Markus Wirthmann | Kritik
Beim Bart des Architekten
Les Schliesser
Alte Arbeiten
9. März – 21. April 2007
Galerie Jesco von Puttkamer, Berlin

Ausgehend von der Architektur des Rotaprint-Gebäudes in Berlin-Wedding, in dem Les Schliesser schon seit Jahren arbeitet, und dem Lebenslauf des Architekten Klaus Kirsten entwickelt sich die Ausstellung nach hinten, chronologisch gesehen. Die Architekten-Biografie existiert genau besehen überhaupt nicht - und das verwundert doch denjenigen außerordentlich, der schon einmal dieses exaltierten, irgendwie zwischen Bauhaus, russischem Konstruktivismus und Coop Himmelblau schwebenden Bauwerks ansichtig geworden ist.
Les Schliesser legte in Vorbereitung der aktuellen Ausstellung die natürlich schon lange recherchierten – wen würde als Nutzer einer skurrilen Immobilie ihre Geschichte nicht interessieren? – Fakten beiseite und entwickelte eine fiktive Lebensgeschichte, oder besser gesagt, er entwickelte einen besser passenden, weil dem Multi-Stil der Immobilie entsprechenden Architekten.

Dieser trägt Spitzbart wie Trotzki oder Lenin oder jetzt der Künstler selbst und kleidet sich in eng geschnittenem Anzug irgendwie ungreifbar oszillierend zwischen den schwarz-weiss fotografierten Zeitläufen.
Überhaupt nähert sich der Künstler der Figur des Architekten und seiner erdachten Arbeitsweise bis zur Verschmelzung an. Fotografien belegen die Zeitgenossenschaft des Architekten/Künstlers/Schliessers mit den großen der Welt/Kunst/Architekturgeschichte. Der spitzbärtige Avatar taucht als Fotomontage wie Woody Allens chamäleonhaftes Alter Ego Zelig immer wieder in historischen Aufnahmen auf, um seine Zeitzeugenschaft zu belegen.

Dazwischen sind die "Alten Arbeiten" zu sehen: ein wenig Malerei, Hobby des Architekten - aber angemessen groß und informel, ein Modell, welches das Grundmotiv des Rotaprint-Gebäudes aufnimmt aber offenbar während eines Workshops in Zusammenarbeit mit Hans Scharoun und Frei Otto entstanden sein muss. Wichtigste Arbeit ist "The FourDimensional Architect", eine surreal-dokumentarische Videoproduktion, die den Architekten durch die Entwicklungsprozedur für was-auch-immer begleitet, seine Gedanken visualisiert und schließlich beobachtet, wie er sich verdoppelt und sich selbst in die Quere kommt.

Das architektonisch-künstlerische Spiegelkabinett findet in der Ausstellungsarchitektur, die in der Hauptsache von einem klotzigen, eine Koje der Galerie komplett blockierenden Riegel gebildet wird, seine Bindung in die Gegenwart: in ihrer ganzen Inszenierung wirkt sie wie Gegenstück und Ergänzung zur kürzlich zu Ende gegangenen Ausstellung "Graftworld" in der Architekturgalerie Aedes. Graftlab ist bekanntlich das vom Regierenden Bürgermeister Wowereit für den Bau einer temporären Kunsthalle auf dem Schlossplatz präferierte Architekturbüro.

Die Ausstellung hält was sie verspricht: keine neuen Arbeiten aber eine Art Meditation über Verschwinden, Lücken und Wiederholung, Fallstricke und Schleifen - für Freunde des Sudoku in der Kunst.
Markus Wirthmann, 12.03.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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