Markus Wirthmann | Kritik
Bondage Dungeon meets Margarete Steiff
Caro Suerkemper
Gebrannte Kinder
filiale berlin
3. März – 5.April 2007
Filiale Berlin ist eine Kooperation der Galerie Conrads aus Düsseldorf und der Galerie Römerapotheke, Zürich. Ende letzten Jahres eröffneten beide Galerien ihre Dependance in der Brunnenstaße in Berlin mit einer Gruppenausstellung. Nachdem die Düsseldorfer Fraktion ihre erste Soloshow absolviert hat, ist nun die Römerapotheke dran.

Mit Gebrannte Kinder stellt Caro Suerkemper eine Serie von Arbeiten aus, die in ähnlicher Inszenierung bereits im Dezember in Zürich zu sehen war.
Devote Mädchen aus feinem Biskuitporzellan knien in eindeutig uneindeutiger Stellung, um vom Herrn Pfarrer den Segen zu empfangen. Auf etlichen Porzellanvasen und -tellern winden sich verschnürte Niedlichkeiten neben Trachtenfrauen und strengen Ordensschwestern, umkränzt von mäandernden Bändern dienstfertiger Hände, um noch mehr zu bändigen und zu verschnüren. Die gleichen, zwischen Päderastie und Fesselfetisch changierenden Dämchen bevölkern auch die zahlreichen Aquarelle und Zeichnungen in der Ausstellung. Alles fein angerichtet auf pastellfarbigen Etageren.

Die Figuren haben wenig Zeitgenössisches. Sie verweisen mit ihrer Comicheftchenästhetik und ihren stereotypisierten Gesichtszügen auf Hanni und Nanni, Tim und Struppi – heile Welt der fünfziger und frühen sechziger Jahre. Einer Zeit in der ganz hinten in Frauenzeitschriften Vibratoren von schwarz-weiss gezeichneten Reklamedamen zur Wangenmassage benutzt wurden. Die Fesselspiele bekommen dadurch etwas süßlich spießiges. Wie die Almdudlerpornos aus den Vorstadtkinos der siebziger Jahre. Nur nicht so unkorrekt und unfreiwillig komisch – und nicht so quietschig bunt, es sind eben die Wirtschaftswunderwelten, in denen Caro Suerkemper sich bewegt. Und die waren entweder pastellig oder schwarz-weiss wie das Fernsehprogramm.

Die verwurschtelten Schwabenmägdlein auf den Aquarellen und Porzellanvasen riechen förmlich nach Nivea. Das unentschiedene Lavieren zwischen Ironisierung katholischer Spießigkeit und sexuellem Fetisch lässt Caro Suerkempers Arbeiten zum schön gemachten, trotzdem lauen Herrenwitz gerinnen.

Das fällt besonders ins Auge, wenn man sich den großen Schaufenstern zuwendet und der Blick in die immer noch ziemlich nachwende-räudige Brunnenstraße fällt. Schräg gegenüber ein evakuierter Pornoladen, linker Hand Weinbergspark mit Dealertreff und Dosenbierbude, Investitionsruine, Trödler und Umsonst-Laden. Daran bricht sich die schöne sanfte Fetischwelt in der Galerie und man wünscht sich eine winzige Prise Araki – oder gleich Hannibal Lector.

Markus Wirthmann, 10.03.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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