da nicht mehr raus. Jan Bünnig ist in diesem Debakel der Materialtyp. Das könnte man denken - würden die von ihm ausgestellten Arbeiten nicht weit mehr ausfüllen als Materialbeherrschung. Skulptur kann so hingestellt und tot aussehen wie kaum ein anderes Medium; dieses Dilemma ist mit Entertainmentskulpturen nicht gelöst.

Jan Bünnigs Arbeiten jedoch sind explizite Todesendprodukte, Verweise auf eine Maßnahme, Spuren von im Kreis laufen, Beton streuen und besprühen. Was später ausgestellt wird ist der Beweis einer Leidenschaft, ein Schritt zwischen Anfangen und Weitermachen. Es ist so als ob man dem Transport des Koloss von Rhodos beiwohnen würde, ein Form- und Schweremoment, der durch die Städte walzt. Die Feuerstelle brennt einerseits unzerstörbar und erlischt im anderen Moment wenn die Türen zur Ausstellung geöffnet werden; ohne pathetische Nachwirkung. Bünnigs Feuerstelle steht auf einem Teppich und verweist auf einen Zufallsaugenblick wie er auch in unserem Alltag auf- und wieder abtauchen könnte, flüchtig, einen Dichtegeschmack hinterlassend.

Katzenschwanz, eine weitere „Skulptur“ Bünnigs ist ein buschig kristallines Ding, das sich an einem blauen Kindertisch angesaugt hat. Es verweilt dort in einer fast hinab rutschenden jedoch starren Position und zänkisch ist man ganz nah an Tierinstinkten dran, Streicheln, Stacheln und Kuscheln, alles gleichzeitig. Man stellt sich vor wie es wäre das Ding in der Hand zu halten und es hätte exakt das Gewicht eines überfressenen Katers.

Jan Bünnig gibt uns einerseits genau Körperlichkeiten vor, jedoch nur um alles am Ende vage zu halten, auch und vor allem die Bedeutung des Objekts an sich. Bei Bünnig ist das Objekt der Verweis auf das agierende Subjekt. Damit ist nicht der genialische Künstler im Schaffens- und Formenwahn gemeint, und nicht die Auswege des Betrachters, sondern die Handlung, das Stehen im Schlamm und die klobig verklebten Gummistiefel danach; Milchtüten in der Hand, Katzen streicheln, Holz aufschichten, Flummis werfen.

Man kann/darf sich keinen Begriff mehr machen von der Schönheit; das stimmt und ist doch vergebliche Deckung gegenüber Bünnigs Arbeiten. Platon bereicherte das Wort Schönheit: schön ist gut. „So wird versucht dem Begriff Schönheit eine allgemeine, zeitübergreifende Bedeutung zu geben. Auf diese Weise können auch Dinge schön sein, deren Auswirkungen aus menschlicher Sicht alles andere als gut sind“ (Wikipedia), Lawinen zum Beispiel, Geröllmassen, Wattenmeere. Was bleibt ist das Bedürfnis zu benennen, was uns bei Bünnigs Arbeiten so vehement ins Innere trifft.

Den Förderpreis für zeitgenössische Skulptur bekam die Künstlerin Nairy Baghramian. Ein Preis für Skulptur eben, kein Förderpreis für umfänglichere Positionen der zeitgenössischen Kunst. Eine Kommission sitzt natürlich in der Enge eines temperamentlosen Resultats für die letztendliche Preisvergabe, wenn veralteten Wertbestimmungen der kanonischen Skulptur Platz gemacht werden, dem Objekt, dem Resultat. Haltung und Handlung sind immer noch schwerer zu prämieren; das wird auch deutlich an den Arbeiten der Mitbewerber Thorsten Brinkmann und vor allem denen von Michael Sailstorfer und Marco Schuler.

Gastbeitrag, 21.02.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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