Christoph Bannat | Kritik
Verfeinerte Planspiele im BDI
Thomas Ravens
Zentrale 17
Haus der Deutschen Wirtschaft - Kunstfenster, Berlin
14.02.2007 bis 31.11.2007

„Eine Mauer kann etwas Schönes sein, diese müsste nur 5 Zentimeter höher“, so Joseph Beuys beim Anblick der Berliner Mauer. Mit diesem Spruch kennzeichnete er die Nahtstellen zwischen Politik, Architektur und Ästhetik. Einen anderen Vorschlag zur Architektur machte Wenzel Hablik, Mitglied der „Gläsernen Kette“, in den 10er Jahren des letzten Jahrhunderts: 10 Millionen Männer nur 1 Jahr Kriegsdienst, warum nicht 10 Mill. Jahre „Krieg Arbeit positiver Art"? Arbeiten an neuen Bauproblemen.

Das Erregende an Architektur ist, dass sich in ihr die Wege des Sozialen kreuzen und Politik sich ästhetisch manifestiert. Wer also mit architektonischen Codes spielt, bewegt sich zwangsläufig in diesem Spannungsfeld. Der Berliner Künstler Thomas Ravens spielt mit solchen Codes im „Bundesverband der Deutschen Industrie“ (BDI). Im sogenannten „Kunstfenster“ hat er ein Wandbild mit dem Titel „Zentrale 17“ gestaltet. Auf diesem zitiert er Architekturen aus verschiedenen Jahrzehnten und Ländern und montiert sie, gemeinsam mit selbstentworfenen fantastischen- und realen Entwürfen, zu einem Gesamtbild. Dabei beweist er ein feines Händchen für Übergänge, Proportionen und Verweisstrukturen. Nach wochenlanger Recherche rund um das BDI-Gebäude bis hin zum Alexanderplatz sowie zur Wettbewerbsgeschichte diesen Innenstadtbereich betreffend, hat er eine spannende Gratwanderung zwischen Zitaten und künstlerischer Handschrift gefunden. Thomas Ravens verstärkt das Hochformat der Wand und hebt es gleichzeitig auf. Er steigert die vorhandenen Proportionen, die den Betrachter zunächst schrumpfen lassen, und lädt sie zusätzlich mit stalinistischen Gebäudezitaten auf. Er gibt der archetektonischen Machtdemonstration noch einen Sockel, den er mit dem Stahlgerüstraster vom „Palast der Republik“ ziert und entzieht diesem den Boden. Das Ganze deckelt er himmelwärts mit einem angedeuteten Oberlicht, so dass ein Atrium entsteht, das dem monumentalen Entwurf die Rolle eines überdimensionierten Modells zuschreibt. So wandert der Blick des Betrachters durch diese Architekturen und ist sich nie sicher auf welcher Ebene er sich gerade befindet. Die Sogwirkung der Zentralperspektive zieht einen ins Bild, während der Verstand sich dagegen wehrt dies unsichere Terrain zu betreten.
Thomas Ravens hat es hier auf intelligente Weise geschafft die unterschiedlichen Folien von Architekturbetrachtung und Wirklichkeitsebenen miteinander zu verknüpfen, ohne dass das Bild in einzelne Anekdoten zerfällt, und ohne dabei seine künstlerische Linie, die bis jetzt ihre Stärke in kleinformatigen Aquarellen fand, zu verlieren.
Und, bei aller Zitatenfülle, vergisst Thomas Ravens den ihn umgebenden Raum nicht. Der ins Wandbild verlängerte Stahlträger der Galerie ist da nur ein formaler Trick. Tagsüber zeigt sich seine Recherchearbeit in ganz anderer Form, wenn, durch die Kunstfensterfront gesehen, die gerasterte Fassadenlandschaft der Leipziger Straße sein Bild in die Jetztzeit verlängert.
In diesem vielschichtigen Spiel entfesselter Proportionen und aufgeladener Bedeutungsebenen wirkt die menschliche Staffage der Zeichnung wie das in den Bildraum verlängerte Selbst des Betrachters - etwas verloren, wenn auch nicht allein.

BDI- Kunstfenster von der Breite Strasse aus gesehen.
Ausstellung vom 14. Februar bis November 2007

Der Künstler Walter Womacker stellt das Architekturmodell für die künstlerische Gestaltung des Alexanderplatz in Berlin vor.Anwesend: Walter Ulbrich, Erich Honecker, Lotte Ulbrich, Günter Mittag, Willi Stroph u.a. 1968
Haus der deutschen Wirtschaft im BDI, Breite Strasse 29, 2.O.G., 10178 Berlin, Wochentags 9-17 Uhr nach telefonischer Anmeldung: 030 20281531
Um hier ausstellen zu dürfen muss man vom Kulturkreis der deutschen Wirtschaft im BDI e.V. eingeladen werden.

Wenzel Hablik, Radierung aus den 10er Jahren des letzten Jahrhunderts
Christoph Bannat, 14.02.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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