Adib Fricke | Sonstiges

Kippi, Kippi

Das Kunstmagazin Monopol widmet Martin Kippenberger das Schwerpunktthema seines aktuellen Heftes: Kippenberger Total. Wie »total« das Heft bezogen auf den Künstler dann auch sein mag - vor zehn Jahren verstarb Kippenberger und heute boomt der Markt mit seinen Arbeiten. Glücklich, wer (noch) Arbeiten von ihm hat und sie nach allerlei aufwertenden Ausstellungen und Publikationen dem gierig nach Kippenberger gewordenem Markt anbieten kann. Auch glücklich, wer als Weggefährte des brillanten Rhetorikers gilt. Künstlerkollegen und Freunde erinnern sich im Heft in einer »Gesprächscollage« von Max Dax: Er hat sich zum Mittelpunkt der Welt gemacht.

»Es war von Anfang an klar, dass Martin Künstler wird«, sagt die Schwester. »Er hat ja nicht wie andere Jungens mit Autos gespielt, sondern immer gezeichnet.« »Noch bevor er offiziell zum Künstler wurde, hat er bereits alles, was er tat, akribisch dokumentiert«, sagt Designerfreundin Claudia Skoda und fährt fort: »Als ich Martin Mitte der Siebziger auf Ibiza kennenlernte, war er bereits von der Kunst besessen.« Skodas Kippenberger-Freundschaft war so groß, dass diese in Artikeln über die Modedesignerin gleich auch noch mit erwähnt werden muss, weil es gut fürs Image zu sein scheint (z.B. »She partied with Bowie and Iggy Pop ... has the ear of some of the most influential artists of our time, such as Martin Kippenberger ...«, http://www.secondcitystyle.com/node/408) Auch Malerkollege Werner Büttner sieht Kippenberger als einen ganz besonderen Menschen: »Martin war ein Spezialfall. Der konnte nichts anderes machen. Der konnte nur Künstler sein – und das Tag und Nacht.« Bei soviel Geniekult kann Jeff Koons – fast schon ehrfurchtsvoll – nur noch anmerken, dass sich Kippis Arbeiten »immer um die unmittelbare Gegenwart« drehten. »Er thematisierte den Moment wie kein Zweiter.«

Ein Bericht über die Plakatmalerwerkstatt Werner, die 1979 statt der üblichen Aufträge, Großplakate für Kinofilme zu malen, von Kippenberger – ohne es genauer zu verstehen – Aufträge für das Malen von Kunst-Bildern erhielt, ist ganz interessant. In der Folge entstand über zwei Jahre die Serie Lieber Maler, male mir. Und weil er damit die »Autorenschaft und Handschrift des Künstlers mit rotziger Kühnheit in Frage gestellt« hat, gilt dieser Zyklus wohl als bedeutendste Werkgruppe des Künstlers. Der Titel des Artikels ist aber schon ein bisschen peinlich. Auf assoziativer Ebene ist er einfach voll daneben gegriffen, Kippenbergers willige Vollstrecker degradiert die Mitarbeiter einer normalen Auftragswerkstatt zu wohlwissenden Mitläufern eines Machtgierigen, oder wie sonst darf die Anlehnung an Daniel Jonah Goldhagens Buch über »ganz gewöhnliche Deutsche und den Holocaust« verstanden werden.

Die Tate-Kuratorin Jessica Morgan erklärt »wie Kippenberger seinen Verehrern postum die Zunge rausstreckt« und gibt einen kurzen »Abriss über die vielen Leben des Künstlers«. Während man im deutschen Sprachraum sagt, dass eine Katze sieben Leben habe, geht die englische Variation des Idioms von neun Leben aus. So heisst der Beitrag zwar Die neun Leben des Martin Kippenberger, der neunte Punkt aber bleibt – ganz schön tricky – offen für das, was noch kommen kann. Die anderen acht Punkte fassen verschiedene Aspekte zu Kippenberger zusammen – als ein Text wäre das völlig o.K. gewesen. Dafür gleich zehn Webseiten anzulegen, wie es Spiegel-Online gemacht hat, wo dieser Beitrag von Monopol übernommen wurde, ist wohl etwas übertrieben, auch wenn es vielleicht zur Steigerung der Spannung dienen mag.

Links:
Monopol (das aktuelle Heft in Ausschnitten)
Die neun Leben des Martin Kippenberger bei Spiegel-Online

Adib Fricke, 16.03.07 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor

 

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